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Residenzschloss

Ein königlicher Chefsessel wie aus dem Bilderbuch

Beim Europäischen Tag der Restaurierung geben Fachleute in ganz Europa Einblicke in ihre filigrane Arbeit. Im Ludwigsburger Residenzschloss führte Anu-Susanna Ventelä am Sonntag Besucher in das königliche Audienzzimmer.

Textilrestauratorin Anu-Susanna Ventelä hat jede Menge über den Thronsessel im Ludwigsburger Schloss zu erzählen. Foto: Ramona Theiss
Textilrestauratorin Anu-Susanna Ventelä hat jede Menge über den Thronsessel im Ludwigsburger Schloss zu erzählen. Foto: Ramona Theiss

Der einstige württembergische Herzog FriedrichII. war ohne Zweifel ein Mann mit ausgeprägtem Herrschaftsanspruch. Ebenso ausgeprägt war sein Hang zur Selbstdarstellung – erst recht, nachdem der französische Kaiser Napoleon ihn 1806 in den Königsstand erhoben hatte.

Laut Legende musste der Franzose, als er im Oktober 1805 höchstselbst nach Ludwigsburg reiste und seinem Vasallen die Königswürde antrug, einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Eine Anekdote besagt, dass Napoleon, selbst nicht gerade hochgewachsen, zum weit über zwei Meter großen und angeblich 200 Kilogramm schweren Friedrich aufblicken musste. „Ich wusste gar nicht, dass sich die Haut überhaupt so weit ausdehnen kann“, soll der damals mächtigste Mann Europas gestammelt haben. Die Antwort des Württembergers: „Und ich bin erstaunt, dass in einem so kleinen Kopf so viel Gift stecken kann.“

Trotz dieses missglückten Empfangs gab der Herzog schon bald dem Drängen Napoleons nach und führte seine Regierungsgeschäfte ab 1806 als FriedrichI., König von Württemberg, weiter. Und ein echter König empfängt seine Gäste in einem prunkvollen Audienzzimmer, in das Anu-Susanna Ventelä beim Tag der Restaurierung bei einer Führung Einblicke gewährt.

Ventelä ist gelernte Textilrestauratorin. Nach ihrem Studium in Köln absolvierte die gebürtige Finnin 2007 ein Volontariat bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg, bei dem sie es unter anderem mit Friedrichs Thronsessel zu tun bekam. Ihre Aufgabe war es, die Bezüge des arg in Mitleidenschaft gezogenen Exponats zu restaurieren.

Der Thronsessel habe sich damals in ausgesprochen schlechtem Zustand befunden, berichtet Ventelä und zeigt ein vor der Restaurierung aufgenommenes Foto. Die Bezüge hatten Risse, ganze Stofffetzen hingen herunter. Dass eine gutmeinende Seele versucht hatte, schadhafte Stellen mit Nagellack auszubessern, machte die Arbeit auch nicht leichter.

Das Stück war so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass eine vollumfängliche Restaurierung nicht möglich war. „Ich konnte nur das Leingewebe oder die Bezüge retten“, sagt Ventelä. „Da habe ich mich natürlich für die Bezüge entschieden.“ Früher war der gesamte Bezug mit längst abgeriebenem Blattgold verziert, die Restauratorin verzichtete auf eine Wiederherstellung. Ziel ihrer Arbeit sei nicht die originalgetreue Rekonstruktion, betont sie. „Es geht darum, zu erhalten, was noch da ist.“

Das ist in diesem Fall auf eindrucksvolle Weise gelungen. Drei Monate lang hat Ventelä den auf drei Stufen stehenden Thronsessel aufgemöbelt, und 15 Jahre später befindet er sich immer noch in tadellosem Zustand – ein Chefsessel wie aus dem Bilderbuch. Ventelä hat auch drei Sitzbänke im Audienzzimmer restauriert. Deren Motivik ist von der ägyptischen Kunst beeinflusst, die Napoleon auf seinem Ägyptenfeldzug wiederentdeckt hatte.

Das gesamte Audienzzimmer ist in Rot gehalten, das damals nicht als Farbe der Liebe, sondern als Farbe der Macht galt. An der Gestaltung zeigt sich nicht zuletzt die Skrupellosigkeit des württembergischen Königs. Denn die Wände des Audienzzimmers sind mit alten Stoffen behängt, die im Zuge der Säkularisierung aus bayerischen Klöstern entwendet wurden. Der Bezugsstoff des Sessels stammt vermutlich aus dem Kloster Zwiefalten. Um seinen Machtwillen und seine Dominanz gegenüber dem geistlichen Stand zu demonstrieren, schreckte der Protestant Friedrich nicht einmal davor zurück, seinen Palast mit gestohlenen Bischofsgewändern auszuschmücken.

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