Logo

Tafelladen in Eglosheim
Hirschberglädle wird 20: „Bei uns geht es sehr persönlich zu“

Ein eingespieltes Team im Hirschberglädle Eglosheim mit (von rechts) Leiterin Marlies Pisko, Maria Steinle, dem FSJler Denis Schuster von St. Thomas und Johannes, Ursula Kaden und Renate Lämmermeier. Insgesamt 13 Frauen helfen ehrenamtlich im Tafella
Ein eingespieltes Team im Hirschberglädle Eglosheim mit (von rechts) Leiterin Marlies Pisko, Maria Steinle, dem FSJler Denis Schuster von St. Thomas und Johannes, Ursula Kaden und Renate Lämmermeier. Insgesamt 13 Frauen helfen ehrenamtlich im Tafella
Zweimal die Woche werden in einer ehemaligen Garage in Eglosheim Lebensmittel an Bedürftige verkauft, und das seit 20 Jahren. Marlies Pisko und ihr Team vom Hirschberglädle erleben das, was bundesweit Sorgen macht: Die Armut treibt immer mehr Menschen in die Tafelläden.

Ludwigsburg. Die Frau mit gebeugtem Rücken und grauen Haaren, vom Regen durchnässt, darf heute als erste einkaufen. Die Rentnerin hat Glück: Sie hat heute die Nummer 1 gezogen. Zielstrebig geht sie zum großen Glas-Kühlschrank und greift sich eine große Dose Quark. Ein Blick auf die einzige Packung vakuumierte Fleischküchle – auch die wandert in den roten Plastikkorb. Brot, Buttermilch, Äpfel. Ein Glas Erdbeermarmelade für 50 Cent, eine Dosenwurst für 30. Eine Banane gibt es für zehn Cent. „Wollen Sie auch ein süßes Stückchen?“, kommt die freundliche Frage einer Ehrenamtlichen an der Brottheke. „Die“, kommt die wortkarge Antwort samt Zeigefinger, oft holpert die Sprache.

Fast mutet es an wie ein freundlicher Dorfladen

Wenn man nicht wüsste, dass dies ein Tafelladen in einer ehemaligen Doppelgarage der Kirchengemeinde St. Thomas und Johannes in den Neuen Weingärten 18 ist, könnte man meinen, dies sei ein Dorflädchen mit unschlagbaren Preisen. Freundlich ist die Bedienung durch vier Ehrenamtliche. „Wir haben auch schöne Trauben, wollen Sie welche?“, fragt Doris Köhler, die vor den Frischwaren steht.

Wenn da nicht die resolute Stimme von Evi Michalak durch das offene Fenster dränge, die die Eingangsnummern der Kunden aufruft. Nur zwei auf einmal dürfen rein, verlost wird zu Beginn. Draußen regnet es, in dem kleinen Unterstand mit Stühlen finden nur an die zehn Leute Platz. Schon lange wollen die Frauen eine Vergrößerung. Die Verlosung macht Marlies Pisko – seit Beginn der Tafel, und das war am 22. Oktober 2022, ist sie dabei. Und seit 2010, als die Metzgereifachverkäuferin in Rente ging, ist sie die Leiterin. Dass die Frauen so resolut sind, ist von Vorteil: Manches Mal müssen sie auch bestimmt auftreten.

Vor 20 Jahren initiierte Martin Wunram die Tafelladen-Filiale

Bevor das Hirschberglädle um 14.30 Uhr aufmacht, herrscht ab 13 Uhr eifrige Betriebsamkeit. Wie das halt so ist mit lauter gestandenen Frauen. Freundlich, resolut, zupackend. Die eine räumt die letzten Dosen ein, in der Mini-Küche wird noch Kaffee gemacht, FSJler Denis darf die Haltbarkeitsdaten an der H-Milch checken. Alle bereit, alles sortiert? „Wir machen auf“, kommt um 14.30 Uhr das Kommando von Marlies Pisko. Eine Tür weiter ist nun auch der Kleiderladen geöffnet, der allerdings für jedermann.

Geboren wurde die Idee einer Filiale der Ludwigstafel mit der Sozialen Stadt in Eglosheim, treibende Kraft war Pastoralreferent Martin Wunram, der mit der katholischen Gemeinde St. Thomas Morus Kontakte mit der Ludwigstafel aufnahm. Im Hirschberglädle halten sie große Stücke auf ihn. „Es war notwendig, dass man etwas tut, auch für die Leute mit kleinem Geldbeutel“, sagt Renate Lämmermeier. Auch sie ist seit Anfang dabei, wie auch Doris Köhler und Maria Steinle.

„Jetzt wird auch viel Ukrainisch gesprochen“

Einkaufen darf man nur mit Tafelausweis. Überwiegend, sagt Marlies Pisko, kommen Ältere, aber auch Familien. Russlanddeutsche gab es von jeher, „jetzt wird auch viel Ukrainisch gesprochen“. Dienstags und donnerstags ist geöffnet, mal sind es 25 Kunden wie heute, „manchmal aber auch 50“, sagt die 72-Jährige. „Es kommen mehr“, auch wenn es weiter die Stammgäste gebe: Senioren mit Mini-Rente. Seit 2015 und 2022 mehr Flüchtlinge, jetzt reißt die Inflation weitere mit. Und manchmal gibt‘s einfach zu wenig. „Das tut weh.“ Gespendet werden darf übrigens gerne, Ware wie Geld – in Rücksprache mit dem Pfarrbüro oder Marlies Pisko. „Bei uns geht‘s persönlich zu.“

Aber trotz allem: Gefeiert wird der 20. Geburtstag mit hoffentlich vielen Gästen um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in St. Thomas Morus (Hirschbergstraße) sowie einem Sektempfang und Kürbissuppe auf dem Kirchplatz. „Eigentlich wollten wir was kochen“, lacht Marlies Pisko. Klar. „Aber das haben sie uns verboten.“