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Interview

„Frischer Wind tut der Stadt gut“

Der 43-jährige Matthias Knecht möchte in Ludwigsburg Verantwortung übernehmen und tritt gegen den derzeitigen Amtsinhaber an. Er setzt auf Teamarbeit, auf Bürgernähe und trotz klarer Kante auf ein freundliches Ludwigsburg.

Matthias Knecht

Der Name Knecht ist in Ludwigsburg sehr verbreitet, zu welcher Knecht-Familie gehören Sie?

Matthias Knecht: Wir sind weder mit der Apothekerfamilie noch mit der Architektenfamilie Knecht verwandt. Meine Familie ist in der Weststadt verankert, mein Vater war Bankkaufmann und nebenbei engagiert in der Freien Waldorfschule und im CVJM. Meine Mutter war Krankenschwester und ehrenamtlich Kirchengemeinderätin der Erlöserkirche.

Sie haben sich als waschechten Ludwigsburger bezeichnet, was zeichnet diesen aus?

Ich bin einer von hier, kenne die Menschen und liebe diese Stadt. Aufgewachsen bin ich in Hoheneck, später sind wir in die Weststadt umgezogen. Sportlich war ich im SC Ludwigsburg verankert, war Vorsitzender und Jugendleiter, habe Tennis und Basketball gespielt. Auch die Kulturszene in dieser Stadt ist mir wichtig. Meine Oma, die Klavierlehrerin war, hat mich schon als 13-Jährigen zu den Schlossfestspielen mitgenommen. Gerne gehe ich ins Scala oder ins Caligari. Im Basketball habe ich lange auf den Freiplätzen der Stadt gespielt, heute bin ich Dauerkarteninhaber bei den MHP Riesen. Als Oberbürgermeister Verantwortung für meine Heimatstadt zu übernehmen, habe ich seit Langem als Ziel. Ich würde mich freuen, wenn mir die Menschen diese Aufgabe anvertrauen.

Der amtierende Rathauschef hat fast täglich einen öffentlichen Auftritt. Harte Zeiten für den Gegenkandidaten?

Für mich ist das unproblematisch. Werner Spec, den ich wertschätze und dessen Arbeit ich respektiere, hat natürlich viele Möglichkeiten, sich zu zeigen und zu positionieren. Das tut er auch, so wie unlängst bei der Stadtgründungsfeier, wo früher oft externe Redner aufgetreten sind, und jetzt der OB sprach. Das ist das Privileg des Amtsinhabers, der in 16 Jahren viel für Ludwigsburg erreicht hat. Ich gehe meinen Weg, versuche, in der Stadt präsent zu sein, mit möglichst vielen Menschen zu reden und genau hinzuhören. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen in dieser Stadt sehr genau spüren, ob ein Bewerber echt ist oder sich verstellt, weil er auf Stimmen hofft. Herr Spec und ich laufen uns gerade bei vielen Aktivitäten über den Weg. Wir können damit beide ganz gut umgehen. Ein bisschen ist das wie bei einem 100-m-Lauf. Der Amtsinhaber startet weiter vorne. Der Zieleinlauf ist allerdings erst am 30. Juni.

Manch einer mag es vermessen finden, dass jemand ganz ohne Rathauserfahrung an die Spitze will...

Einspruch! Ich habe Verwaltungserfahrung und war viele Jahre in verschiedensten Funktionen in Verwaltungen tätig, sei es in der Hochschulverwaltung oder in der Verwaltung der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Richtig ist, dass ich bisher noch keine Stadtverwaltung geführt habe. So wie ich dieses Amt verstehe, ist das allerdings Teamwork. Und zu diesem Team gehören Menschen wie Konrad Seigfried, der Erste Bürgermeister dieser Stadt, der wohl noch zwei Jahre arbeiten wird, ehe er in den Ruhestand geht und mit dem ich mich sehr gut verstehe. Einer wie er und auch andere werden mir die Einarbeitung erleichtern. Im Übrigen habe ich aus der Verwaltung heraus bei Gesprächen bereits das Signal bekommen, dass ich unterstützt werde, sollte ich Oberbürgermeister werden. Niemand erwartet, dass ich die Arbeit der ganzen Verwaltung alleine machen muss.

Ein erstaunliches Signal!

