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Erneut Querelen auf dem Marktplatz

Mit der Verdopplung der Außenflächen in Coronazeiten will Ludwigsburg den gebeutelten Gastronomen helfen. Doch in der Praxis stoßen diese an ihre Grenzen. So gibt es Streit um die Gestaltung der erweiterten Terrassen, die Feuergasse sorgt für lange Wege.

Permesso (weiße Tischdecken) und Café Baron teilen sich die Terrasseninsel, La Signora Moro hat einen Satelliten mit sechs Tischen in der anderen Ecke gebildet.Fotos: Ramona Theiss
Permesso (weiße Tischdecken) und Café Baron teilen sich die Terrasseninsel, La Signora Moro hat einen Satelliten mit sechs Tischen in der anderen Ecke gebildet. Foto: Ramona Theiss
Im Sommer konnten die Gastronomen ihre Außenfläche vergrößern und so die reduzierten Plätze im Inneren etwas kompensieren. Doch im Winter wird es unter freiem Himmel schnell kalt. Deshalb wollen Wirte Zelte oder Heizpilze aufstellen.Archivfoto: Ramon
Im Sommer konnten die Gastronomen ihre Außenfläche vergrößern und so die reduzierten Plätze im Inneren etwas kompensieren. Doch im Winter wird es unter freiem Himmel schnell kalt. Deshalb wollen Wirte Zelte oder Heizpilze aufstellen. Foto: Ramona Theiss

Vergangenen Freitag auf dem Marktplatz: Unversehens tauchte die Feuerwehr mit einem Dutzend Uniformierter auf. Kommandant Ben Bockemühl und der städtische Sicherheitschef Heinz Mayer schauen sich Zentimeter für Zentimeter an, wie weit die Tische und Stühle der Restaurants und Cafés in den Platz hineinreichen. Der Sinn der Aktion, die in gelben Markierungspunkten auf dem Boden resultiert: Die Feuer- und Rettungsgasse im Anschluss an die bestehendenTerrassengrenzen muss bleiben. Wenn die Gastronomen erweitern wollen, heiß das: Sie müssen fünf Meter Rettungsgasse überbrücken und dann eine Insel mit Tischen und Stühlen bauen. Stattdessen Stichgassen zwischen erweiterten Terrassen zu bilden, sei ausgeschlossen, teilt die Stadt auf Anfrage mit.

Lange Wege sind die Folge: 20 Kilometer am Tag sind es derzeit schon für seine Angestellten, hat Florian Fleischmann von Lange am Markt ausgerechnet. „Ich bräuchte noch mehr Leute.“ Er hat bisher darauf verzichtet, zu erweitern. Einige Gastronomen haben personell bereits aufgestockt, um die Gäste an der Eingangsschleuse zu empfangen, die ihre Kontaktdaten abgeben müssen, bevor sie in den Sitzbereich dürfen. Hier ist nicht nur der Aufwand groß – es kostet Zeit und auch Nerven.

Sein Nachbar Wok on Fire bleibt ebenso auf seinem angestammten Platz, auch Nachbarin Angelina Giuliano vom Eiscafé Baci. Sie habe sechs Tische weniger, sagt sie, ist aber einigermaßen zufrieden. „Bisher sind die Menschen entspannt.“ Ohne Hektik geht es auch beim Towers in der anderen Ecke zu. „Wir brauchen keine Erweiterung“, sagt der Inhaber des Irish Pub, Chris Neutelings. Ein Problem hat er mit 20 Tischen trotzdem: Bei ihm laufen eher Gruppen ein, die jetzt nicht mehr zusammensitzen dürfen.

