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„Ich glaube fest an eine Kirche, die sich einmischt“

Wenn die Kirche zu den Menschen geht: Winfried Speck hat in seinen 14 Jahren als evangelischer Dekan in Ludwigsburg den Weg zur Offenheit und Ökumene geebnet

Gut behütet: Von seinem Büro im Dekanatamt hat Dekan Winfried Speck einen guten Blick auf die Stadtkirche, in der er als Pfarrer etliche Gottesdienste feierte und am Sonntag entpflichtet wird.Foto: Ramona Theiss
Gut behütet: Von seinem Büro im Dekanatamt hat Dekan Winfried Speck einen guten Blick auf die Stadtkirche, in der er als Pfarrer etliche Gottesdienste feierte und am Sonntag entpflichtet wird. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. In gewisser Weise schließt sich jetzt der Kreis, den Winfried Speck vor 14 Jahren selbst begann zu zeichnen. 2007 war es, da reiste er von Rottenburg am Neckar nach Ludwigsburg – eine neue Arbeitsstätte und eine neue Herausforderung für den damals 51-Jährigen standen im Raum, die letztendlich durch seine Wahl zum evangelischen Dekan im April des Jahres besiegelt wurden. Er hatte sich einen Platz im Café Baron am anderen Ende des Marktplatzes gesucht, und da saß er nun und schaute hinüber zu seiner künftigen Wirkungsstätte: „Ich weiß noch, wie ich dachte, wie abgeschlossen das Dekanatgebäude wirkt. Mein erster Gedanke: Das muss man öffnen.“

Es dauerte tatsächlich zehn Jahre, bis der Wunsch Wirklichkeit wurde: 2017 begann der Umbau des Dekanatgebäudes, das durch den Umbau von Ivonne Krehl einen besonderen Charme bekam und den Behördencharakter des benachbarten Hauses der Kirche und Diakonie mehr als wettmacht. Markt 8, ein ökumenischer, offener Raum, in dem Platz ist für jeden, mit der Citykirche nah am Menschen. Das passt zu Specks Grundverständnis von Kirche als Türöffner – und das nicht nur im räumlichen Sinne. „Das war ein unglaublich wichtiger Schritt. Ich bin sehr froh, dass das noch vor meinem Abschied Wirklichkeit wurde.“

Die Wirklichkeit, das war in Ludwigsburg auch der Spagat zwischen einer gremien- und leitungsgeprägten Arbeit als Dekan, Vorsitzender des Kirchenbezirks, später Vorsitzender des evangelischen Kirchenbunds und einem Ludwigsburg, das trotz aller neuzeitlichen Klagen über Kirchenaustritte ausgesprochen lebendige Gemeinden hat. Der „große Tanker Kirche“ will nicht mehr missionieren, sagt er, der Einzelne ist wertvoll. Konfession ist da zweitrangig: „Wir wollen das Leben mit Gott verbinden.“

Aus Rottenburg, wo er acht Jahre als geschäftsführender Pfarrer mit zwei Kollegen und als stellvertretender Dekan wirkte, brachte er eine stark ökumenisch geprägte Kirchenarbeit mit. Kein Wunder, in der katholischen Bischofsstadt mussten sich die Evangelischen ihren Stand erarbeiten. „Für uns war das eine Art Diaspora.“ Er lächelt: „Das war eine tolle Zeit.“ Und eine Zeit noch wachsender Kirchengemeinden, eine Zeit der Experimente jenseits der Vergänglichkeit. Da ging es um die Rechtfertigungslehre, um Ökumene, darum, „was es heißt, in versöhnter Verschiedenheit zu leben“. Nicht nur die Installation eines ökumenischen Gottesdienstes an Silvester war eine Folge.

In Ludwigsburg fand Dekan Winfried Speck einen fruchtbaren Boden und Gläubige, die sich schon längst von der harten Kirchenbank erhoben hatten. „Mir ging es ganz stark um Gestalten und darum, die aktuellen Herausforderungen anzunehmen.“ Was heute in Ludwigsburg mit dem interreligiösen Dialog möglich ist, wie innig sich die Kirche für Flüchtlinge engagiert und den Menschen in den Blick nimmt, ist für den 64-Jährigen die reiche Ernte. Dietrich Bonhoeffer lehrte ihn den mündigen Christenmenschen: „Ich glaube fest an eine Kirche, die sich einmischt.“

Mit dem frühen Tod seines Vaters prägte ihn die Frage nach dem persönlichen und auch gesellschaftlichen Leid, die er jeden Tag mit der christlichen Arbeit wenn nicht beantwortet, so doch im Diskurs umarmt sehen will. „Es ist vielleicht nicht klar, wo und wie wir uns finden. Aber in den Begegnungen mit den großen und kleinen Fragen des Lebens sind wir gut aufgehoben.“ Und immer wieder die selbstkritische Frage: „Gibt Kirche die richtigen Antworten?“ Da passt es, dass der Mensch in gewisser Weise über dem Glauben steht. „Kirche und Diakonie gehören zusammen.“ Ein Glücksfall, sagt er: Hier habe er in Ludwigsburg leidenschaftliche Partner gefunden. Bei denen er mit der Idee der Vesperkirche, die er in Rottenburg installiert hatte, hochwillkommen war. Corona bremste die zwölfte Auflage dieses Jahr aus, doch Speck ist zuversichtlich, dass die Kirche geradezu gestärkt aus dieser Krise hervorkommen wird.

Mose auf dem Berg Sinai gleich will Winfried Speck nun 40 Tage Abstand nehmen von seinem alten Leben. Mit ein bisschen Wehmut, aber ohne Bedauern: „Ich hatte einen tollen Beruf.“

Info: Am Sonntag um 11 Uhr wird Dekan Winfried Speck in der Stadtkirche verabschiedet, unter www.meinekirche.de gibt es eine Liveübertragung.

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