Ich bin ja für viele in der Verwaltung kein Unbekannter. In meiner Funktion als Vorsitzender des Stadtverbands für Sport habe ich in der Sportpolitik bereits gewirkt und auch an vielen Sitzungen teilgenommen. Zudem bin ich Vorsitzender des MTV Ludwigsburg, der als einer der beiden größten Vereine der Stadt gilt und habe sowohl die Fusion von SC Ludwigsburg und MTV sowie die von 07 Ludwigsburg und MTV mit meinen Kollegen aus den Vereinen erfolgreich gemeistert. Das hat sich vermutlich herumgesprochen.

Was können Sie denn besser als der Amtsinhaber Werner Spec?

Offen gestanden mag ich diese absoluten Kategorien nicht. Werner Spec ist Werner Spec und Matthias Knecht ist Matthias Knecht. Wir sind ganz unterschiedliche Typen und stehen vor allem für einen anderen Stil des Umgangs. Ich möchte ein OB sein, der für ein vertrauensvolles Miteinander wirbt. Das heißt nicht, dass ich nur ein netter Kerl wäre, der sich zum Spielball äußerer Kräfte machen lässt. Notfalls, und das können Sie mir glauben, kann ich auch klare Kante zeigen. Allerdings stehe ich angesichts der komplexen Aufgaben eines Stadtoberhaupts tatsächlich für einen Stil des Vertrauens. Ich will kein OB sein, der Porzellan zerschlägt und vertraute Wegbegleiter ins Abseits stellt.

Da klingt Kritik am Amtsinhaber durch.

Wo verorten Sie sich politisch? Sind Sie ein Klimaschützer, Autofan oder einer, der Gefallen daran findet, möglichst viel zu bauen?

Zunächst einmal bin ich parteilos. Auch wenn ich von CDU und SPD unterstützt werde und auch Teile der Grünen mir Zuneigung signalisiert haben, bin ich politisch ein unabhängiger Kopf. Mir ist es wichtig, die Menschen in Ludwigsburg unabhängig von ihrer Couleur zu überzeugen. Was das Bauen betrifft, kann ich es kurz machen: Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnraum in dieser Stadt. Mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine. Ich möchte dabei gerne auch offen sein für ganz neue Wohnkonzepte und Wohnmodelle. Das ist mir wichtig. Was das Auto betrifft, nach dem Sie ebenfalls gefragt haben: Ich fahre Auto, um von A nach B zu kommen und glaube, dass wir künftig eine ganz andere, sehr vernetzte Mobilität haben werden. Heute Bus, morgen Rad, übermorgen E-Auto. Mit voller Überzeugung müssen wir mehr für den Klimaschutz tun, ohne dogmatisch zu werden und den Leuten mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen.

SPD und CDU haben sich positioniert, wie sich die Grünen zu Ihnen stellen, ist noch unklar. Werben Sie dort für sich?

Ich werbe bis zum 30. Juni an vielen Orten für mich und meine Ziele. Vieles, was die Grünen ansprechen, kann ich gut mit diesen Zielen verbinden. Ich werde allerdings keinem Lager konkrete Dinge versprechen. Ich möchte nicht als Oberbürgermeister gegen die Vorlagen meiner eigenen Verwaltung stimmen müssen, weil ich mich politisch einer Partei oder Wählergemeinschaft verpflichtet fühle. Das ist kein gutes Zeichen nach innen. Ich möchte die Zukunft dieser Stadt als ein unabhängiger, parteiloser Oberbürgermeister gestalten.

Es fehlen Wohnungen. Wie dringlich ist es, zu bauen?

Es gibt einen riesigen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum. Da ist die Stadt mit der Wohnungsbau in der Pflicht. Allerdings hilft es wenig, bei diesem Thema die vermeintlich Guten und die vermeintlich Schlechten gegeneinander in Stellung zu bringen. Wir brauchen gewiss nicht nur, aber eben auch die privaten Bauträger. Es geht darum, die richtige Balance zwischen öffentlichen und privaten Bauträgern auszuloten. Wichtig ist mir aber auch, mit den privaten Eigentümern im Gespräch zu bleiben. Ich war neulich beim Landesverbandstag von Haus und Grund Württemberg in Ludwigsburg. Da war Herr Spec nicht eingeladen. So weit sollte es nicht kommen.