Das Café Baron, ohnehin platzstärkster Gastronom am Marktplatz, hat sich für die Erweiterung entschieden und zusätzlich eine „Insel“ auf dem Marktplatz gebildet, fünf Meter entfernt von der Standard-Terrasse. Inhaber Jürgen Feyhl sitzt an einem der zwölf Tische, die von einem Band umgeben sind. Nun muss er zwei Schleusen „bewachen“ und mit Desinfektionsmittel bestücken und hat dafür Leute abgestellt, sagt er. Ohnehin muss dreimal die Woche für den Wochenmarkt die Terrasse weggeräumt werden. „Das ist ein riesiger Aufwand.“

Stadt moniert die Pflanzen auf der erweiterten Terrasse

Feyhl zeigt auf einen kleinen Olivenbaum, der den Eingangsbereich seiner Insel markiert. „Wir wollen es schön machen.“ Das sieht die Behörde offenbar anders – erst eine Stunde zuvor hatte er Besuch von der Stadt, die ihm das Bäumchen verbot. Er schüttelt den Kopf: „Wir versuchen, die Stadt wieder zu beleben. Sie sollten doch froh sein, wenn die Leute sich wohlfühlen und wir ein bisschen Umsatz machen.“ Unisono berichten die Gastronomen von Zurückhaltung bei den Gästen – der Angst vor Corona oder auch dem Umstand geschuldet, dass das Geld nicht mehr ganz so locker sitzt.

„Wir wollen den Dialog“, sagt Adriano Moro. Das Restaurant La Signora Moro hat mit sechs Tischen in fünf Meter Abstand eine Insel gebildet, unter den Arkaden liegen die gelben Behelfssonnenschirme schon bereit. Ob die erlaubt werden, weiß keiner. Glücklich ist Moro mit der Feuergasse nicht, ein Sachverständiger der Feuerwehr habe bestätigt, dass bei einem Brand Tische und Stühle einfach weggefahren werden könnten. Von 140 Plätzen sind 100 übrig – zu wenig, sagt er, setzt aber auf Konsens: „Wir brauchen eine einheitliche Lösung für alle.“

Es ist ein windiger Tag, und gerade hat sich ein Sonnenschirm selbstständig gemacht, der über zwei leere Tische fegt. Der gehört zu Simona De Cancellis vom Ristorante Permesso, die ihre zweite Terrasse neben der des Baron platziert hat. Ein Problem: Bei hohen Temperaturen ist es auf dem Marktplatz ohne Sonnenschutz nicht auszuhalten. Feyhl: „Tagsüber sitzt da keiner.“

Aber wo kommt der Schirm her? Geliehen, gesponsort, gekauft? „Wir können keine Unsummen in die Hand nehmen, um die Stadt zufriedenzustellen“, sagt Fleischmann. Jürgen Feyhl befürchtet, dass die Stadt auch in Sachen Sonnenschirme rigoros bleibt – damit wären solide Schirme, aber mit Werbung etwa von Getränkesponsoren, dahin. Wie die Stadt auf Anfrage sagt, werde die Gestaltung mit den Gastronomen abgestimmt“, mobile Sonnenschirme „wären vorstellbar“, aber: „Diese müssen jedoch ebenfalls den Gestaltungsrichtlinien entsprechen.“ Andere Kommunen wie Esslingen legen ihre Regeln dagegen eher locker aus (siehe rechts).

Das Ristorante Permesso hat rund 30 Tische aufgebaut – dies- und jenseits der Rettungsgasse. Trotz der langen Wege ist Simona De Cancellis froh, dass es wieder weitergeht. Und: „Wir sind jetzt präsenter als in unserer Ecke.“ Einziges Manko, sagt sie: Das elektronische Bestellsystem versagt des Öfteren, weil die Entfernung zur Basiseinheit zu weit ist. Das bemängelt auch Florian Fleischmann, der sich generell „mehr Miteinander“ zwischen Stadt und Gastronomen wünschen würde.

Helfen soll hier der Innenstadtverein Luis. Es habe im Vorfeld Gespräche mit Stadt und Wirtschaftsförderung gegeben und Rundgänge, sagt City-Manager Markus Fischer. Wie berichtet, hatte Luis im Wirtschaftsausschuss auch den Erlass der Gebühren für die Außenbewirtschaftung gefordert. Am 17. Juni soll der Gemeinderat entscheiden. Bisher wurden laut Verwaltung noch keine Bescheide erlassen, geplant sei ein gestuftes Verfahren, „eine komplette Gebührenbefreiung ist nicht vorgesehen“.

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