Logo

Afrika

Eklat bei Theater über Rassismus

Mit einer Vernissage und einem Fest hat die Volkshochschule den Auftakt ihres Jahresprojekts „Aufrecht! Ludwigsburg begegnet Afrika“ gefeiert. Allerdings fühlten sich viele Deutsch-Afrikaner durch die Aufführung von Jochen Fabers Kastanientheater verletzt und gekränkt. Die antirassistische Botschaft kam bei ihnen überhaupt nicht an.

Der Musiker Papy Tshimanga, der mit seiner Band den Besuchern an diesem Abend einheizte.Foto: Benjamin Stollenberg
Der Musiker Papy Tshimanga, der mit seiner Band den Besuchern an diesem Abend einheizte. Foto: Benjamin Stollenberg

„N-Worte und Figuren mit Bastrock dürfen auch im Namen der Kunst nicht benutzt werden“, kommentierte die EU-Abgeordnete Dr. Pierrette Herzberger-Fonfana die Inszenierung. Sie habe es „als Schlag ins Gesicht“ empfunden, so etwas sehen zu müssen. 13 Mal sei das Wort gefallen, das als Beschimpfung für Menschen mit dunkler Hautfarbe gilt. Wer solche Ausdrücke benutze, verletze die Seele von Millionen Menschen. Das Theaterstück sei sicherlich hochpädagogisch, „aber das darf man nicht machen, auch nicht im Namen der Kunst“, machte sie deutlich und bekam dafür viel Applaus – vor allem von den anwesenden Afrikanern. „Wie oft haben afro-deutsche Kinder bei mir geweint, weil sie beleidigt und diskriminiert wurden“, erinnerte sich die Grünen-Politikerin an ihre Tätigkeit als Lehrerin an einer Schule in Erlangen.

Was war geschehen? „Kasper Larisafari“ oder „Wie kommt Rassismus in den Kinderkopf“, lautete der Titel der Inszenierung von Jochen Faber. Diese wurde ihrer Ankündigung im Programm als „schauerliche Zitate- und Figurenschau“ mehr als gerecht. Faber konfrontiert das Kasperl darin mit Figuren früherer Theaterstücke, zum Beispiel aus „Kasperl unter den Wilden“ und „Kasperl bei den Menschenfressern“, die Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben worden sind. Drei Figuren mit dunkler Hautfarbe und Baströckchen bekleidet besuchen Kasperl zu Hause und beklagen sich bei ihm bitterlich über ihre Darstellung als „plumpe Trottel“ oder „gefährliche Kannibalen“. In diesem Zusammenhang fallen Begriffe, die als rassistische Schimpfwörter gelten. Doch Kasperl zeigt sich uneinsichtig: „Das war damals eben so“, lautet seine lapidare Erklärung. Leider hatte es Jochen Faber versäumt, vorher darauf hinzuweisen, dass es sich bei einem Großteil des Textes um Zitate aus historischen Theaterstücken handelt.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, brachte Saliou Gueye, der aus dem Senegal stammt, sein Unbehagen zum Ausdruck. „Hoffentlich haben alle die Vorstellung verstanden“, so der Koordinator für kommunale Zusammenarbeit bei der Stadt Ludwigsburg. Begriffe wie „Neger“ und „Bimbo“ höre auch er nicht gerne. „Cool bleiben“, appellierte er deshalb an die anwesenden Gäste mit afrikanischen Wurzeln. Er wisse jedoch, dass Jochen Faber sich gegen Rassismus und für Toleranz einsetze und deshalb über mögliche Zweifel erhaben sei. „Die Kunst ist frei“, ertönte es da plötzlich von der Empore. Ein Mitglied des Organisationsteams, das sich dort um die Beleuchtung kümmerte, verwies auf Artikel fünf des Grundgesetzes. „Ich weiß, dass ich mir schmutzige Hände bis zu den Oberarmen gemacht habe“, erklärte Jochen Faber später im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber man müsse manchmal im Dreck wühlen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Noch Mitte der 70er Jahre seien im Märchengarten Puppentheaterstücke wie „Kasperl unter den Wilden“ aufgeführt worden. Er verstehe den Schmerz, aber es sei ihm wichtig deutlich zu machen, warum es heute immer noch rassistisches Gedankengut gebe. „Ich sage nicht ‚Neger‘, weil ich Spaß daran habe“, betonte Faber. Das Stück, das er geschrieben hat, richte sich auch keineswegs an Kinder, sondern an Erwachsene, die im pädagogischen Bereich tätig seien.

