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Im Strafraum hatte sie die Lufthoheit

Einst schnürte sie als knallharte Verteidigerin in der Frauen-Bundesliga und im WFV-Auswahlteam ihre Fußballschuhe, heute ist sie als Abteilungsleiterin und Trainerin das Herz des Frauenfußballs beim TSV Ludwigsburg: Elvira Pietschmann ist mit dem Fußball so eng verbunden wie nur wenige Menschen. Von Vera Benner.

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Ludwigsburg. Wenn man das Wort Büffel hört, dann assoziiert man dieses nicht unbedingt mit dem Spitznamen für eine Frau. Doch wenn man Elvira Pietschmann über die Geschichte dahinter sprechen hört, dann wird einem schnell klar, dass diese Assoziation eigentlich gar nicht so abwegig ist: Als knallharte Verteidigerin und als regelrechtes Kopfballungeheuer machte sie sich besonders in den 80er und 90er Jahren einen Namen im Fußballgeschäft. Viele Stürmer verzweifelten an Pietschmann, gab es doch kaum ein Vorbeikommen. Und so wurde die Fußballerin – liebevoll wie ehrfürchtig – fortan Büffel genannt.

Als Pietschmann ein halbes Jahr alt war, zog es die Familie von Schwäbisch Hall nach Remseck-Hochdorf. In ein Haus direkt neben dem Sportplatz. Durch ihre drei Brüder kam sie bereits in jungen Jahren mit dem Fußball in Berührung. „Wir haben nichts anderes gemacht als bolzen“, sagt sie. Einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie auf dem Hochdorfer Sportplatz. „Ich habe immer mit den Jungs gekickt. Aber ich war gut und wurde deshalb schnell akzeptiert.“ Nicht nur bei den Jungs machte sich Pietschmann einen Namen. Auch der ansässige Verein wurde auf das talentierte Mädchen aufmerksam. Seit 1973 kickte Pietschmann für den SGV Hochdorf. „Ich habe als 13-Jährige bereits bei den Frauen gespielt, da es keine Mädchenmannschaft gab“, so Pietschmann, die noch heute in Hochdorf lebt. Doch das hielt sie nicht davon ab, schnell Furore zu machen: Mit dem SGV gewann sie den WFV-Verbandspokal und die WFV-Hallenmeisterschaft.

In Pietschmann schlummerte ein unheimliches Talent, welches dann auch die Auswahltrainer des Württembergischen Fußballverbandes entdeckten. Insgesamt 28 Mal lief sie für die WFV-Auswahl auf, zum ersten Mal im Alter von 16 Jahren. Ein Ereignis ist ihr aus der Auswahl-Zeit besonders in Erinnerung geblieben. „Damals haben wir im Olympiastadion in München gegen die Bayern-Auswahl gespielt, bevor die deutsche Nationalmannschaft ein Spiel gegen Brasilien bestritt“, erzählt sie. „Den Abschlag der gegnerischen Torhüterin köpfte ich als Verteidigerin direkt zurück, er hüpfte einmal vor ihr auf und ging ins Tor.“ Ein Tor aus rund 40 Metern? Und dann auch noch mit dem Kopf? Das hätte die Fans und auch die Spieler und Betreuer des folgenden Länderspiels Deutschland gegen Brasilien vermutlich in Ekstase versetzt.

Auch wenn Pietschmann sich beim SGV schnell zur Leistungsträgerin entwickelte, nahte der Abschied. „Ich habe vom damaligen Auswahltrainer mehr oder weniger das Messer auf die Brust gesetzt bekommen“, sagt sie. „Entweder ich suche mir eine Mannschaft, die höher spielt, oder ich fliege aus der Auswahl.“ Obwohl es ihr alles andere als leicht fiel, verschlug es Pietschmann im Jahr 1986 zum TSV Ludwigsburg – zur damaligen Zeit eines der großen Zugpferde des Frauenfußballs in der Region –, welcher mit jungen, hungrigen Spielerinnen auf sich aufmerksam machte.

„Ich kannte einige Spielerinnen bereits aus der Auswahl, von daher war der Wechsel recht einfach und aufgrund des kurzen Anfahrtweges naheliegend“, so die Fußballerin. Erst 1978 gegründet, verpassten die TSV-Fußballerinnen um Elvira Pietschmann nur knapp zehn Jahre später, in der Saison 1987/88, haarscharf die Meisterschaft in der Verbandsliga. Doch zu feiern gab es trotzdem reichlich: Im WFV-Pokal bezwangen die Ludwigsburgerinnen in derselben Saison Altmeister Schorndorf souverän mit 2:0 und qualifizierten sich für den DFB-Pokal.

