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Aktionstag
Hinschauen, Gedenken und Aufrütteln

Die Kerzenaktion von „Frauen für Frauen“ auf dem Rathaushof. Foto: Andreas Becker
Die Kerzenaktion von „Frauen für Frauen“ auf dem Rathaushof. Foto: Andreas Becker
Weiße Rosen und Kerzenkreise erinnerten am 25. November, dem „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, auf dem Ludwigsburger Rathaushof an im vergangenen Jahr in Deutschland begangene Femizide. Zum Gedenken aufgerufen hatte der Verein „Frauen für Frauen“.

„Das passiert in Deutschland?“, fragt eine Passantin ungläubig mit Blick auf die 150 Kerzen, die am Donnerstagabend auf dem Rathaushof Lichterkreise bildeten. 150 Kerzen und 150 Namen. Die Namen von Frauen, die im Jahr 2020 in Deutschland aus einem frauenfeindlichen Motiv heraus ermordet wurden und für die nun auf dem Rathaushof Kerzen entzündet und deren Namen begleitet von Geigenmusik einzeln verlesen wurden.

„Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechtes ist ein Femizid“, beginnt Arezoo Shoaleh, die pädagogische Leiterin des Vereins „Frauen für Frauen“, ihre Rede zur Gedenkfeier im Rahmen des Aktionstages. Getötet würden die Frauen meist nicht durch Fremde, sondern durch nahestehende Menschen, oft Partner oder Ex-Partner. In Baden Württemberg spricht man auch von Partnergewalt. Knapp 14000 Fälle von Partnergewalt verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik im Sicherheitsbericht des Landes 2020, 81 Prozent der Opfer sind weiblich. In 24 Fällen gipfelte die Gewalt in tödlicher Verletzung oder in Mord.

Sprachliche Verharmlosung nicht angebracht

Gegen sprachliche Verharmlosung, wie eine Darstellung als Beziehungstat, Eifersuchtstragödie oder gar Liebesdrama, wendet sich Shoaleh vehement: „Es sind Morde!“. Strafrechtlich sei dies nicht immer eindeutig, so käme es oft zu milderen Strafmaßen, wenn die Anklage nicht Mord, sondern Körperverletzung mit Todesfolge laute. Etwa, wenn die Misshandlung in einer Partnerschaft schon Jahre bestehe. „Oft handelt es sich um nicht akzeptierte Trennungsabsichten der Frau“, erläutert Judith Raupp, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ludwigsburg und die zweite Rednerin der Gedenkfeier. Ursache seien historisch gewachsene Machtverhältnisse. Ein wesentliches Element zur Verhinderung von Gewalt ist die rechtliche Gleichstellung von Frauen. Als Meilenstein auf diesem Weg nennt Raupp die Instanbul-Konvention als Menschenrechtsvertrag und das darauf fußende Bundesgesetz zur „Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, das in Deutschland 2018 in Kraft trat.

Dem Gedenken auf dem Rathaushof schlossen sich nur rund 30 Personen an. Das Thema ist schwierig. Wie die Passantin mögen viele Menschen, die in einem aufgeklärten Umfeld aufgewachsen sind, nicht glauben, dass solche Morde mitten in unserer Gesellschaft stattfinden. Doch sollten diese Taten nicht als Privatsache betrachtet werden, denn jede Frau könnte betroffen sein. Es sei keine Frage sozialer Schichtzugehörigkeit, bestimmter Altersgruppen oder Milieus, betont etwa die Vorsitzende des Vereins UN Women Deutschland, Elke Ferner, in einem ARD-Interview.

Im Landkreis Ludwigsburg gibt es aktuell 19 Plätze in Frauenhäusern, in welchen Opfer häuslicher Gewalt Unterkunft und Beratung finden. Eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Ludwigsburg, die zum Schutz ihrer Klientinnen nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden möchte, mahnt an, dass die Plätze nicht ausreichen. Oft müsse man nach einem Platz außerhalb des Landkreises suchen. Wenn die Nachfrage zu groß würde, sogar bundesweit. In ganz Baden-Württemberg gebe es momentan nur zwei freie Plätze. In der Pandemie sei es während der Lockdowns zwar ruhiger gewesen, jetzt aber ersuchten umso mehr Frauen Hilfe.

Eine Aktion gegen Gewalt und Diskriminierung

In Ludwigsburg arbeitet man mit einer dünnen Personaldecke von zwei Sozialarbeiterinnen und zwei Kräften, die speziell für die Kinder in den Frauenhäusern da sind. Was die Aufnahmekapazität angeht, wünscht sich Arezoo Shoaleh mindestens 40 Plätze im Landkreis. Um vernünftig arbeiten zu können, müsse zudem die Finanzierung einheitlich geregelt werden. Suche eine Frau Hilfe, die nicht im Finanzierungsraster auftaucht, müsse der Verein auf eigene Faust Spenden mobilisieren, um ihr helfen zu können.

Während die Kerzen auf dem Ludwigsburger Rathaushof den Blick auf die getöteten Frauen lenkten, erstrahlten am Donnerstag weltweit Gebäude in orangenem Licht. Eine Aktion, die aufrütteln soll, damit mehr Menschen hinschauen, wenn es um Diskriminierung und Gewalt an Frauen und Mädchen geht. Ebenso um Alltagssexismus und stereotype Darstellung von Geschlechterrollen. Dabei sind alle gefragt, seien es Eltern, Kolleginnen oder Vorgesetzte, Pädagogen, Medienmacherinnen oder auch der Handel bei der Gestaltung von Ladensortimenten. Denn Gewalt hat viele Gesichter und beginnt lange vor einem Mord.

Info: Ansprechpartnerinnen finden betroffene Frauen beim Verein „Frauen für Frauen“: www.frauenfuerfrauen-lb.de. Informationen zum Thema Gleichberechtigung bietet der Newsletter der Gleichstellungsbeauftragten bei ludwigsburg.de.