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Turbulenzen bei Sportvereinen
Einer glücklich, viele verärgert: Unruhe wegen des neuen Vereins 07 Ludwigsburg

Die 07er haben wieder mit dem Training begonnen. Archivfoto: Frank Engeln
Die 07er haben wieder mit dem Training begonnen. Archivfoto: Frank Engeln
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Im Fußball dreht sich derzeit vieles um die gelben 07er. Über den Verein, der zuvor wegen finanzieller Schwierigkeiten mit Ludwigsburgs größtem Sportverein fusionierte, wird nicht nur Gutes geredet. Es geht um Geld, um Fairness und Stirnrunzeln.

Ludwigsburg. Es steht jedem frei, einen Verein zu gründen, das stellt niemand infrage. Doch so ruhmreich die Vergangenheit der 07-Fußballer war, es gab auch schlechte Zeiten. Und davon wird derzeit im Umfeld des neu gegründeten Vereins viel geredet. Von den früheren Schulden, dem heruntergewirtschafteten Verein, dem Abwerben von Spielern aus anderen Fußballvereinen.

„Die haben alle Spieler zusammengekauft, das ist ungut“, so eine Meinung aus dem Umfeld. Spieler wurden aus Poppenweiler, vom MTV, von Grünbühl, von Hoheneck und Eglosheim, aber auch aus Heilbronn abgeworben. Der Vorsitzende Silvester Apro sagt dazu: „Die Spieler kamen von sich aus zu uns.“ Beobachter in den Vereinen glauben das nicht so recht, spekuliert wird auch über Geldzahlungen. Dies wird vom 07er zurückgewiesen.

Plötzlich tauchen private Schuldscheine auf

Neben den Vereinen in den Stadtteilen (siehe unten) ist auch der MTV-Vorsitzende Jochen Eisele über das Gebaren „nicht erfreut“. Denn mit der Fusion – offiziell wird es als Verschmelzung der früheren Sportvereinigung 07 mit dem MTV bezeichnet – hat Ludwigsburgs größter Sportverein auch die Schulden der 07er übernommen. Darunter ein stattliches Darlehen von der Stadt, das der MTV abzahlen muss und derzeit auch noch abbezahlt. Eisele war das bekannt, dies war auch Teil der Fusionsverhandlung.

Was für großen Unmut sorgt, sind private Schuldscheine, die auf den früheren Verein 07 ausgestellt waren und jetzt erst im Nachhinein nach der Fusion mit dem MTV aus der Schublade hervorgeholt werden. Die Kreditgeber, die wohl wenig Aussicht beim finanziell angeschlagenen Verein 07 gesehen hatten, fordern sie nun beim solventen MTV ein. Der soll bezahlen. Ein Vorgang, der beim MTV als unfair empfunden wird, aber rechtlich nicht zurückgewiesen werden konnte. Der MTV hat sich beraten lassen, musste aber als Rechtsnachfolger von 07 bereits in einem Fall in die Bresche springen. 8000 Euro musste er auszahlen. „Es wäre seltsam, wenn das Geld genutzt worden wäre, um die 07er-Vereinstrikots zu kaufen“, so Eisele sichtlich verstimmt.

Keine Bevorzugung bei der Platzverteilung

Dass jetzt die 07er meinen, sie könnten, obwohl sie die finanziellen Schwierigkeiten abgewälzt haben, wieder auf ihren alten Platz zurück, weist Eisele zurück. „Bei uns kommen sie nicht unter.“ Eine ähnliche Antwort erhielten die 07er auch von anderen (siehe unten). Im Moment teilen sich die 07er und weitere Vereine den Platz in Oßweil, einen Rasenplatz. Wie berichtet, ist auch dort Streit über Trainingszeiten ausgebrochen. Trotzdem: Im Winter möchte 07 auch trainieren können, „aber nicht auf einem Ackerplatz“, wie Apro gegenüber unserer Zeitung sagt.

Die Zuteilung von Plätzen wird eng mit der Stadt abgestimmt, die ein Wörtchen mitzureden hat. Die Stadt versucht, allen Vereinen ein Angebot zu machen. Der Verein 07, der „damals und in den Jahren zuvor nicht solide gewirtschaftet hat“, werde nicht bevorzugt. „Da heißt es für den neuen Verein ganz klar: hinten anstellen“, so Oberbürgermeister Matthias Knecht auf Nachfrage unserer Zeitung.

So mussten sich die 07-Fußballer jetzt mit den Trainingsplätzen und Trainingszeiten zufriedengeben, die noch frei waren. Daher trainiert 07 auf dem Rasenplatz bei der Mehrzweckhalle in Oßweil. „Dieser Platz ist nicht ideal, da es kein Kunstrasenplatz ist, aber dort gab es eben noch freie Zeiten“, heißt es. Die Wertschätzung für die 07-Fußballer sei jedoch ohne Zweifel bei der Stadt vorhanden. „Die Platzverteilung wird immer ein Stück weit eine Mängelverwaltung sein“, so der OB.

Für ein Glas Rotwein auf alte Zeiten

Knecht hat vor seiner Zeit als OB die Fusion der Vereine mitgestaltet, hat auch die 07er bei der Vereinsgründung und der Satzung beraten. Seiner Ansicht nach sei damals vereinbart worden, lediglich die Marke 07 Ludwigsburg zu sichern, eine Teilnahme am Spielbetrieb sei nicht vorgesehen gewesen. „Wir hatten das Bild geprägt, ältere Menschen treffen sich und erinnern sich bei einem Glas Rotwein an die alten Zeiten zurück“, so Knecht. Immerhin sei 07 eng mit der Geschichte des Sports in Ludwigsburg verbunden. Der Verein verzichtet aktuell auch auf eine Jugendarbeit.