Was halten Sie davon, Städte zum Versuchs- oder Reallabor zu machen?

Labore sind gut, wenn möglichst viel davon real wird. So manches, was im Reallabor Ludwigsburg getestet wird, ist mir persönlich zu viel Labor und zu wenig realitätsnah. Reallabore sollte man nicht machen, damit sich die Stadt von ihren Aufgaben freizeichnet. Die Stadt muss ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen. Der Bürger darf nicht den Eindruck bekommen, man macht es, weil es halb Europa macht, sondern weil es den Leuten in Poppenweiler oder in Eglosheim was bringt und nicht, weil gerade Fördergelder ausgelobt worden sind. Die Idee des Reallabors gibt gute Möglichkeiten zur Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Stadt entbindet das aber nicht von ihren Aufgaben.

Sie sprechen davon, dass eine Stadt nicht ständig kleine und mittlere Luftballons steigen lassen muss. Auf welche hätte Ludwigsburg in den vergangenen Jahren verzichten können?

Nehmen Sie beispielsweise das Projekt „Ludwigsburg elektrisiert“. Es ist sicher wichtig, E-Mobilität weiter zu entwickeln. Allerdings sollte dies dann auch nachhaltig sein und dauerhaft für den Bürger sichtbar. Fragen Sie doch mal die Leute, ob und wie Ludwigsburg in der Mobilität von Morgen „elektrisierender“ wirkt als andere Kommunen. Ich kann das nicht sehen. Auch wenn es große Förderanträge gibt und die Stadtverwaltung teilweise mit Elektrofahrzeugen unterwegs ist: Wir müssen nicht überall so tun als wären wir permanent spitze. Ähnlich verhält es sich beim Bahnhof, der in Ludwigsburg von der Verwaltungsspitze zum „Wohlfühlbahnhof“ hochstilisiert wurde. Fragen Sie auch da mal die Menschen, ob sie sich, vor allem zu später Stunde, dort wohl fühlen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen nicht ständig das Rad neu erfinden oder es „ludwigsburgisieren“. Das ist gar nicht nötig. Wir brauchen eine Stadtpolitik des Machbaren. Weniger ist manchmal mehr. Im Übrigen sind Förderanträge, wie sie Ludwigsburg gerne und oft stellt, eine gute Sache. Allerdings haben sie oft den Nachteil, dass man auch eigenes Geld und eigene Verwaltungskräfte einbringen muss. Da muss man genau abwägen und nicht jeden Luftballon steigen lassen.

Welchen größeren Ballon würden Sie steigen lassen?

Ich will nicht, dass der Eindruck entsteht: Jetzt kommt der Knecht und macht seine zehn Projekte. Auch ich habe natürlich Visionen, zu denen beispielsweise gehört, dass die „Stadtautobahn“ B.27, die Ludwigsburg durchschneidet, dorthin kommt, wo sie hingehört, nämlich ins Untergeschoss, damit der Lebensraum oben für eine grüne, lebenswerte Stadt genutzt werden kann. Ich werde solche und andere Pläne allerdings vorab am Gemeinderat spiegeln, denn dort sitzen die gewählten Volksvertreter. Es ist beispielsweise ein wichtiges Thema, das Sicherheitsgefühl in dieser Stadt zu verbessern. Es gibt Statistiken, die sagen, dass alles in der Norm ist. Und es gibt das subjektive Sicherheitsgefühl. Das sagt oft etwas anderes. Hier kann die Stadt noch einiges tun. Bei Bildung und Betreuung brauchen wir schnell einen größeren Aufschlag. Eltern wollen noch mehr Transparenz, Einrichtungen fahren mit zu wenig Betreuungskräften – das ist ein Riesenthema bei Familien. Hierauf muss ein Fokus liegen. Ein anderer liegt darauf, dass der Hochschulstandort Ludwigsburg sichtbarer werden muss. Da habe ich als Hochschulprofessor durchaus noch einige Ideen.

Die Steuereinnahmen gehen laut Bundesfinanzministerium zurück. Das betrifft auch Ludwigsburg. Wie würde ein OB Knecht damit umgehen?

