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Umweltschutz

Haare sammeln für saubere Gewässer: Auch Ludwigsburger Friseursalon von Brigitte Hartmann ist dabei

Haare als natürliches Reinigungsmittel, das gegen Verschmutzungen wie Benzin, Öl und Sonnenmilchreste in Seen, Flüssen und Meeren eingesetzt wird – dieser bundesweiten Initiative hat sich unter anderem auch ein Friseursalon aus Ludwigsburg angeschlossen. Endlich hat die Inhaberin eine sinnvolle Verwendung für den regelmäßig anfallenden Berg von Haarmüll.

Iris Reale mit Haar-Resten, die für eine Umweltschutz-Aktion gesammelt werden. Hinten rechts im Spiegel: Reales Mutter Brigitte Hartmann, die sich mit ihrem Ludwigsburger Salon an der bundesweiten Initiative beteiligt. Foto: Holm Wolschendorf
Iris Reale mit Haar-Resten, die für eine Umweltschutz-Aktion gesammelt werden. Hinten rechts im Spiegel: Reales Mutter Brigitte Hartmann, die sich mit ihrem Ludwigsburger Salon an der bundesweiten Initiative beteiligt. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg/Bückeburg. Leise rieselt das Haar von Holger Thomma auf den Boden. Der Notar sitzt im Haarstudio von Brigitte Hartmann am Ludwigsburger Solitudeplatz und lässt sich von Iris Reale, Hartmanns Tochter, die Haare schneiden. Wenn Thomma, frisch frisiert, den Salon verlässt, landet sein abgeschnittenes Haar nicht wie früher im Abfall, sondern früher oder später in einem Gewässer. Denn Hartmann beteiligt sich an einer Umwelthilfe-Aktion: Die Haar-Reste jedes Kunden und jeder Kundin werden gesammelt, um mit ihnen Meere, Flüsse und Seen sauberer zu machen.

Haare als natürliches Reinigungsmittel, das gegen Verschmutzungen wie Benzin, Öl und Sonnenmilchreste in Gewässern eingesetzt wird – das ist das Konzept hinter der Initiative „Hair help the Oceans“ mit Sitz im niedersächsischen Bückeburg. Dahinter stehen der Friseurmeister Emidio Gaudioso und der Unternehmensberater Thomas Keitel. In den mehr als 80000 Friseursalons in Deutschland würden jährlich Tonnen an Haar-Resten im Müll entsorgt, teilen die beiden Initiatoren der Umwelthilfe-Aktion mit. „Wir suchten nach einem Weg, mit den abgeschnittenen Haaren etwas Gutes zu tun.“ In den ersten vier Monaten des Jahres (die Initiative startete am 1. Januar) seien geschätzt fast 3000 Kilogramm Haare gesammelt worden, teilt Gaudioso auf Anfrage mit.

Hartmanns Ludwigsburger Haarstudio ist einer von bundesweit mehr als 600 Partnersalons der Initiative, auch in der Schweiz und den Niederlanden, in Österreich und Luxemburg machen Friseure mit. Im Kreis Ludwigsburg gibt es laut der Initiative zwei weitere Partnersalons: Schrenk Frisöre in Bietigheim-Bissingen und Haarmonie in Erdmannhausen.

„Es ist fünf vor zwölf“

„Wir müssen etwas tun für die Flüsse, Seen und Meere“, betont Hartmann (67). „Wir haben von Gott ein Paradies bekommen, und der Mensch macht es kaputt.“ Über die Zerstörung der Umwelt sagt Hartmann: Es ist fünf vor zwölf.“ Um etwas Großes zu erreichen, um die Welt zu retten, „muss man im Kleinen anfangen“.

Diese kleinen Anfänge sind in Hartmanns Fall viele Kartonagen und ein Mitgliedsbeitrag. Monatlich 21 Euro zahlt sie an „Hair help the Oceans“, dafür kümmern sich die Initiatoren beispielsweise um die Logistik (etwa Lagerhallen), die Administration und um Werbung für die Aktion. Und die Kartonagen sammelt sie, um in ihnen die Haar-Reste aus ihrem Salon zu sammeln. Sie werden von Mitarbeitern der Umweltschutzorganisation regelmäßig abgeholt, um dann auf den Weg zu Gewässern gebracht zu werden.

