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Anti-Terror-Übung

Hollywoodreifer Einsatz im Schloss

Ein Terroranschlag mit rund 50 Verletzten – dieses Szenario haben gestern Polizei und Bevölkerungsschutz im Residenzschloss geübt. Fast zeitgleich ist in der Wildermuth-Kaserne in Böblingen ein ähnlicher Fall geprobt worden. Eine vergleichbare Übung gab es in Deutschland bisher nicht.

Mit Übungswaffen ist die Polizei für ihren Einsatz ausgestattet.Fotos: Oliver Bürkle
Mit Übungswaffen ist die Polizei für ihren Einsatz ausgestattet. Foto: Oliver Bürkle
Die Verletzten werden aufgenommen.
Die Verletzten werden aufgenommen.
Das Drehbuch gibt vor, dass dieser Mann einen Arm verloren hat.
Das Drehbuch gibt vor, dass dieser Mann einen Arm verloren hat.
Hinter den Kulissen wird der Einsatz koordiniert.
Hinter den Kulissen wird der Einsatz koordiniert.

Um solch eine Situation zu inszenieren, bedarf es zahlreicher Menschen. Mehr als 1000 Einsatzkräfte von Polizei und Rettungsdiensten knapp 200 Statisten und etwa 80 Mitarbeiter des Klinikums Ludwigsburg waren im Einsatz. Ein halbes Jahr lang hat ein Team mit dem Leitenden Notarzt des Landkreises Ludwigsburg, Dr. Stefan Weiß, und Hans Hecker vom Polizeipräsidium Ludwigsburg an der Spitze das Konzept für die Übung entwickelt und quasi das Drehbuch geschrieben.

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Anti-Terror-Übung

Hollywoodreif ist das, was die Beobachter vom Balkon des Neuen Hauptbaus, darunter Wilfried Klenk, Staatssekretär des Baden-württembergischen Innenministeriums, Leitende Staatsanwälte und Beobachter anderer Polizeipräsidien, zu sehen bekommen. Die Polizei schickt um kurz nach acht Uhr eine Drohne in die Luft, um das Geschehen zu filmen. Die Spannung steigt. „Jedes Feuer fängt mal klein an“, scherzt Kreisbrandmeister Andy Dorroch mit den ungeduldigen Medienvertretern.

Es ist exakt 8.20 Uhr, als neben dem Eingang zum Alten Hauptbau am anderen Ende des Schlossplatzes mit lautem Knall ein Sprengsatz detoniert. Simuliert wird eine Feierstunde zur Ordensverleihung mit Gästen – inklusive einer Protestkundgebung gegenüber auf der Schlossstraße. Von dort tönen Buhrufe und das Bellen von Polizeihunden herüber. Doch die Demo wird schnell zur Nebensache.

Plötzlich liegen Menschen im Schlosshof am Boden, schreien vor Schmerzen, rufen um Hilfe oder laufen orientierungslos umher. Die geschminkten Verletzungen wirken echt, fast schon zu realistisch. Ein Mann trägt einen Stiefel in der Hand, in dem die Reste eines Beines zu stecken scheinen. Ein Alptraum wird Realität. Auch für die Rettungskräfte, die wenige Sekunden später über etliche Notrufe in der Leitstelle alarmiert werden. Doch es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis die ersten Polizei- und Rettungsfahrzeuge eintreffen. „Auch das ist Realität“, sagt Peter Widenhorn, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Drei bis vier Minuten Einsatzzeit seien normal. In diesem Fall dauert es länger.

Schlag um Schlag füllt sich der Vorplatz des Schlosses mit Einsatzfahrzeugen. Doch die Rettungskräfte können nicht einfach auf den Innenhof laufen, um den Verletzten zu helfen. Zu groß ist die Gefahr, dass ein weiterer Sprengsatz explodiert und aus den Rettern Opfer werden. Polizisten in Schutzkleidung nähern sich vorsichtig dem Ort des Anschlags. Ihre echten Waffen haben sie gegen Übungswaffen ausgetauscht. Jetzt suchen sie Deckung hinter den Schlossmauern und versuchen, nach und nach die Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen. Genau darauf kommt es jetzt an: Die Verletzten in einen gesicherten Bereich zu schaffen, erklärt Andy Dorroch. „Gut gemacht“, kommentiert er die Entscheidung der Leitenden Notärztin vor Ort, diese Stelle vor dem Küchenbau einzurichten. Wird bei anderen Großschadensereignissen vor Ort die Schwere der Verletzung eingestuft, kommt es hier darauf an, die Verletzten so schnell wie möglich abzutransportieren.

„Wir sind extrem gut auf einen ICE-Unfall vorbereitet, aber solch ein Schadensfall ist vollkommen anders“, sagt Prof. Dr. Jörg Martin, Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding.

Inzwischen kreist ein Polizeihubschrauber über dem Gelände. Ein Großraumrettungswagen aus Stuttgart fährt vor. Was jetzt auf dem Schlosshof passiert, ist nicht mehr für die Öffentlichkeit bestimmt. „Das polizeitaktische Vorgehen soll geheim bleiben“, betont Peter Widenhorn. Er verrät immerhin, dass der Attentäter sich unter den Verletzten befindet, später wird er sterben. Seine Komplizen flüchten nach Böblingen, wo sie einen weiteren Anschlag verüben werden.

Auch im Polizeipräsidium Ludwigsburg an der Friedrich-Ebert-Straße wird unter Stress gearbeitet. Mehr als 40 Polizeibeamte sitzen hier in einem großen Raum und koordinieren die Übung. „Wir üben die Zusammenarbeit zwischen der Polizei und den Rettungsdiensten. Wir haben eine Konzeption erarbeitet, die wir heute ausprobieren wollen“, erklärt Burkhard Metzger, Vize-Präsident des Polizeipräsidiums Ludwigsburg.

Am Klinikum sind in der Zwischenzeit die ersten Rettungsfahrzeuge mit den Verletzten eingetroffen. In der Erlachhofstraße sind mehrere Zelte aufgebaut worden. Hier schauen sich Ärzte die Verletzungen an und stufen diese nach ihrem Schweregrad ein. Jeder Statist spielt auch hier noch seine Rolle. Im Ernstfall, so Jörg Martin, würden alle Operationen gestoppt und ein Konzept für die Verteilung der Patienten auf andere Kliniken erstellt. An der Notaufnahme endet die Übung: Hier dürfen die Statisten aufstehen und später in der Cafeteria eine Mahlzeit einnehmen. Der tote Attentäter wird in die Kühlkammer des Klinikums gebracht.

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