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Rockfabrik

„Hier kannst du so kommen, wie du bist“

Sie ist eine der ersten und eine der größten Großraumdiskos für Rockfans: Die Rockfabrik Ludwigsburg. Viele folgten ihrem Beispiel. Viele haben im Laufe der Jahre wieder geschlossen. Das Original gibt es immer noch – auch wenn sich Gerüchte um eine baldige Schließung so hartnäckig halten wie Kaugummis an Schuhsohlen.

Die vier Rofa-Macher: Wolfgang „Hasche“ Hagemann (lebt inzwischen in Thailand), Otto Rossbacher, Christian Albrecht und Roland Bock. Foto: Oliver Bürkle
Die vier Rofa-Macher: Wolfgang „Hasche“ Hagemann (lebt inzwischen in Thailand), Otto Rossbacher, Christian Albrecht und Roland Bock. Foto: Oliver Bürkle
Auch diese Gruselfratzen werden verkauft.Archivfoto: Oliver Bürkle
Auch diese Gruselfratzen werden verkauft. Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Es ist ein kalter Dienstagmorgen. Die Pfützen auf dem Parkplatz in der Ludwigsburger Weststadt sind mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Der Einkaufsverkehr ins angrenzende Kaufland rollt die Rampe hoch. Im Innern der Rockfabrik ist es still. Keine Musik. Nur das Klappern von Getränkekisten ist zu hören. Wenn Betrieb ist, tanzen und feiern hier mehrere Hundert Rockfans.

Otto Rossbacher und Christian Albrecht sind die Macher der ersten Stunde. „Wir wollten was mit Rockmusik machen“, erinnert sich Rossbacher, der eigentlich Lehrer ist. Die beiden kannten sich aus Ingolstadt, arbeiteten bei Roland Bock, einem ehemaligen Wrestler, der damals schon eine Diskothek betrieb. Dessen Stiefsohn, ebenfalls Roland Bock, gehört heute zur Geschäftsleitung wie auch Wolfgang „Hasche“ Hagemann.

Damals trug man die Haare lang, zumindest aber Vokuhila, kleidete sich wie die Typen aus Miami Vice und hörte Musik von Phil Collins, Michael Jackson und Nena. Mainstream war nicht das Ding von Rossbacher und Co. Weder was das Outfit anbelangte und schon gar nicht in Sachen Musik. Sie wollten Rock!

„Damals hat man eher an Großraumdiskos gedacht.“ So wie der Perkins Park in Stuttgart, der Dancing Park Freiberg oder das Las Vegas in Markgröningen. Neu war die Konzentration auf Rockmusik mit all ihren Facetten von Heavy Metal bis hin zu Gothic. „Bei uns gibt es Themenbereiche mit Café und Gastronomie, wo man sich auch unterhalten kann“, sagt Bock, auch das ein später viel kopiertes Novum in der Szene.

In der Ludwigsburger Weststadt fanden die Rofa-Gründer eine geeignete Immobilie: Eine ehemalige Fabrikhalle der Firma Eisfink, in der zuvor Kühlschränke hergestellt wurden. „Eigentümer Max Maier war damals froh, dass wir Interesse an der Halle hatten.“ Viel haben sie in Eigenarbeit geschafft. „Wir hatten nicht viel Kapital“, sagt Rossbacher. Sie schliefen auf einer Pritsche auf dem Areal, Baumaterial kam teils von Abrissstellen irgendwo im Land, und zu essen gab es fast täglich Gulasch mit Kartoffeln. „Wir hatten eine schöne Gemeinschaft.“ Zweifel an ihrem Tun hatten sie nie. „In dem Alter überlegt man nicht, ob es sinnvoll ist. Da macht man’s einfach.“

An die Wände sind Totenköpfe gezeichnet, Skulpturen von weit aufgerissenen Mäulern zeugen nicht gerade von Disneyland. In der Diskokanzel, dem musikalischen Herz der Rockfabrik, ist eine Wand mit CDs zugestellt. Doch die werden hier schon lange nicht mehr gespielt. „Heute kommt alles vom Computer.“

