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Beerdigungen

Ein Abschied in Menschenwürde

Auf Beerdigungen sind trotz Corona-Beschränkungen bis zu 100 Gäste erlaubt. Laut den Ludwigsburger Pfarrern schöpft diesen Rahmen aber niemand aus. Die Pfarrer haben derzeit bei Bestattungen mit ganz anderen Problemen zu tun.

Zu einem Abschied mit Würde gehört, dass auch Verwandte und Freunde an der Trauerfeier teilnehmen können. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Zu einem Abschied mit Würde gehört, dass auch Verwandte und Freunde an der Trauerfeier teilnehmen können. Foto: Holm Wolschendorf
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Ludwigsburg. Eine strenge Ausgangssperre, das Verbot von fast allen Begegnungen, geschlossene Geschäfte, aber 100 Besucher auf Beerdigungen? Die Gewichtung der Corona-Beschränkungen irritiert viele Menschen. Manche sehen in den Beerdigungen sogar einen potenziellen Hotspot, bei dem sich das Coronavirus verbreiten kann. Aber ist das auch so?

„Diese Ausnahme für Beerdigungen ist ein wichtiges Zugeständnis an unsere Gesellschaft. Ein Abschied in Menschenwürde ist sehr wichtig“, sagt Pfarrer Freimut Bott von der evangelischen Gemeinde in Oßweil. Im Vergleich zum ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr, als nur fünf oder sechs Angehörige an den Trauerfeiern teilnehmen konnten, sei das ein großer Fortschritt.

Bott versteht, dass es gegenüber den Beerdigungen ein gewisses Misstrauen gebe, seiner eigenen Erfahrung nach ist das aber unangebracht. 100 Gäste kommen nie, die meisten Beerdigungen finden mit etwa 30 Gästen statt, manchmal sind es auch nur 15 oder weniger und in einzelnen Fällen auch mal 50 – „das hängt vom Bekanntheitsgrad des Verstorbenen ab“, sagt Bott.

Generell seien die Beerdigungen aber viel kleiner als vor der Coronakrise. „Das klappt alles ganz gut. Da ist sehr viel Vernunft im Spiel und die Leute halten Abstand.“ Im vergangenen Frühjahr hat er teilweise noch erlebt, dass die Gefühle stärker waren als die Verordnung und Leute sich auf Trauerfeiern umarmt haben. Das komme jetzt aber nicht mehr vor.

Das großer Sterben in der Coronapandemie bemerkt auch der Pfarrer. „Wir haben momentan eine unglaublich hohe Zahl von Beerdigungen. Jeder zweite Fall ist ein Coronafall.“ Bott bedauert die große Distanz, die bei Bestattungen notwendig ist, aber er ist froh, dass die Einschränkungen nicht mehr so weitreichend wie im vergangenen Frühjahr sind.

Auch der katholische Pfarrer Alois Krist von der Innenstadtgemeinde „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“ hat bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Durchschnittlich kämen derzeit nur zehn bis 20 Trauergäste zu den Bestattungen. 100 Gäste habe er in den vergangenen Monaten nie erlebt.

Die Atmosphäre bei so wenigen Besuchern sei sehr speziell und man müsse sich mehr Gedanken über den Ablauf machen. Auch Krist hat es derzeit mit mehr Beerdigungen als sonst zu tun. Die Zahl der Coronatoten darunter sei hoch. Bei Coronafällen darf der Sarg bei der Trauerfeier nicht mit in die Kirche, die meisten Hinterbliebenen würden das akzeptieren.

Die Trauergespräche macht Krist derzeit am Telefon. Auch wenn dabei die räumliche Nähe fehle, sei das vielen Hinterbliebenen lieber.

Olaf Digel, Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Neckarweihingen, hat ebenfalls bisher keine Beerdigung erlebt, bei der grob gegen die Corona-Verordnung verstoßen worden wäre. Maximal 20 bis 50 Besucher stellt er derzeit fest. Er hat auch bemerkt, dass immer mehr Bestattungen ganz ohne Besucher und Trauerfeier stattfinden. Ob das mit der Coronapandemie zu tun hat, kann er aber nicht sagen.

Digel hat sich mittlerweile angewöhnt, am Ende der Trauerpredigt darauf hinzuweisen, dass Beileidsbekundungen mit Körperkontakt nicht möglich sind. „Das funktioniert völlig unproblematisch. Die Beschränkungen sind mittlerweile bei allen angekommen. In der Unmöglichkeit körperlicher Nähe sieht Digel aber auch ein Problem. „Den Trauerenden würde es natürlich auch weiterhin gut tun, in den Arm genommen zu werden.“

Die Stadt bestätigt den Eindruck der Pfarrer. Der Verwaltung liegen keine Verstöße gegen die Coronaverordnung vor, die aus Trauerfeiern herrühren. Bisher hätten die Aufforderungen und Ermahnungen der Bestattungsordner ausgereicht, so eine Sprecherin. Zudem gebe es praktisch keine Beerdigung mit über 60 Gästen.

Bei jeder Trauerfeier muss das Bestattungsunternehmen eine Kontaktliste führen, so dass eine Rückverfolgung möglich ist. „Da die Bestattungsunternehmen über die maximale Sitzplatzanzahl in den Hallen und im Außenbereich informiert sind, werden von diesen die Angaben an die Angehörigen weitergegeben“, so die Sprecherin weiter. Desinfektionsmittel und Tücher stünden an jedem Trauerhalleneingang bereit. „Ebenso werden Masken bereitgestellt. Der Bestattungsordner begleitet die Trauerfeier und überwacht das Einhalten der Hygienevorgaben.“

Auf Rückfrage beim Kultusministerium heißt es, dass es derzeit keine Überlegungen gibt, die Coronaverordnung in Bezug auf die Bestattungen zu verschärfen.

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