„Sie erleben heute heute Abend eine richtig wilde Veranstaltung“, hatte der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried zu Beginn der Veranstaltung von „Africa Rising“ am Freitagabend im Kulturzentrum nicht zu viel versprochen. Schließlich galt es, die Eröffnung einer Fotoausstellung und den Auftakt des Projektes „Aufrecht! Ludwigsburg begegnet Afrika“ zu feiern.

„In Ludwigsburg leben viele Afrikaner, außerdem gibt es hier viele Aktionen rund um Afrika“, machte Seigfried deutlich, der auch Vorsitzender des Förderkreises Burkina Faso ist. Er hatte Fotos, die er bei seinen Besuchen in dem westafrikanischen Land gemacht hat, für die Ausstellung „Kongoussi – Ludwigsburg, Ludwigsburg – Kongoussi. Bilder einer Partnerschaft über 4000 Kilometer hinweg“ beigesteuert. Hier werden Alltagsszenen gegenübergestellt, zum Beispiel von einer Arztpraxis in Ludwigsburg und einer Medizinstation in Kongoussi. Während Seigfried sein Fotoarchiv nach Aufnahmen aus Kongoussi durchforstet hatte, drückte Jochen Faber in Ludwigsburg auf den Auslöser seiner Kamera. Der Bürgermeister kritisierte, dass man hierzulande viel zu wenig über Afrika als einen Kontinent der Nachhaltigkeit, der schönen Landschaft, der Chancen und der wunderbaren Menschen spreche.

Hier setzt das Projekt „Aufrecht! Ludwigsburg begegnet Afrika“ der Ludwigsburger Volkshochschule ein, das deren Leiterin Martina Wörner vorstellte. In sechs Arbeitsgruppen soll es unter anderem um Kolonialismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Vorreiter der afrikanischen Emanzipation sowie lokale Entwicklungspartnerschaften gehen. Die Ergebnisse sollen Ende des Jahres in einem Videoclip dargestellt werden.

Die Grünen-Politikerin Dr. Pierrette Herzberger-Fonfana ist die erste Deutsch-Afrikanerin, die ins Parlament der Europäischen Union gewählt worden ist, dort gehört sie dem Entwicklungsausschuss an. Sie berichtete von einem verzerrtes Bild Afrikas, bevor sie den Fokus auf die Kolonialzeit richtete. Als einen Punkt griff sie die willkürliche Grenzziehung heraus, die ohne Rücksicht auf ethnische und soziale Strukturen bei der Afrikakonferenz im Jahr 1884 in Berlin beschlossen wurde. Was kaum noch jemand weiß: Die Deutschen beanspruchten Togo, Kamerun, Ruanda, Burundi, Namibia und Tansania für sich. Spätestens seit den 60er Jahren seien die afrikanischen Staaten zwar politisch unabhängig, doch damit habe eine Ära der Korruption und der Einzelherrscher begonnen, so Herzberger-Fonfana. Der heutige Wohlstand Europas beruhe auf der Ausbeutung Afrikas, die ihre Wurzeln in der Kolonialzeit hat. „Es gibt kein Smartphone ohne Coltan aus dem Kongo“, nannte sie ein Beispiel. Sie trat für den Austausch und Partnerschaften auf Augenhöhe ein.

Autor: