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Prävention

Der Tod lauert im Gleisbett

Bundespolizei informiert Jugendliche nach Mutprobe am fahrenden Güterzug vor Gefahren an der Schiene

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Die Sogwirkung durchfahrender Züge an Bahnhöfen – wie hier in Sachsenheim – wird oft unterschätzt.
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Polizeioberkommissarin Bianca Castan von der Bundespolizei in einer Klasse der Eichwald-Realschule.Fotos: Alfred Drossel

Ludwigsburg. Die Kleinsten legen Steinchen auf die Schienen. Jugendliche erklettern Waggons. In Lebensgefahr bringen sich alle, die den Schienenstrang für einen Spielplatz halten. Die Präventionsbeauftragte der Bundespolizeiinspektion Stuttgart, Bianca Castan, gibt Präventionsunterricht in Sachsenheimer Schulen. Der Grund: Am örtlichen Bahnhof war ein 15-Jähriger auf einen langsam fahrenden Güterzug gesprungen. Zum Glück lief damals alles glimpflich ab.

Eindruck hat die Tat des Schülers aber offensichtlich gemacht, denn im Unterricht wurden Überlegungen zum Nachmachen bekannt, wie Polizeioberkommissarin Bianca Castan erfahren haben will. Die Präventionsbeauftragte der Bundespolizeiinspektion Stuttgart hat auch ein ganz persönliches Interesse, Schüler zur warnen. Denn Bianca Castan wohnt in Sachsenheim und ist Mitglied des Gemeinderates.

In Sachsenheim ist das Thema „Gefahren auf Bahnanlagen“ neu. Anlass ist ein Vorfall, der sich am 12. Januar am Bahnhof in Sachsenheim ereignete. Ein 15-Jähriger sprang im Beisein von Mitschülern an die Trittleiter eines mit geringer Geschwindigkeit vorbeifahrenden Güterzugs mit Fahrtrichtung Sersheim auf. Der Jugendliche stürzte dabei zwischen Zug und Bahnsteigkante. Er erlitt mehrere Schürfwunden im Brustkorbbereich und Rücken sowie an beiden Armen und dem linken Bein. Aufgrund weiterer Beschwerden musste er am nächsten Tag zur weiteren ärztlichen Beobachtung in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Der Vorfall wurde rasch publik. Da bekannt wurde, dass es Nachahmer geben könnte, ging die Präventionsbeauftragte der Bundespolizei auf die Schulleitungen, die Klassenlehrerin und einen Erziehungsberechtigten des betroffenen Jugendlichen zu.

In mehreren Schulklassen fand bisher Präventionsunterricht statt. „Wir wollen die Schüler auf die Gefahren an Bahnanlagen hingewiesen und sie ausdrücklich für die lebensgefährlichen Folgen bei etwaigen leichtsinnigen Verhalten sensibilisieren“, sagt Bianca Castan.

Gestern fand der Unterricht in einer Klasse der Eichwald-Realschule statt. Außerdem haben Beamte der Bundespolizeiinspektion Stuttgart gemeinsam mit Beamten des Polizeipostens Sachsenheim eine Präventionsaktion am Bahnhof durchgeführt. Dabei haben die Beamten Reisende auf den Bahnsteigen auf die Gefahren am Schienenstrang hingewiesen und Fragen beantwortet.

Viele Fragen der Schüler musste auch Bianca Castan im Unterricht beantworten. Das war ihr auch wichtig. Unterstützung bekam sie von einem Zeichentrickfilm der Bahn, „Olis Chance“: Einem Jungen wird die Möglichkeit gegeben, aus seinen Fehlern zu lernen. Andere verloren ihr Leben.

Die Sogwirkung eines vorbeifahrende Zuges und seine Geschwindigkeit bis zu 180 Stundenkilometern im Bahnhof würden oft unterschätzt, stellte die Beamtin fest. Sie warnte vor Mutproben und wies bei Schäden darauf hin, dass Verursacher 30 Jahre lang zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Angesprochen wurde auch das Thema Suizid auf den Gleisen. „Stellt euch einmal vor, wie es dem Zugführer in so einem Fall ergeht“, sagte sie.

Thema ist auch die Gefahr, die von der stromführenden Oberleitung ausgeht. Schon im Abstand von 1,50 Metern kann sich ein Lichtbogen zwischen der Leitung und dem menschlichen Körper bilden. Ein Schlag mit 15 000 Volt Spannung droht.

Werden die Gefahren unterschätzt? Sind sie vielen Kindern und Jugendlichen gar nicht bekannt? Bianca Castan sieht es so: Die Warnschilder würden nicht weiter wahrgenommen, es gebe keine klaren Anzeichen, wie gefährlich die Oberleitung wirklich ist. Man müsse zudem davon ausgehen, „dass den jungen Menschen das physikalische Wissen fehlt, um die Situation einzuordnen“.

Warum junge Leute etwa Trainhopping machen, wollte Bianca Castan wissen. Die Antwort eines Jungen: „Weil er Freunden imponieren oder die Freundin beeindrucken möchte. Nur deshalb macht er so etwas.“