Momentan geht’s uns noch gut, wir werden auch weiterhin investieren können. Es wird aber in den nächsten Jahren vermutlich notwendig sein, den Haushalt zu konsolidieren. Da wird es Verteilungskämpfe geben. Für mich ist klar: Bildung ist der Rohstoff der Zukunft. Daran darf nicht gespart werden.

Die Stadtteile fühlten sich oft abgehängt. Finden diese mehr Gehör?

Ich höre oft bei meinen Gesprächen in der Stadt, dass sich die Stadtteile abgehängt vorkommen. Ich möchte in die Stadtteile gehen, mir die Sorgen anhören, die die Menschen dort beschäftigen. Zwei ältere Damen haben mir neulich erzählt, dass sie mit ihren Rollatoren durch ganz Neckarweihingen gehen müssen, um zum Edeka zu kommen. Da kann es auch pfiffige Lösungen geben. Mir sind die Belange gerade auch älterer Menschen wichtig. Wir alle werden jeden Tag älter und wollen auch als betagte Menschen selbstbestimmt in dieser Stadt leben.

Die Stadtteile als Chefsache?

Ja, da sehe ich so. Unbedingt.

Sollen die Stadtteilausschüsse auch abstimmen dürfen, um ein Meinungsbild zu vermitteln?

Bei den Zukunftskonferenzen, um ein Beispiel zu nennen, gab es rege Bürgerbeteiligung, doch dabei ist oft auch das Gefühl entstanden, dass die Bürgerbeteiligung nicht gemacht wird, um den Bürger von vornherein mitzunehmen, sondern um Dinge, die teils schon auf den Weg gebracht sind, zu legitimieren. Auch dafür haben die Menschen ein feines Gespür. Wer Bürger sehr früh einbindet, nimmt zwar das Risiko auf sich, dass sich ein Thema vielleicht in eine andere Richtung entwickelt. Aber warum soll man das als Stadt nicht aushalten? Dazu gehört auch, dass man die Stadtteilausschüsse stärkt.

Ist Bürgernähe verloren gegangen?

Es gibt einen Unterschied zwischen Bürgerbeteiligung und Bürgernähe. Bürgerbeteiligung ist nicht zwangsläufig bürgernah. Aus meinen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie nicht wirklich gehört, sondern oft nur an Prozessen beteiligt werden. Auch da geht es um die Frage, was „echt“ ist und was nicht. Ich glaube, wir müssen wieder anders zuhören und auch Kirchen, Vereine und Initiativen einbinden. Es sollte ein regelmäßiger Austausch entstehen, aus dem heraus dann auch neue Impulse für die Stadt erwachsen. Ich werde ein Rathauschef sein, der zuhört, damit sich Dinge verbessern können und nicht, damit ich sagen kann, ich hätte zugehört.

Wie gehen Sie mit Bürgerprotesten um?

Nicht alles, was den Bürger umtreibt, kann man so umsetzen, wie er sich das vorstellt. Manchmal müssen auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Wer sich davor scheut, darf sich nicht um ein solches Amt bemühen. Bürger sollten gleichwohl auch und gerade in kontroversen Fragen offen und ehrlich behandelt werden. Ein Oberbürgermeister sollte bei alledem ein Stück Demut zeigen. Er dient letztlich der Stadt und den Menschen, die in ihr leben.

Wo steht Ludwigsburg heute und wo in acht Jahren?

In acht Jahren wird man über Ludwigsburg sagen, dass es eine Stadt ist, die sich weiter unglaublich positiv entwickelt hat. Eine Stadt, in der die Betreuungssituation für Kinder verbessert wurde. Eine Stadt, mit einem klaren Plan für die vernetzte Mobilität, mit besten Verbindungen in die Stadtteile und hinaus in die Region. Eine Stadt, die auf dem Tourismussektor mehr getan hat als früher. Eine Stadt, die Visionen hat und so viel Charme, dass sie kluge Köpfe anzieht. Eine Stadt, in der sich die Menschen wohlfühlen, weil sie in einer grünen Umgebung wohnen, in der es Miteinander und Vertrauen gibt.

Reichen acht Jahre, um bereits klare Zeichen zu setzen?

Acht Jahre sind gut, um viel zu bewegen. 16 Jahre sind im Zeichen der Kontinuität wichtig. Danach tut frischer Wind der Stadt durchaus gut.

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