Vorbild ist laut Gaudioso und Keitel der französische Verein „Coiffeure Justes“ (deutsch: faire Friseure). Dessen Mitglieder füllen abgeschnittene Haare in Nylonstrümpfe, binden diese zu Rollen und setzen sie als Filter in verschmutzten Gewässern ein. Die Saugfunktion der Filter ziehe etwa Öl aus dem Wasser. So verfährt auch die Bückeburger Initiative, die Haarschläuche würden produziert und bald eingesetzt. Auch Haarmatten soll es geben, die verfilzt werden und so noch besser verunreinigtes Wasser filtern könnten.

Einsatz etwa in Industriegebieten, an Küsten und Badestränden

Haare könnten viel Fett aufsaugen, diese Eigenschaft verlören sie auch nicht nach dem Schneiden. Deshalb eigneten sie sich „hervorragend als natürliches Reinigungsmittel“ in verschmutztem Wasser, teilen die „Hair help the Oceans“-Macher mit. Ein Kilogramm Haar könne bis zu acht Kilo Öl aus dem Wasser filtern. Die Haarfilter würden weltweit eingesetzt, etwa vor Industriegebieten, an Küsten und Badestränden. Und überall dort, wo Benzin oder Motoröl ausgelaufen ist und wo Motorboote ankern. Als im Sommer 2019 vor Mauritius, einer Insel im Indischen Ozean, ein Frachter auf Grund lief, seien diese haarigen Filter auch genutzt worden. „ Wir führen Gespräche mit Hafenmeistern, Wasserwerken, Kommunen und Feuerwehr“, sagt Gaudioso.

Ob Schnitthaare, chemisch behandeltes und gefärbtes Haar, ob Echthaarperücken oder Übungsköpfe aus Echthaar – die Bückeburger Umweltschutzorganisation verwertet menschliche Haare in sämtlichen Varianten. So könne jeder Friseurbesucher und jede Besucherin mit den eigenen abgeschnittenen Haaren einen Beitrag zum Umweltschutz leisten, betont Hartmann. Ihr Kunde Holger Thomma sagt auf dem Friseurstuhl: „Eine fantastische Aktion. Ich hoffe, sie macht Schule.“

Endlich eine sinnvolle Verwendung

Die Ludwigsburgerin fragte sich seit Jahrzehnten, auch schon in ihrer Lehre, was sie mit dem abgeschnittenen Haar machen kann, das in Massen in ihrem Salon anfällt und ein nachwachsendes Naturprodukt ist. Bisher hatte sie keine Idee – bis sie von der Bückeburger Initiative las, die sie faszinierte. Endlich hatte sie eine sinnvolle Verwendung für die Haar-Reste. Und eine angenehme Nebenwirkung hat die Aktion für teilnehmende Friseure auch: Sie müssen die Haarberge nicht mehr in den Abfall schmeißen und sparen so Müllgebühren.

Info: Wer Haare spenden will, kann diese direkt an die Initiative „Hair help the Oceans“ schicken. Kontakt: info@hair-help-the-oceans.com. Postadresse: Schulstraße 7, 31675 Bückeburg.

Seit 30 Jahren in der Stadt:

Am 1. Mai 1992 eröffnete Brigitte Hartmann ihren Friseursalon in Ludwigsburg – damals war er im Kaufland-Gebäude in der Schwieberdinger Straße. 2001 zog die gebürtige Stuttgarterin mit ihrem Salon an den Solitudeplatz. In Hartmanns Familienunternehmen sind auch ihre Tochter Iris Reale und drei weitere Mitarbeiterinnen beschäftigt. Brigitte Hartmann selbst schneidet von 1. Mai an keine Haare mehr, wird aber weiter beratend in ihrem Salon tätig sein.

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