Wäre eine Mannschaft in höhere Ligen vorgestoßen, hätte diese an die Marke „07“ anknüpfen können, hört man. Zeitweise hat es auch Überlegungen gegeben, die erfolgreiche Mannschaft aus Freiberg –dort fehlt bekanntlich ein passender Platz – im Ludwigsburger Jahn-Stadion spielen zu lassen.

Was andere Vereine dazu sagen:

Seit drei Wochen ist der neu gegründete Verein 07 Ludwigsburg im Training. Ihm gelang mit einem 4:1 gegen die Spvgg Hirschlanden-Schöckingen aus der Kreisliga A3 sogar der erste Testspielsieg. Der Neustart beim Traditionsverein bewegt die Ludwigsburger Fußballszene. Mancherorts wird das Projekt skeptisch gesehen, ein Thema ist es jedoch für alle Fußballclubs in der Stadt.

Und auch bei 07 selbst herrscht schon vor dem ersten Punktspiel in der Kreisliga B1 am 18. September Unruhe. Wie Benjamin Pellizzer auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte, ist er von seinem Amt als Sportvorstand zurückgetreten. „Ich bin nicht mehr im Verein involviert. Es gab Differenzen zwischen dem 1. Vorstand und mir. Ich will dazu nicht mehr sagen, weil dieses Thema für mich erledigt ist“, sagte Pellizzer. Der 1.Vorsitzende Silvester Apro hält sich zu dem Thema bedeckt. „Da gibt es nicht viel dazu zu sagen. Er hat nicht zu 07 gepasst. Wir werden seine Aufgaben gemeinsam übernehmen.“

Apro war vor der Verschmelzung mit dem MTV Ludwigsburg im März 2019 jahrelang im Vorstand der ruhmreichen Spvgg 07 Ludwigsburg aktiv und hat die Neugründung maßgeblich vorangetrieben. Mit laut Apro 33 Spielern im Kader wollen die Gelb-Schwarzen nun wieder angreifen. Viele der neuen Akteure sind aus anderen Vereinen der Stadt zu 07 gewechselt. Klar, dass nicht alle darüber glücklich sind.

„Sie können sich vorstellen, dass wir nicht gerade begeistert sind“, sagt Armin Klotz, Vorstand des SV Poppenweiler. Der SVP hat an 07 Trainer Tim Djokic und vier Spieler verloren. „Wir hätten gerne mit ihm weitergemacht. Bei uns ging es zeitweise darum, überhaupt wieder eine Mannschaft melden zu können. Die Krönung war dann, als 07 auch noch angefragt hat, auf unserem Platz trainieren zu dürfen.“ Mittlerweile wurde mit Sven Schöneck ein neuer Coach gefunden.

Doch Klotz sieht das Problem nicht nur im verlorenen Personal: „Viele haben nicht verstanden, dass da jetzt wieder Fußball gespielt wird. Denn eigentlich ist die Spvgg 07 jetzt der MTV. Man hat sich durch die Fusion gesundgestoßen und fängt jetzt wieder von vorne an. Und da ist vielen sauer aufgestoßen, dass der neue Verein das als Fortsetzung der Spvgg verkauft.“

Andernorts sieht man das ähnlich. „Das war für die Stimmung unter den Ludwigsburger Vereinen nicht gut“, sagt Ralf Kußmaul, Vorsitzender der Spvgg Schlösslesfeld, die in der kommenden Saison in der Kreisliga B3 in Spielgemeinschaft mit der DJK Ludwigsburg an den Start geht. Viele hätten sich nach Abgängen bei Nachbarvereinen umgesehen. Das hätte für Unruhe gesorgt, erklärt Kußmaul. „Ich bin da sehr distanziert, was 07 angeht.“

Entspannter sieht es Kevin Hoffmann, Abteilungsleiter beim B-Ligisten SKV Eglosheim. „Wenn man sich neu gründet, müssen die Spieler ja irgendwo herkommen“, sagt der 29-Jährige. „Ich denke nicht, dass da jetzt alle Vereine sauer sind. Man bekommt ja für jeden Spieler eine Ablöse.“

Der württembergische Fußballverband hat für Vereinswechsel im Sommer Entschädigungszahlen festgelegt, die sich nach Ligazugehörigkeit und Jugendarbeit richten. Da 07 keine Jugendarbeit betreibt, werden für jeden Spieler, der von einem anderen Kreisliga-Verein kommt und innerhalb der letzten sechs Monate im Einsatz war, 375Euro fällig.

Apro betont zudem, dass die Spieler freiwillig gekommen seien und der neue Verein nicht viel bieten könne außer dem prestigeträchtigen Namen: „Wir haben nichts und fangen von null an. Wir sind der kleinste von allen Ludwigsburger Fußballvereinen.“ Neben Ablösesummen muss der Club auch Dinge wie Trikots oder Bälle und anderes Trainingsmaterial neu anschaffen.

Positiv blickt Markus Fendyk auf die Rückkehr von 07 in den Spielbetrieb, obwohl auch der Trainer des TSV Grünbühl (Kreisliga A) drei Spieler an 07 verloren hat. „Ich finde es gut, dass 07 wieder aufgelegt wird. Das ist ein Kultverein für Ludwigsburg, das muss man in andere Maßstäbe setzen“, sagt der ehemalige Spieler und Trainer der Spvgg 07. „Mit solchen Sachen muss man im Fußball umgehen können. Wenn jemand gehen will, kann man ihn ohnehin nicht aufhalten, und dann bekommt ein anderer die Chance.“ (jai)