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Asyl

Ehrenamtliche kommen an ihre Grenzen

2015: „Wir schaffen das“, sagte Merkel angesichts steigender Flüchtlingszahlen. Doch wie weit ist es her mit der Willkommenskultur fünf Jahre später? Abschreckung und Abschiebung stehen jetzt im Vordergrund, sagt die Fachstelle Asyl. Und Corona macht das mühsame Ehrenamt noch schwieriger.

Flüchtlinge im neuen Lager auf Lesbos. Archivfoto: Panagiotis Balaskas/dpa
Flüchtlinge im neuen Lager auf Lesbos. Foto: Panagiotis Balaskas/dpa
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Ludwigsburg. Fast wehmütig spricht Martha Albinger von dem Anfang – 2015 suchen Hunderttausende Flüchtlinge Zuflucht in Deutschland. Plötzlich ist Krise. In Syrien tobt der Bürgerkrieg, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Wehmut angesichts der Katastrophe? „Die Flüchtlingshilfe war trotz allem positiv belegt“, sagt die Leiterin der Ökumenischen Fachstelle Asyl. „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel, umstritten, aber prägend: Die Willkommenskultur war geboren, die vom Ehrenamt lebt. Und heute? „Erleben wir, dass es oft nur noch um Abschreckung und Abschiebung geht. Da bricht uns das Ehrenamt weg.“ Trotzdem, betont sie, seien die Ehrenamtlichen noch sehr aktiv, beim letzten Asylforum im September in der Friedenskirche habe man sich erstmals wieder persönlich ausgetauscht. „Da ist auch viel Positives.“

Die Ökumenische Fachstelle Asyl wurde 2015 vom Kreisdiakonieverband und der Caritas gegründet. An die 50 Arbeits- und Freundeskreise im Kreis mit 2000 Engagierten werden von Silvia Maier-Lidle (Diakonie) und Martha Albinger (Caritas) betreut, das Asylforum entwickelt sich aus dem Ökumenischen Arbeitskreis Asyl, es geht um Qualifizierung, Netzwerke, die Ehrenamtlichen machen sich fit für die Herausforderungen: Recht, Behördengänge, Sprachkurse, aber auch das Miteinander, Feste, Ankommen und Integration. Es soll nach vorne gehen.

2019 zählte die Fachstelle dann noch rund 1000 Engagierte, derzeit sind es rund 600. Die Stadt Ludwigsburg rechnet langfristig damit, dass 500 Plätze für Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung in großen Einrichtungen ausreichen werden. Eine Nachfolgerin für Silvia Maier-Lidle, die Anfang des Jahres in Rente ging, ist für die Fachstelle immer noch nicht gefunden, vielleicht kein attraktiver Job. Wie berichtet, spielt die vorläufige Unterbringung, also kurz nach der Ankunft, immer weniger eine Rolle als die Anschlussunterbringung nach zwei Jahren – mit Anerkennung oder Duldung. Laut Martha Albinger geht es seit geraumer Zeit vor allem darum, Identitätspapiere zu beschaffen – eine Voraussetzung dafür, dass das Asylverfahren überhaupt weitergeht. „Wenn sie keine haben, gibt es nur eine Duldung light“ – sie dürfen nicht arbeiten „und sind im Grunde perspektivlos“.

Und an der Basis, wo Ehrenamtliche versuchen, Lebensschicksale zum Besseren zu wenden, steigt der Frust, wie Martha Albinger weiß. Der Wohnungsmarkt ist für die Flüchtlinge am Ende der Skala praktisch zum Erliegen gekommen, der grassierende Populismus schlägt sich auch im Lokalen nieder. „Die Ehrenamtlichen müssen Bewältigungsstrategien entwickeln, um sich nicht aufzureiben.“ Wenn Familien abgeschoben würden, obwohl die Kinder längst integriert seien, sei das schwer zu ertragen. Manche Helfer hätten sich „emotional sehr verausgabt“.

Merkels „nationale Aufgabe“ reduziert sich auf persönliche Hilfe, die angesichts der bürokratischen Hürden zur mühsamen Kleinarbeit wird. Beim kürzlich stattgefundenen Forum Asyl berichteten Ehrenamtliche von Anfeindungen statt Lob, von Stagnation und Rückschlägen statt Erfolgen. Albinger: „Wir sind immer in einem Spannungsfeld, das sehr abhängig ist von der Bundes- und Landespolitik.“ Die politische Arbeit sei zentral geworden. „Wir wollen nicht nur Handlanger sein“, sagt sie, „das Politische motiviert, es frustriert aber auch“.

Die Diskussion um Seenotrettung oder das Flüchtlingslager Moria beschäftigt auch die Basis. Das Forum Asyl hat sich in einem Brief an Innenminister Seehofer für eine gesamteuropäische Lösung eingesetzt. Die Stadt Ludwigsburg hat sich dem Bündnis „Sicherer Hafen“ angeschlossen (siehe Bericht rechts).

Vor Ort sind die persönlichen Beziehungen das Wichtigste. Hier hat Corona allerdings einen harten Einschnitt gebracht. „Da kam ein Loch.“ Viele Angebote fanden nicht mehr statt, der Zutritt zu den Einrichtungen wurde verboten. Da auch viele Ältere in den Asylkreisen sind, waren diese auch selbst gefährdet, „für einige war das der letzte Impuls zum Ausstieg“. Der Austausch sei plötzlich weggefallen, „per Video können wir das dauerhaft nicht machen“. Zudem die Flüchtlinge seltenst gut mit Geräten ausgestattet seien. Homeschooling und Bildungsgerechtigkeit passten hier nicht zusammen. „Die Kinder aus benachteiligten Familien wurden abgehängt.“

Mit dem zweiten Digitalpakt sollen 1163 iPads und 212 Notebooks in den Schulen ankommen und an Schüler verteilt werden, laut Stadtverwaltung soll das aber noch acht Wochen dauern. Nötig dafür ist der Zugang zum Internet – ein offenes WLAN gibt es jedoch nicht in den städtischen Unterkünften. Die räumliche Situation, so Albinger, erschwere das Lernen ohnehin. Die Stadtverwaltung hatte auf Anfrage der LKZ gesagt, die Flüchtlinge in Anschlussunterbringung hätten oft eigenes WLAN, was Albinger nicht bestätigen will. Häufig nutze dies der Vater auf dem Mobiltelefon, da hätten die Kinder nichts davon, begrenzte Datenvolumen schränkten weiter ein. Das öffentliche WLAN reicht von der Datenmenge nicht aus und ist auf eine Stunde und die Innenstadt beschränkt. So seien Flüchtlingskinder auch nicht in den Genuss von Laptopspenden gekommen – ohne WLAN konnten sie die nicht nutzen.

Der Kreis bietet in seinen Heimen – in der vorläufigen Unterbringung – WLAN an, allerdings mit begrenztem Volumen, die Stadt verzichtet ganz darauf. Ein Grünen-Antrag auf WLAN in größeren Einrichtungen im Mai scheiterte, im Juli hat das Forum Asyl erneut in einem Schreiben an Ersten Bürgermeister Konrad Seigfried auf WLAN gedrängt. Die Kinder würden im Lockdown vom Schulbetrieb abgehängt – wer die Coronazahlen verfolgt, weiß, dass dies sehr bald wieder so weit sein könne, sagt Martha Albinger.

Die Fragen vom Frühjahr drängen sich erneut auf: „Wie machen wir weiter? Was kann noch stattfinden? Wie halten wir die Motivation aufrecht?“ Allgemeingültige Antworten gebe es nicht, sagt sie: „Viele sind sehr erschöpft.“

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