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FEUERWEHR

„Du musst das leben, anders geht es nicht“

Zum Jahreswechsel endet für Hans-Peter Peifer und die Feuerwehr eine Ära: Der hauptamtliche Feuerwehrmann geht nach 40 Jahren in den Ruhestand. Für viele Ludwigsburger ist „der Hans“ das Herz der Feuerwehr - und bleibt ihr ehrenamtlich noch erhalten.

Eine Art zweite Heimat ist Hans-Peter Peifer die Fahrzeughalle geworden. Die er mit seinem offiziellen Ruhestand nicht missen muss: Noch über zwei Jahre bleibt er der Freiwilligen Feuerwehr Ludwigsburg erhalten, wie auch als stellvertretender Kommand
Eine Art zweite Heimat ist Hans-Peter Peifer die Fahrzeughalle geworden. Die er mit seinem offiziellen Ruhestand nicht missen muss: Noch über zwei Jahre bleibt er der Freiwilligen Feuerwehr Ludwigsburg erhalten, wie auch als stellvertretender Kommandant. Foto: Ramona Theiss
21 Jahre jung war der Gerlinger, als er sich mit diesem Foto in Ludwigsburg bewarb.
21 Jahre jung war der Gerlinger, als er sich mit diesem Foto in Ludwigsburg bewarb.
Bleibende Erinnerung: Seine Kameraden der hauptamtlichen Abteilung haben sich auf seinem Einsatzhelm verewigt.
Bleibende Erinnerung: Seine Kameraden der hauptamtlichen Abteilung haben sich auf seinem Einsatzhelm verewigt.
Abschied von Hans-Peter Peifer (2.v.r.) auf dem Hof der Feuerwache mit OB Matthias Knecht, Kommandant Ben Bockemühl und Erstem Bürgermeister Konrad Seigfried. (v. l.).Fotos (3): privat
Abschied von Hans-Peter Peifer (2.v.r.) auf dem Hof der Feuerwache mit OB Matthias Knecht, Kommandant Ben Bockemühl und Erstem Bürgermeister Konrad Seigfried. (v. l.).Fotos (3): privat

Ludwigsburg. Herr Hirschmann ist schuld. Der Hausmeister fand anno 1976 offenbar die richtigen Worte, als ein erkennbar unausgelasteter Hauptschüler nach dem Sportunterricht mit seinem Freund den Feuerlöscher von der Wand nahm und die Gerlinger Jahnhalle kurzerhand einschäumte. „Geh doch gleich zur Feuerwehr.“ In Würde ergraut sitzt der stellvertretende Feuerwehrkommandant Hans-Peter Peifer 45 Jahre später in der Ludwigsburger Hauptwache am Tisch und grinst immer noch. „Ein Gramm reicht für einen Quadratmeter, das war eine Riesensauerei.“

Nach zwei Tagen Strafputzen beherzigte der 16-Jährige des Hausmeisters Rat, zur Freiwillen Feuerwehr in Gerlingen kam eine Mechanikerlehre bei Bosch, dann dort zwei Jahre Werkfeuerwehr. Nicht genug, fand er. „Das war mir irgendwann zu langweilig.“ Ludwigsburg sagte dem 21-Jährigen ein paar Stunden schneller zu als die Stuttgarter Berufsfeuerwehr, am 1. Mai 1981 wurde er die Nummer 18 in Ludwigsburgs hauptamtlicher Feuerwehr. Auch wenn er erst zehn Jahre später hinzog, dann aber richtig: Ab 1991 wohnte er mit seiner Frau und später zwei Kindern in einer der Wohnungen in der frisch gebauten Hauptwache.

Als wir uns vergangene Woche dort treffen, ist es gerade ein paar Stunden her, dass sein direkter Dienstherr, Erster Bürgermeister Konrad Seigfried, sich mit Oberbürgermeister Matthias Knecht im Kreise seiner Kameraden von ihm verabschiedet hat: „Hans-Peter Peifer war, ist und bleibt ein idealer Feuerwehrmann, mit unglaublich viel Herzblut. Er brennt für diese Aufgabe, und man kann sich kaum vorstellen, was er sonst in seinem Leben so erfolgreich gemacht hätte.“ Was weder der Hausmeister noch der 21-Jährige damals ahnen konnten und der heute 61-Jährige immer noch nicht ganz fassen kann: Es wurden knapp 40 Jahre, zum Jahreswechsel scheidet Hans-Peter Peifer aus der hauptamtlichen Feuerwehr aus.

Sichtlich ergriffen schaut der so Gelobte auf seinen Einsatzhelm, auf dem sich die ganze Abteilung I verewigt hat. Heute hat die Hauptamtliche keine 18 Mitarbeiter mehr, sondern 47. Und die Feuerwehr ist eben nicht nur eine Firma. „Das sind keine Kollegen, das sind Kameraden.“ Kameradschaft, das Wort fällt häufig, wenn man mit dem 61-Jährigen spricht.

Mehr als 8000 Einsätze hat Hans-Peter Peifer schätzungsweise mitgemacht – häufig als Einsatzleiter –, hat sich seit der Grundausbildung zum Fachmann entwickelt, gab als erster Rettungssanitäter der Abteilung I den Startschuss für eine grundständige Ausbildung. Er bildete in 35 Jahren für den Landkreis über 2000 Feuerwehrmänner und -frauen aus, wofür er die bundesweit zweithöchste Auszeichnung des Feuerwehrverbands, das Deutsche Feuerwehrehrenkreuz in Silber, bekam. Er erlebte von Richard Zürn bis Ben Bockemühl fünf Kommandanten, wurde selbst zunächst als zweiter und 2018 dann als erster Stellvertreter gewählt, im Tandem mit Alex Huppert. Er sprang ein, als es nach den Querelen um Kommandant Andreas Thoß keinen Ersatz gab und es die Feuerwehr fast zerriss, als – mittlerweile verurteile – junge Kameraden vorsätzlich Einsätze auslösten, hielt die Stellung und die Feuerwehr am Laufen, als Bockemühl noch ein Jahr Ausbildung absolvierte. Auch ist er stellvertretender Kreisbrandmeister und zweiter stellvertretender Kreisfeuerwehrverbandsvorsitzender.

„Dem Hans hören sie zu“, heißt es bei der Feuerwehr, er selbst sagt: „Wir können nur als Team funktionieren.“ Heißt: Disziplin und üben, üben, üben, damit die Abläufe stimmen. Andererseits: „Du musst improvisieren können.“ Ob Schwelbrand oder überschlagenes Auto, wichtig sei die Mischung aus Erfahrung und Kreativität, um schnelle Lösungen zu finden. „Kein Einsatz ist gleich.“ Über allem steht: „Respekt ist wichtig. Du darfst nie überheblich sein oder in der Konzentration nachlassen.“ Er selbst lag schon mit zwei Stromschlägen auf der Intensivstation, bekam einen Dachziegel auf den Kopf, holte sich eine Schulterprellung, weil er von der Leiter rutschte, oder eine Rauchvergiftung, weil es ihm im Einsatz die Maske runterzog. Bedauern, Angst? Schulterzucken. „Du musst das leben, sonst funktioniert es nicht.“

Und er hat erlebt und vorangetrieben, wie sich die Feuerwehr professionalisierte. Als Kind hörte er noch die Einsatzsirene, dem Nachbarn in Gerlingen wurde später eine sogenannte Weckerlinie von der Wache gelegt, die manuell gezogen wurde und eine Glocke in Gang setzte. Den Piepser hat heute das Handy ersetzt, der Digitalfunk ist im Werden, und der Kampf um neue Fahrzeuge oder auch mal ein Rettungsboot ist ein ewiger, aber oft genug auch erfolgreicher. Feuerwehr, das sei immer noch ein geachteter Beruf – auch wenn es mit dem Wandel der Arbeits- und Lebenswelten immer schwieriger werde, gute Mitarbeiter, auch freiwillige, zu finden, sagt er.

Wichtig ist für ihn, dass sich die Feuerwehr gewandelt hat vom reinen „Retten-Löschen-Bergen-Schützen“ zur professionellen Truppe, bei der es auch um den Menschen unterm Helm geht. Früher, erzählt er, habe man die jungen Kameraden mitten hineingeschickt in die Hölle, Schwerverletzte rausschneiden, Opfer aus dem Brandhaus bergen. „Da haben sich Dramen abgespielt.“ Viele Helfer waren traumatisiert. Umso stolzer ist er auf einen Brief von dem Notfallseelsorger und Neckarweihinger Pfarrer Olaf Digel, der sich ausdrücklich bedankt, wie sehr sich die Notfallseelsorge und die Einsatzkräftenachsorge unter seiner Führung, gemeinsam mit Frank Pfersich, verbessert habe. „Früher hat man nach dem Einsatz ein paar Bier getrunken und gut war. Heute gibt es Einsatzanalyse, Gespräche und Hilfsangebote.“

Dabei seien die schweren Unfälle und auch schweren Brände deutlich weniger geworden, sagt er. Und er selbst habe sich gewandelt. Einerseits mehr Gelassenheit und Routine, andererseits „wird die Haut dünner“. Vor vielen Jahren starben vier Kinder bei einem Hausbrand, die sich im Schrank und unterm Bett versteckt hatten. Er schaut auf seine Hände. „Sie könnten heute noch leben, wenn sie rausgelaufen wären. Kinder reagieren anders.“ Seitdem ist es Teil der Ausbildung, solche Szenarien einzubeziehen.

Doch es gab auch schöne Einsätze wie die stundenlange Jagd nach einem Papagei in einem Baum – per Drehleiter. Am Ende hatte Hans-Peter Peifer die Idee, den Partnerpapagei in einem offenen Käfig auf den Boden zu stellen. Er lacht: „Schwups, war der andere drin.“ Oder das Kind, das mit einem Fuß in einem Gitter auf dem Karlsplatz steckenblieb und vor versammelter Kirchengemeinde herausgeschnitten wurde: Ob die damals Sechsjährige immer noch seinen Schlüsselanhänger mit sich herumträgt, einen Feuerwehrmann, den er ihr gegeben hat, weiß er nicht. Aber dass Feuerwehrmann mehr ist als nur löschen und bergen, sehr wohl: „Wir müssen immer verlässlich sein.“ Und da kommt es wieder: „Unsere gute Kameradschaft wirkt auch nach außen.“

Sein Berufsleben als Feuerwehrmann endet am 31. Dezember um 24 Uhr. Er wird, wen wundert’s, Bereitschaft haben. „Das passt.“ Ab dann ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, mit einer Woche Bereitschaft pro Monat. Bis zur Neuwahl 2023 bleibt er zudem erster stellvertretender Kommandant. Seine Gartenfirma läuft weiter, ein brandneues Motorrad, das er sich selbst zur Rente geschenkt hat, verspricht schöne Ausfahrten. Und wer weiß, vielleicht findet er jetzt wieder Zeit für die Volkstheatergruppe Neckarweihingen, mit der er zehn Jahre lang unterwegs war. Langweilig wird es ihm sicherlich nicht, sagt er, das war es nie: „Ich möchte keinen Tag missen.“

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