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Schlossfestspiele

„Dido & Aeneas“ im Ludwigsburger Forum: Musik-Tanz-Theater in Vollendung

Begeisternd: Purcells „Dido & Aeneas“ mit Sasha Waltz & Guests gastiert an drei Abenden bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Dafür gibt es lange, begeisterte Ovationen – aus gutem Grund.

Kollektive Bewegungsrituale zeigen das Unheimliche: „Dido & Aeneas“. Foto: Bernd Uhlig/p
Kollektive Bewegungsrituale zeigen das Unheimliche: „Dido & Aeneas“. Foto: Bernd Uhlig/p

Ludwigsburg. Terpsichore, Thalia, Euterpe – die Musen des Tanzes, des Theaters und der Musik – wirken selten so glücklich zusammen in einem Gesamtkunstwerk wie in Sasha Waltz‘ Tanzoper „Dido and Aeneas“. Die seit ihrer Premiere im Jahr 2005 in vielen Ländern und auf zahlreichen Festivals gezeigte Produktion war nun endlich auch bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen zu sehen, eigentlich sollte sie schon im Mai 2020 die erste Saison des neuen Intendanten Jochen Sandig eröffnen, doch Corona kam dazwischen. Was das Publikum im Forum erlebte, waren musikalische und tänzerische Sternstunden mit der von Christopher Moulds geleiteten Akademie für Alte Musik und dem Vocalconsort Berlin, mit exzellenten Sängerdarstellern und dem grandiosen Tanzensemble der Choreographin Sasha Waltz, die auch Regie führte.

Mit einem Sprung ins Meer beginnt das Stück um Liebe und Schicksal, die weniger von menschlicher Vernunft als von unbewussten Kräften geleitet werden, welche in Purcells barockem Musikdrama als mythische Götterwesen repräsentiert sind. Phoebus und Venus, Amor und Jupiter werden vom Chor zitiert, von Tritonen und Nereiden wird im Prolog gesungen, der auf der Bühne von zauberhaften Unterwasserspielen begleitet wird. In dem Wassertank auf der Bühne schlängeln, drehen, wippen, umarmen sich Tänzerinnen und Tänzer, eingehüllt in ihre wehenden Kleider. Chor und Orchester feiern „diesen heiteren Tag“, in einem der dem Opernlibretto von Nahum Tate hinzugefügten Tanzlieder heißt es: „Lockende Stunden stehen euch bevor.“ Doch die unbeschwerte Fröhlichkeit ist nicht von Dauer. Plötzlich stehen zwei Kämpfer auf der leeren Bühne, in der Slow-Motion-Pose des Bogenschützen: Aeneas (der Tänzer Virgis Poudziunas) und Aeneas (der Bariton Nikolay Borchev), Flüchtlinge aus dem Trojanischen Krieg, die mit ihren Gefährten in Karthago gestrandet sind.

Eine tragisch endende Liebesgeschichte

Sasha Waltz erzählt die nun beginnende und tragisch endende Liebesgeschichte mit der karthagischen Königin Dido abstrakt, doch mit sinnlich überwältigenden Bildern: die Gruppe der Trojaner, mit einem Kind auf den Schultern, die willkommensbereiten, stilvoll gekleideten Karthagerinnen, mit der doppelten Dido (Marie-Claude Chappuis und Clémentine Deluy) in der Mitte. Chappuis singt von „torments not to be confessed“: die unaussprechlichen Qualen sind Liebesklagen. Ihre Gefährtin Belinda (Aphrodite Patoulidou / Sasa Queliz) rät zum Glücklichsein: „Fortune smiles, and so should you!“ Während sich die Tanz-Dido noch in Qualen windet, schmiegt sich die Seele-Dido (Michal Mualem) schon in eine Aeneas-Umarmung. Diese von Sasha Waltz wunderbar anschaulich und einfühlsam choreographierte Szene gehört zu den absoluten Höhepunkten der Aufführung.

Dreierkonstellationen (Körper, Geist, Seele?) sind ein Leitmotiv in dieser Tanzoper, die zum Beispiel wie ein Zitat der drei Grazien aus der griechischen Mythologie zum Ende des 1. Akts zum Gesang „Fürchtet nichts, euch droht keine Gefahr“ auftauchen. Nun irrt ein Kind wie im Schattenriss über die Bühne, und aus einem der schwarzen Fenster der Kulisse quillt ein orientalisch bunter Hofstaat, untermalt von heiterer Musik und fröhlichstem Gesang: „Tanzt und trollt, ihr Liebesgötter, euch gehört der Tag!“ Die farbenfrohen Kleider fliegen hoch, ein Hochzeitspaar wird üppig ausstaffiert, doch plötzlich ist die Bühne leer, ein einsamer Tänzer bewegt sich widerstrebend, wie magnetisch angezogen, auf eine Falltür zu, die sich öffnet. Virgis Puodziunas ist mit seinem eindrucksvollen Solo das Aeneas-Pendant zur Dido-„Seele“: Mit seinem Sturz in die Unterwelt beginnt der Hexensabbat. Auch hier verzichtet Waltz auf Kostümklamauk, allein die kollektiven Bewegungsrituale zeigen das Unheimliche, Bedrohliche der Szene, die sich zu gespenstischen Körperklumpen steigert.

Eine der berühmtesten Arien der Operngeschichte

Tänzer hängen an den Seilen eines Mobiles, Körper rollen wie Steine über die Bühne, Menschenschlangen schleudern die Fäuste gen Himmel, getanzte Bilder von Zerstörung und Verwüstung begleiten den vom falschen Jupiterboten verkündeten Auftrag an Aeneas, Karthago zu verlassen.

Die Schlussszene vermittelt stärkste choreographische Eindrücke: In zwei schwankenden Reihen stehen sich Karthager und Trojaner gegenüber, Deluy und Malkowski versuchen sich, in der Horizontale gehalten von ihrer Gruppe, mit den Fingerspitzen zu berühren, umsonst. Als Aeneas sie verlässt, geht Dido in den Tod: „When I am laid in earth“ gehört zu den berühmtesten Arien der Operngeschichte, und die Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis singt sie vollkommen. Ihr „Remember me! (Denkt an mich!)“ hallt noch nach, wenn eine Tänzerin vier schlichte Feuerschalen auf der dunklen Bühne entzündet, die zu den letzten Klängen der Akademie für alte Musik verlöschen. Lange, begeisterte Ovationen.

Info: Am Sonntag, 22. Mai, um 19 Uhr im Forum gibt es die letzte der drei Aufführungen von „Dido & Aeneas“ bei den diesjährigen Schlossfestspielen. Weitere Infos und Karten unter www.schlossfestspiele.de.

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