Logo

Der Regenbogen strahlt über Utopia

Susann Tonne (mit Kappe) beim Workshop, rechts Gesine Mahr.Fotos: Holm Wolschendorf
Susann Tonne (mit Kappe) beim Workshop, rechts Gesine Mahr. Foto: Holm Wolschendorf
Gelenkige Reime von Lubu Beatz.
Gelenkige Reime von Lubu Beatz. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Dunkle Wolken ballen sich über Eglosheim, doch der dortige Kelterplatz ist ungewohnt belebt an diesem frühen Montagabend. Eine bunte Mischung aus Männern und Frauen, Müttern und Kindern, Jung und Alt hat sich um eine improvisierte Bühne aus Europaletten geschart und lauscht Axel Brauch und Ronja Schweikert, wie sie eigene und fremde Texte lesen, die das Thema der Sozialutopie und den das Genre begründenden philosophischen Dialog „Utopia“, den Thomas Morus 1516 veröffentlicht hat, umkreisen. Das Ziel seiner Utopie: die „freie Pflege geistiger Bedürfnisse“. Wir sind zu Gast beim zweiten Abend der ersten Aktionswoche des Bürgertheaterprojekts „L’Utopia“, mit dem die „künstlerisch-experimentelle Forschungsreise“ nun erstmals im öffentlichen Raum Gestalt annimmt. Bereits seit Sonntag sind Axel Brauch, Gesine Mahr und Bettina Gonsiorek mit ihrem Team auf dem Kelterplatz zugange. „Als wir um 12Uhr gekommen sind, waren die Ersten schon da – wir konnten sofort anfangen, über die Platzgestaltung zu diskutieren“, berichtet Mahr, die als Bühnen- und Kostümbildnerin das neue Leitungsteam des Bürgertheaters mit Brauch als Regisseur und Gonsiorek als Produktionsleiterin komplettiert.

Erstaunlich viel ist in den wenigen Stunden seitdem entstanden – die bisherigen Workshops seien ausgesprochen gut angenommen worden, so Brauch: Nicht nur die kleine Bühne, auch Sitzgelegenheiten in verschiedenen Ausführungen wurden aus den mitgebrachten Paletten gezimmert. Im Lauf der Woche werden sie von Kindern bemalt. Unter einer überdachten Stahlrohrkonstruktion streckt sich ein langer Arbeitstisch: Dort zeigt Susann Tonne Jugendlichen gerade, wie sich aus Altkleidern Sitzpolster herstellen lassen. Das Besondere daran: Die ausgedienten Kleidungsstücke werden dabei nicht zerstört, wodurch sich diese Technik auch zum Einsatz in der Erinnerungs- und Trauerarbeit anbietet. „Mit dem Urban-Gardening-Workshop morgen kommen noch Pflanztröge dazu – der Platz wird sich jetzt jeden Tag verändern“, freut sich Brauch. Kontingenz ist ein nicht unbedeutender Faktor in diesem Prozess: Der Regenbogen, der nun die Szene überwölbt, lässt sich eben nicht bestellen.

Die Platzwand vor der Feuerwache bildet das „Café der Utopist*innen“, ein kleiner Kiosk, der auch auf dem Dach bespielbar ist. Neben Getränken erhält man dort auch Informationen zu den beiden „Audiowalks“, die als Multimediatour auf dem Mobiltelefon oder mittels vor Ort entleihbarer MP3-Player und Faltplan auf eine künstlerisch aufbereitete Entdeckungsreise durch den Stadtteil einladen. Mittlerweile haben Nahedh Zizo und Lupo von Lubu Beatz die kleine Bühne geentert und geben ihre ziemlich gelenkigen Reime über bollernden Neunziger-Hip-Hop-Beats zum Besten – jeweils ab 20 Uhr steht die Bühne für Darbietungen aller Art offen. Eine Stunde lang, dann muss Schluss sein – der Anwohner wegen. Die seien allerdings bis jetzt ausnahmslos angetan von dem kreativen Treiben vor ihrer Haustür, betont Mahr. Noch bis Sonntag schlägt das Herz von „L’Utopia“ auf dem Kelterplatz, im September geht es dann in Neckarweihingen weiter.

Weitere Infos gibt es unter www.tanzundtheaterwerkstatt.de.

Autor: