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Ausstellung

Die Heimatdichter und das Dritte Reich

Die Verstrickung der schwäbischen Heimatdichter in den Nationalsozialismus ist Thema einer Ausstellung im Staatsarchiv. Im Fokus steht dabei auch der in Oßweil geborene August Lämmle. Für diesen war Hitler „der mutigste Mann in der Geschichte der Deutschen“.

Der Lobgesang von August Lämmle auf den NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr (links). Der Ausstellungsmacher Stephan Molitor und der Archivleiter Peter Müller vor dem Schaukasten mit Materialien über August Lämmle.Fotos: Holm Wolschendorf
Der Lobgesang von August Lämmle auf den NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr (links). Der Ausstellungsmacher Stephan Molitor und der Archivleiter Peter Müller vor dem Schaukasten mit Materialien über August Lämmle. Foto: Holm Wolschendorf

Als der NSDAP-Gauleiter in Württemberg, Wilhelm Murr, im Dezember 1938 seinen 50. Geburtstag feiert, erreicht ihn auch eine Huldigung des Heimatdichters August Lämmle. Darin heißt es: „Glücklich preis ich den Staat, dem gütige Götter gegeben, Führer und Volk aus dem ewig-einzigen Brunnen des Bluts“.

Lämmle und 22 seiner Kollegen stehen bei der neuen Ausstellung im Staatsarchiv im Mittelpunkt. „Der ‚Schwäbische Dichterkreis‘ von 1938 und seine Entnazifizierung“ lautet deren Titel. Im Dezember 1938 wurde nämlich nicht nur der 50. Geburtstag des Gauleiters und Reichsstatthalters Murr gefeiert, sondern auf seine Initiative hin wurde auch der besagte Dichterkreis gegründet.

Die 23 Namen sind heute mehr oder weniger vergessen. Lokalgeschichtlich spielen sie allerdings durchaus noch eine Rolle. In Ludwigsburg sind das vor allem der 1876 hier geborene August Lämmle und die 1951 in Ludwigsburg gestorbene Autorin Auguste Supper. Beide waren Mitglieder im Dichterkreis – und beide haben sich, das zeigt die Ausstellung, mit großer Verehrung über Hitler und den Nationalsozialismus geäußert.

„Man weiß sehr wenig darüber, was der Dichterkreis eigentlich gemacht hat“, sagt Stephan Molitor, der stellvertretende Leiter des Staatsarchivs. Gemeinsam mit Tübinger Studenten hat Molitor die Ausstellung, die heute eröffnet wird, konzipiert. Der Schwäbische Dichterkreis ist bisher wenig erforscht. Für die Ausstellung wurden die Werke der 23 Mitglieder und ihre Entnazifizierungsakten, die im Staatsarchiv lagern, untersucht.

Laut Stephan Molitor war der Dichterkreis für die NS-Führung eine Möglichkeit, die Schriftsteller besser zu kontrollieren und sie auf Spur zu bringen. Private Treffen der Künstler sollten dadurch verhindert werden. Zudem ist der Kreis auch als ein Versuch zu verstehen, die schwäbische Heimatdichtung in den Dienst der NS-Herrschaft zu stellen.

Für die Autoren, viele von ihnen lebten am Rand des Existenzminimums, war der Bund dagegen eine Möglichkeit, mit Unterstützung von oben bekannter zu werden. Glühende Nationalsozialisten waren nicht alle Mitglieder, erzählt Molitor. Mindestens die Hälfte gehörte aber zur NSDAP und völlig unbescholten oder gar in Opposition zum NS-System war keiner der 23 Frauen und Männer. Mit jedem Einzelnen von ihnen setzt sich die Ausstellung auseinander. Neben der Kurzbiografie gibt es markante Zitate aus den Werken, meist geht es dabei um eine Verherrlichung der NS-Ideologie und Hitlers oder um Antisemitismus. Ergänzt werden die Zitate durch Ausstellungsstücke aus dem Staatsarchiv – zum Beispiel Entnazifizierungsakten.

Besonders interessant für Ludwigsburg sind die Namen Lämmle und Supper. Die Rolle von Supper, die von 1923 bis zu ihrem Tod in Ludwigsburg lebte, ist heute mehr oder weniger geklärt. Sie als glühende Hitler-Verehrein zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Zum 50. Geburtstag widmete sie dem „Führer“ 1939 ein Gedicht, in dem es heißt: „Nun schauen wir, geblendet, doch bereit, ins Morgenrot von Deutschlands größter Zeit. Der Retter, der ihr Bahn brach, sei gesegnet! In seinem Kommen ist uns Gott begegnet.“

Etwas schwieriger ist die Rolle von Lämmle, auch wenn dieser sich ebenfalls eindeutig geäußert hat – die Ausstellung hat dazu neue Quellen gefunden, zum Beispiel ein Lob der Arierparagrafen durch Lämmle. Zum Verhängnis wurde ihm aber das Vorwort zu einer Neuauflage seines Buchs „Herz der Heimat“ von 1940. Dort heißt es etwa: „Und da Gott den Mutigen hilft, gab er uns den Führer, den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen.“

Sowohl Supper als auch Lämmle wurden nach dem Krieg in ihren Spruchkammerverfahren als Mitläufer eingestuft. In den vergangenen Jahren gab es in Ludwigsburg Bestrebungen, die nach Supper und Lämmle benannten Straßennamen zu ändern. In beiden Fällen fand die Idee aber keine Mehrheit im Gemeinderat.

Nach dem Krieg wollten die meisten Mitglieder vom Dichterkreis nichts mehr hören. Und so kam es auch. „Spätestens 1950 war die Sache vergessen“, sagt Molitor. Erst jetzt – 80 Jahre später – wirft das Staatsarchiv einen Blick auf dieses Kapitel der württembergischen Geschichte.

Info: Die Ausstellung im Staatsarchiv ist bis zum 6. September zu sehen. Heute eröffnet sie um 19 Uhr mit dem Vortrag: „Dichter für Heimat und Reich – Identitätsvorstellungen im ‚Schwäbischen Dichterkreis‘ von 1938. Gastredner ist Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki.

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