Am Anfang habe keiner an sie geglaubt. Nur mit Mühe fanden die Rofa-Macher eine Brauerei, die bereit war, sie zu beliefern. „Die haben uns alle maximal sechs Monate gegeben“, erinnert sich Albrecht, der gelernte Schriftsetzer aus Berlin. Ihre Kritiker haben sie Lügen gestraft: „Schon nach sechs Wochen hatten wir die Anforderung der Brauerei erfüllt.“

Es war der 30. November 1983, 18 Uhr, als die Rockfabrik zum ersten Mal öffnete. „Wir waren göttliche Dilettanten.“ Der Zustrom war groß, die Erfahrung des Teams gering. „Alles ging durcheinander.“ Obwohl es wirtschaftlich schwierige Zeiten waren, hatte die Rofa von Beginn an Erfolg. „Damals gab es noch kein Privatfernsehen, da sind die Leute abends aus dem Haus“, meint Bock. Mitten in der Woche seien 400 bis 500 Gäste gekommen.

„Heute sind die Leute schleckiger“, sagt Albrecht. Damals seien die Besucher einfach so gekommen, wenn es hieß: Die Rockfabrik macht ein Festival. „Heute ist das kein Selbstläufer mehr. Da muss das Programm passen.“ Es brauche heute Special-Events. „Die Sensationsdichte ist inzwischen eine ganz andere.“ Es gibt Mottopartys, Konzerte, Festivals, Newcomer-Präsentationen oder die legendären Halloween- und Abipartys, um nur einige zu nennen. Die Rofa verjüngt sich, sowohl im Publikum als auch im Personal. „Rockmusik ist nicht totzukriegen.“

Früher kamen die Gäste sogar per Bus aus der Schweiz. Das ist nicht mehr ganz so, aber der Name, den sich die Rockfabrik schon in ihren Anfangsjahren aufgebaut hat, hat noch immer einen guten Klang. Metallica, Motörhead, Slayer und die Scorpions waren hier zu Gast. Plattenläden-Inhaber gingen in die Rofa, um zu hören, was gespielt wird, damit sie es in den nächsten Tagen im Laden anbieten konnten. In der Rofa lief man keinen Trends hinterher, hier wurden Trends gemacht.

Weee will, weee will rock you!, tönt es durch die Stille. Es ist Roland Bocks Handy, das mit dem Queen-Klassiker auf sich aufmerksam macht. Rock, so sagen die Vier, ist eine Lebenseinstellung. Es komme nicht darauf an, wer man ist, wenn man in die Rockfabrik komme. „Unsere Türsteher machen keine Gesichts- oder Kleiderkontrolle. Sie kontrollieren nur unter dem Sicherheitsaspekt.“ Auch Rocker zählen hin und wieder zu den Gästen. „Aber die Rofa ist neutral. Die müssen hier ihre Kutten ausziehen oder umdrehen“, sagt Albrecht. Und die tun das auch. Die Rofa-Gänger seien eine ganz gemischte Klientel. „Hier kannst du so kommen, wie du bist. Das ist das Einzigartige.“

Ein bisschen einzigartig wirkt die Rockfabrik schon draußen vor der Tür. „Heute sind wir umzingelt von Porsche-Parkplätzen“, sagt Rossbacher. Und es drängt sich die Frage auf, wie lange die Rofa wohl noch durchhalten wird. „Gerüchte um unsere Schließung gibt es schon seit dem ersten Tag.“ Aber Totgesagte leben länger. Die Rockfabrik hat den Abzug der Amerikaner aus Ludwigsburg überlebt. Und sie ist auch mit dem Rauchverbot zurechtgekommen. Wenngleich beides tiefe Einschnitte in den über 35 Betriebsjahren waren.

Der aktuelle Mietvertrag geht noch bis Ende dieses Jahres. „Mein Ziel ist, dass wir auch die 40 erreichen“, sagt Otto Rossbacher.

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