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Familie hält sich aus Angst vor der Taliban weiter versteckt

Der Ludwigsburgers Tareq Sediq aus Afghanistan versucht immer noch, die Familie seiner Frau aus dem Land zu holen – Hilfsorganisation für alle Afghanen gegründet

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„Wenn sie in Afghanistan bleibt, stirbt meine Familie“, hat Tareq Sediq vor zwei Monaten im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Damals erzählte er, wie er alles versucht, um die Familie seiner Frau aus Afghanistan zu holen, schließlich hatten beide Schwager für verschiedenen Länder Hilfsarbeiten geleistet. Doch es ist ihm immer noch nicht gelungen. „Meine Frau kann kaum noch schlafen und hat ständig Alpträume“, berichtet Tareq Sediq. Er selbst ist bereits als Kleinkind 1990 nach Deutschland gekommen, seine Frau 2015.

Die Familie hat sich lange in Kabul versteckt, in der Hoffnung, schnell ausreisen zu können. In der Zwischenzeit verstecken sie sich wieder in der Heimatregion Laghman. Sein Schwiegervater sei erst vor kurzem rausgegangen, um Essen zu kaufen – und nicht mehr wiedergekommen. Nachbarn hätten berichtet, wie die Taliban ihn gepackt und in ein Auto gezerrt hätten. „Wir wissen nicht, ob er gefoltert wird, gefangen oder schon gestorben ist“, sagt Sediq.

Er versuche weiterhin, die Familie aus Afghanistan herauszuholen. Denn sie habe schon viele Warnschreiben der Taliban bekommen. Auch, weil seine Schwägerinnen bei einem Provinzradiosender arbeiten und dort Sendungen zu Frauenrechten machen. Er habe schon mehrmals mit dem Auswärtigen Amt Kontakt gehabt – erfolglos. Eine Mitarbeiterin habe ihn auf die Webseite und die „Häufig gestellten Fragen“ verwiesen. „Die Seite kenne ich doch schon in- und auswendig“, sagt Tareq Sediq.

Wenn der Ludwigsburger daran denkt, wie der jahrelange Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan vor kurzem beim Zapfenstreich gelobt wurde, kann er nur den Kopf schütteln. „Da das Wort ‚erfolgreich‘ reinzubringen, geht einfach gar nicht“, sagt er. Es sei kein Erfolg gewesen, denn kurz nachdem die ausländischen Truppen das Land verlassen haben, haben die Taliban die Macht wieder übernommen. Für Tareq Sediq gibt es gleich drei Gründe, warum der Einsatz nicht erfolgreich war: die deutschen Soldaten, die beim Einsatz gestorben sind, das Geld, das dafür ausgegeben wurde, und die afghanische Bevölkerung, die von den anderen Ländern im Stich gelassen wurden.

„Die Situation drüben ist immer noch total chaotisch“, sagt Sediq. „Drüben“ – das sagt er immer, wenn er über seine Heimat spricht. Nicht nur seine Familie, die ganze Bevölkerung brauche Hilfe. Deshalb hat er nun mit Freunden und Familie in Deutschland eine Hilfsorganisation gegründet. „Sadaqa“ heißt sie, das arabische Wort für „freiwillige Gabe“. Die Hilfsorganisation befindet sich aktuell noch in der Aufbauphase. Als Erstes werden Vertreter der Organisation nun nach Pakistan fliegen und an der Grenze zu Afghanistan Nützliches für den Winter verteilen. „In Kabul ist der Winter extrem kalt“, sagt Sediq. Deshalb verteilen die Helfer Zelte, Decken und warme Klamotten, außerdem Essen in Konserven und Medikamente.

Im Moment seien sie noch auf der Suche nach einem Logistikunternehmen, das Sachspenden aus Deutschland an die afghanische Grenze bringt. Bis das gefunden ist, besorgen die Helfer die Gegenstände direkt in Pakistan.

Tareq Sediq ist in Deutschland aufgewachsen und hatte zunächst keinen Bezug zu seinem Heimatland. Aber inzwischen habe er „Land und Leute lieben gelernt“. Was dort jetzt los ist, schmerzt ihn. Es gebe weder Frauenrechte, für die meisten auch keine Arbeit und kein Geld. „Es wird zu einem Bürgerkrieg kommen“, sagt er. Die Aufstände würden seiner Einschätzung nach mehr werden. Schon jetzt gebe es Menschen, die sich gegen die Taliban auflehnen. Tareq Sediq hofft, dass die Miliz besiegt werden kann. „Bis dahin leiden vor allem Frauen und Kinder“, sagt er.

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