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Welt-Aids-Tag

Ein Doppelleben mit HIV

Wäre sein Leben ein Buch, wie würde der Titel lauten? „Drogen, Sex, HIV – 20 Jahre Doppelleben“ findet Mihajlo Raskovic passend. Als Ingenieur hat er nach außen hin ein ganz normales Leben geführt, es aber an den Wochenenden mit Drogen wie Kokain, Heroin und Marihuana richtig krachen lassen.

Erzählen in der Stadtbibliothek aus ihrem Leben (von links): Mihajlo Raskovic, Stefanie Karadas und Michael Nagel. Foto: Holm Wolschendorf
Erzählen in der Stadtbibliothek aus ihrem Leben (von links): Mihajlo Raskovic, Stefanie Karadas und Michael Nagel. Foto: Holm Wolschendorf

„Ich wusste, dass es HIV gibt“, sagt der 52-Jährige. Aber wenn die Lust da sei, würde man das gerne außer acht lassen. Seit 25 Jahren weiß er, dass er sich infiziert hat, führt mit Hilfe von Medikamenten scheinbar wieder ein ganz normales Leben, in dem Drogen keine Rolle mehr spielen.

„Ich bin keine Virenschleuder mehr“, sagt Mihajlo Raskovic. Allerdings leidet er unter den starken Nebenwirkungen der Medikamente, die dabei helfen, die Viren in Schach zu halten. Der dicke Bauch ist Folge einer Fettstoffwechselstörung, die Nerven in den Beinen sind geschädigt. Arbeiten kann er schon seit vielen Jahren nicht mehr.

„Ich bin plötzlich in die Grundsicherung gerutscht“, findet er es wichtig, auch das Thema HIV und Armut ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Umso mehr ärgert Mihajlo Raskovic sich über das Bild, das in den Köpfen vieler Menschen herumspukt: „Es wird der Eindruck vermittelt, dass man nur einige Pillen nehmen muss, und schon ist alles gut.“

Dass dies ganz und gar nicht der Fall ist, bestätigte auch Michael Nagel, der seit 30 Jahren mit der Diagnose HIV-positiv lebt und von Anfang an offen damit umgegangen ist. „Damals konnte einem ja niemand sagen, wie lange man noch lebt“, erinnert er sich an diese Zeit. Er hatte eine Ausbildung als Altenpfleger begonnen, ohne zu wissen, ob er diese jemals beenden würde.

Lange konnte er seinen Beruf allerdings nicht ausüben, ist seit 20 Jahren in Rente. Seit 29 Jahren ist er mit seinem Partner zusammen, seit mittlerweile 17 Jahren mit ihm verheiratet. 14 von 30 verfügbaren Medikamenten hat Michael Nagel in den vergangenen Jahrzehnten ausprobiert, teilweise mit schlimmen Nebenwirkungen. Auch bei ihm sind dauerhaft Nervenbahnen in den Beinen geschädigt. Das ist nur ein Effekt der starken Medikamente, die die HIV-Viren unter der Nachweisgrenze halten. „Lebe mit HIV seit 30 Jahren“, hat er sein Lebensbuch betitelt.

Und Stefanie Karadas? „Leben nahe dem Tod“, das trifft auf die 58-Jährige zu, die ihre Diagnose vor 29 Jahren erhalten hat. „Ein Jahr und zwei Wochen habe ich in einem Hospiz verbracht“, erzählt sie. Den Tod hatte sie in der Zeit immer vor Augen, doch sterben wollte sie nicht. „Das war für mich der Impuls, schnell wieder gesund zu werden.“

Wie sieht das Leben von Menschen aus, die HIV-positiv, also mit dem Aids-Erreger infiziert sind? Bei der Aktion „Lebendige Bücher“ im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember haben gestern rund 100 Schüler aus dem Landkreis Ludwigsburg Gelegenheit erhalten, mit betroffenen Menschen ins Gespräch zu kommen und etwas aus deren Leben zu erfahren.

„Wie aus einem Buch kann man auch aus dem Leben Betroffener lesen“, zeigte sich die Medizinerin Dr. Uschi Traub, Expertin des Gesundheitsdezernates beim Landratsamt Ludwigsburg, überzeugt. Das Projekt im Stil „Human Library“ fand an einem Ort statt, an dem das Lesen im Fokus steht: in der Stadtbibliothek. „Für mich gibt es keinen geeigneteren Ort“, zeigte sich Rita Pfeiffer, Mitarbeiterin der Stadtbibliothek, von dieser Idee begeistert.

„Die ganz unterschiedlichen Biografien sollen deutlich machen, dass solch eine Infektion wirklich jeden Menschen treffen kann“, betont Traub. Gestern Vormittag hatten Schüler des Ellental-Gymnasiums in Bietigheim-Bissingen, der Ferdinand-Steinbeis-Realschule in Vaihingen an der Enz und des Friedrich-Schiller-Gymnasiusm Ludwigsburg die Gelegenheit, aus den Biografien der „Lebendigen Bücher“ zu lesen und mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

Nach der Einführung durch Uschi Traub folgten jeweils 15-minütige Gesprächsrunden mit den Betroffenen. Dabei fragten die Schüler die drei HIV-Kranken ganz konkret danach, wie viele Tabletten sie täglich einnehmen müssen, welche Nebenwirkungen diese haben, aber auch nach der jeweiligen Lebenssituation. „Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie die Diagnose erfahren haben?“, lautete eine Frage, die mehrmals gestellt wurde.

Die Jugendlichen ließen die Lebensgeschichten aber auch auf sich wirken, waren berührt und bewegt zugleich. Am Nachmittag waren alle Interessierten eingeladen, in der Stadtbibliothek aus den „Lebendigen Büchern“ zu lesen. Ergänzend dazu findet bis Samstag, 1. Dezember, eine Medienausstellung in der Stadtbibliothek statt.

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