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Der Tod ist in diesen Jahren allgegenwärtig

Beim Historischen Verein wird der Blick zurück auf den 30-jährigen Krieg geworfen – Unglaubliches Leid für die Menschen auch in Württemberg

Gerhard Fritz berichtet anschaulich von den Schrecken dieses 30 Jahre dauernden Krieges. Foto: Holm Wolschendorf
Gerhard Fritz berichtet anschaulich von den Schrecken dieses 30 Jahre dauernden Krieges. Foto: Holm Wolschendorf

Fast 100 Jahre dauerte es, bis Württemberg sich von den Folgen des 30-jährigen Krieges erholt hatte. Erst im Jahr 1720 wurde annähernd die Bevölkerungszahl von 1628 wieder erreicht. „Wie haben unserer Vorfahren das alles nur ausgehalten?“ Das war die Frage, die Prof. Dr. Gerhard Fritz am Ende seines Vortrags am Donnerstagabend im Ludwigsburger Staatsarchiv bewegte.

Auf Einladung des Historischen Vereins ließ er die Schrecken dieses Krieges, der als regionaler Religionskonflikt begann, anschaulich Revue passieren. Deutschland, und vor allem der Südwesten, wurde zum Schlachtfeld, auf dem die europäischen Großmächte ihren Konflikt austrugen. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Herzogtum Württemberg, wo die kaiserliche Partei versuchte, durch die Rekatholisierung der zahlreichen Klöster die Reformation rückgängig zu machen.

In der Region wurden Orte wie Bietigheim-Bissingen, Besigheim, Schorndorf, Waiblingen und Winnenden sowie unzählige Dörfer teilweise oder sogar komplett zerstört. Besonders betroffen war Großbottwar, wo spanische Söldner rund 70 Männer ermordeten, Frauen vergewaltigten und Häuser plünderten.

Eigentlich habe Württembergs Herzog Eberhard III. sich aus dem kriegerischen Konflikt heraushalten wollen, so der Historiker. Mit den fremden Soldaten, „stinkende, ungewaschene Kerle“, die sich in den Städten einquartierten, wurden auch Krankheiten und Seuchen eingeschleppt. Die erste Pestepidemie 1626 betraf vor allem den Südwesten Deutschlands, ein Drittel der Bevölkerung wurde dahingerafft. Für Gerhard Fritz ist es wichtig, die Pest- und Hungertoten nicht zu vergessen, wenn man von den Todesopfern des 30-jährigen Krieges spricht. „Nicht der Krieg allein war der Menschenkiller“, betonte er.

Auch Vergewaltigungen von Frauen habe es gegeben, diese wurden als Schande empfunden und deshalb totgeschwiegen. In Gedichten jener Zeit wird das Thema angedeutet, wenn von „ungewissen Kindern“ als Ergebnis dieses Missbrauchs die Rede ist. „Der Tod war allgegenwärtig“, machte Gerhard Fritz anhand von historischen Zeichnungen und des Textes „Flandrischer Totentanz“ deutlich. Auch Gedichte wurden rezitiert. Von der Schlacht bei Nördlingen (1634) war die ländliche Bevölkerung besonders betroffen. Die kaiserlichen Truppen fielen anschließend in Württemberg ein, verwüsteten viele Städte und ganze Landstriche.

Er habe sich immer gefragt, warum so viele Häuser einfach verschwunden seien, so der Geschichtsforscher. Seine Erklärung: Die Soldaten haben das Material der Fachwerkhäuser als Brennholz benutzt. Die Fensterfassungen aus Blei wurden zu Munition verarbeitet. Es gibt kein Dorf, das nicht geplündert und zerstört wurde. Die Soldaten nahmen den Bauern Vieh und Pferde weg.

Zuwanderung aus Schweiz, Tirol und Steiermark

Die zweite Pestwelle 1634 bis 1636 dezimierte die Bevölkerung ein zweites Mal um ein Drittel. Etliche der Überlebenden flohen. „Viele Familien, die in den Städten tonangebend waren, waren plötzlich verschwunden“, so Fritz und untermauerte das mit einer Zahl aus Waiblingen: Die Zahl der Familien war dort nach dem Krieg von 400 auf 102 gesunken, nur 20 hatten auch vorher dort gelebt.

„Nach dem Krieg war eigentlich alles wie vorher“, so Fritz: Die Klöster, die zwischenzeitlich in den Besitz der katholischen Kirche und des deutschen Kaisers gelangt waren, gehörten wieder dem Herzog von Württemberg. Doch die Städte und auch das Land waren verwüstet: Auf den Feldern wucherte Gestrüpp: Es fehlte an Arbeitskräften, Zugtieren und Saatgut, um die Ackerfläche zu bewirtschaften. Das sollte 15 bis 20 Jahre so bleiben. Gezielt wurden Menschen aus konfessionsgleichen Ländern wie der Schweiz, Tirol, Steiermark und Salzburg ins Land geholt. Die Bevölkerungszahl sollte steigen.

In Kirchenbüchern ist dokumentiert, dass es zahlreiche Eheschließungen zwischen Männern und Frauen gab, deren Partner durch Krieg, Seuchen oder Hunger gestorben waren. Viele Bauern fürchteten, in ihre Dörfer zurückzukehren: Der Mensch war verschwunden, dafür hatte sich der Wolf stark ausgebreitet: Aus Sulzbach an der Murr ist überliefert, dass sich dort nachts Wölfe auf dem Marktplatz tummelten.

„Der Mensch scheint so konstruiert zu sein, dass er sogar so etwas aushält“, so das Fazit von Gerhard Fritz. Bereits im Jahr 1635 seien fast alle Beteiligten zum Frieden bereit gewesen, weil der Krieg so mörderisch und brutal gewesen sei. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er längst seinen konfessionellen Charakter verloren. „Es ging nur noch um Macht“, so Fritz. Erst der Westfälische Frieden, der im Jahr 1648 in Münster geschlossen wurde, setzte einen Schlusspunkt hinter diesen 30 Jahre und fünf Monate währenden Konflikt.

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