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Arbeitskreise Asyl

Die Ungewissheit ist für viele erdrückend

Aktion auf dem Marktplatz mahnt zur Solidarität mit Afghanistan – Unter den Taliban verschärft sich die Lage immens – Sorge auch um die Verwandten

Eine Mahnwache der Asylkreise macht auf die schwierige Situation seit der Rückeroberung durch die Taliban aufmerksam. Foto: Holm Wolschendorf
Eine Mahnwache der Asylkreise macht auf die schwierige Situation seit der Rückeroberung durch die Taliban aufmerksam. Foto: Holm Wolschendorf

Etwa ein Dutzend Mitglieder von verschiedenen Asylarbeitskreisen im Landkreis Ludwigsburg haben sich am Samstagmittag vor der katholischen Kirche auf dem Marktplatz versammelt. Die Arbeitskreise weisen in unmittelbarer Nachbarschaft zum quirligen Marktreiben auf die verzweifelte Lage vieler Afghanen hin, die nach der Zusammenarbeit mit den nun abgezogenen Nato-Truppen im Land festsitzen und um ihr Leben fürchten müssen.

Nach der Machtübernahme durch die Taliban sind erschreckende Bilder um die Welt gegangen, die Medien berichten so intensiv wie lange nicht mehr über die aktuelle Lage am Hindukusch. Die Arbeitskreise haben sich deshalb für einen stillen Akt der Solidarität in Form einer Mahnwache entschieden.

„Eine Demonstration war in der kurzen Zeit nicht zu organisieren“, sagt Lizzy-Belinde Jöckel vom Arbeitskreis Tamm aktiv für Flüchtlinge. Sie engagiert sich auch in der Lobbyarbeitsgruppe für Flüchtlinge des Forums Asyl, in dem sich mehr als 50 Asylarbeitskreise im Landkreis Ludwigsburg zusammengeschlossen haben. „Vor einer Woche haben wir beschlossen, dass eine Mahnwache der beste Weg ist, um unter den gegebenen Umständen Gesicht zu zeigen.“

Auf Plakaten haben die Organisatoren Forderungen an die Politik formuliert. „Besonders wichtig ist, dass die Frauenrechte nicht zurückgefahren werden“, sagt Jöckel. „Das war gleich mein erster Gedanke, als die USA den Abzug ihrer Truppen bekanntgaben. Da musste allen klar sein, was jetzt auf die afghanischen Frauen zukommt.“ Jöckel bedauert, dass sich die Lage der afghanischen Frauen in den vergangenen Jahrzehnten massiv verschlechtert hat. Noch in den 70er Jahren hätten Frauen in Kabul wesentlich selbstbestimmter als heute gelebt und sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit gezeigt. Nun seien praktisch nur noch Männer auf den Straßen unterwegs. Frauen trauten sich nicht mehr vor die Haustür, Mädchen dürften nicht mehr in die Schule – in nur wenigen Wochen haben die wiedererstarkten Fundamentalisten die in den vergangenen 20 Jahren mühsam errungenen Erfolge um Gleichberechtigung zunichte gemacht.

Im Landkreis Ludwigsburg lebende Afghanen hätten ihm berichtet, dass die Taliban nun Zwangsheiraten anordneten, sagt Nazario Melchionda von der Ökumenischen Fachstelle Asyl von Caritas und Diakonie. Immer wieder wendeten sich verzweifelte Afghanen an ihn, deren Angehörige nun in größter Gefahr schweben. „Aber wir haben momentan keine Möglichkeiten, zu helfen“, sagt Melchionda. „Auch die ausländischen Botschaften wurden geschlossen, die Menschen sind jetzt auf sich alleine gestellt.“

Murtaza Amiri hat viele Verwandte in Afghanistan. Er selbst kam im August 2015 nach Deutschland. 2018 konnte er seine Frau nachholen, jetzt erwarten beide ein Kind. Sie sind in Sicherheit, doch die Sorge um die Angehörigen ist groß. „Das belastet mich schon sehr“, erzählt Amiri, der sich die deutsche Sprache in den vergangenen Jahren fließend angeeignet hat.

Ein Onkel von ihm etwa habe in Ghazni, einer 150 Kilometer südwestlich von Kabul gelegenen Provinzhauptstadt, als Bauingenieur für die polnische Armee gearbeitet. Auch Amiri selbst kommt ursprünglich aus Ghazni. Als die Taliban die Stadt einnahmen, sei der Onkel mit seiner Frau und vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen zwei und 13 Jahren, Hals über Kopf nach Kabul geflüchtet.

Dort kamen sie bei Verwandten unter. In deren Wohnung halte sich die Familie seit etwa zwanzig Tagen versteckt. Auf die Straße zu gehen, sei völlig ausgeschlossen. „Für alle, die mit den ausländischen Truppen zusammengearbeitet haben, ist es jetzt sehr gefährlich“, sagt Amiri.

Der Flughafen in Kabul sei dicht, die Flucht über den Landweg ohne Visum aussichtslos. Nachbarländer wie Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan hätten bereits die Grenzen zu Afghanistan geschlossen. „Alle haben große Angst“, meint Amiri. Die Ungewissheit ist erdrückend. „Meine Verwandten haben gehört, dass Deutschland gefährdete Menschen aus dem Land holen will. Sie bitten mich, Ihnen zu helfen. Aber im Moment kann ich leider nichts für sie tun.“

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