Das Meisterstück gelang dem TSV dann in der Saison 1990/91. Mit 14 Siegen aus 14 Spielen und einem Torverhältnis von 68:2 sicherten sich die Fußballfrauen die Meisterschaft in der Verbandsliga. Im Endspiel um die Württembergische Meisterschaft wurde der SV Oberteuringen mit 4:0 besiegt, und der Aufstieg in die damals zweigleisige Bundesliga war perfekt.

Auch wenn es für den TSV eher ein kurzes Intermezzo in der höchsten Spielklasse bleiben sollte – nach zwei Spielzeiten war der Abstieg besiegelt –, hat Pietschmann die Zeit noch gut in Erinnerung. „Wir haben viermal in der Woche trainiert, dreimal davon war Pflicht. Jeder in der Mannschaft war unglaublich gierig und so waren fast alle immer viermal da.“ Kaum jemand sei zu spät gekommen, Disziplin und Zusammenhalt spielten eine große Rolle. „Wir waren natürlich der klare Außenseiter, aber wir haben uns eigentlich in jedem Spiel gut verkauft, da wir ein Team waren und jeder für jeden gekämpft hat“, sagt Pietschmann.

Auch die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Fußball war für Pietschmann, die damals wie heute als Bademeisterin arbeitet, nie ein Problem. Ihren Mann lernte sie über ihren Heimatverein kennen. Ihre Töchter Melanie und Nathalie kamen 1988 und 1991 auf die Welt und sind ebenfalls fußballverrückt. „Sie sind eigentlich auf dem Sportplatz aufgewachsen“, erzählt Pietschmann, die aufgrund einer Babypause rund 30 Bundesligaspiele für den TSV absolvierte. Auch ihre Eltern hätten sie immer wieder unterstützt. Für Reisen mit der WFV-Auswahl gab es von der Stadt Stuttgart Sonderurlaub. „Früher war man da recht flexibel.“ Verdient hat Pietschmann mit dem Fußball allerdings nichts. „Die Ausstattung und die Busfahrten zu den Auswärtsspielen haben wir gestellt bekommen“, sagt sie. „Ansonsten mussten wir so ziemlich alles selber in die Hand nehmen. Da ist es im Bereich Frauenfußball heute schon deutlich professioneller.“

Dennoch möchte sie die Erfahrungen nicht missen. Gespielt wurde vor rund 300 bis 400 Zuschauern, beim Aufstiegsspiel waren es sogar über 1000. „Wir waren eine super Gemeinschaft“, sagt Pietschmann. Dass es beim Frauenfußball nicht gerade zimperlich zugeht, das hat Pietschmann einige Male am eigenen Leib erfahren. „Ich erinnere mich daran, dass Silvia Neid eine richtige Drecksau auf dem Platz war“, sagt Pietschmann mit einem Lachen. Neid, damals im Trikot des TSV Siegen und später Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft (2005 bis 2016), verpasste Pietschmann während eines Spiels eine Kopfnuss. „Aber wir haben 3:1 gewonnen“, sagt die Verteidigerin.

Auch nach dem Abstieg aus der Bundesliga blieb Elvira Pietschmann dem TSV treu. Unter anderem reiste sie 2006 mit den TSV-Frauen nach Kairo, um dort zwei Spiele gegen die ägyptische Nationalmannschaft zu bestreiten, die live vom ägyptischen Fernsehen übertragen wurden. Auch das ZDF berichtete damals vom Besuch der TSV-Fußballerinnen.

Neben ihrer aktiven Karriere engagierte Pietschmann sich bereits früh in ehrenamtlichen Positionen. Von 1996 bis 1998 war sie stellvertretende Abteilungsleiterin der Fußballabteilung des TSV Ludwigsburg. Nachdem sich die Frauen- und Männerabteilung beim TSV getrennt hatten, übernahm sie 1998 die Abteilungsleitung im Bereich Mädchen- und Frauenfußball und ist seit 1999 zudem als Trainerin aktiv. Mit 42 Jahren hat sie dann die Fußballschuhe an den berühmten Nagel gehängt und sich fortan auf das Ehrenamt konzentriert. „Es war eine geile Zeit“, sagt sie mit Blick auf die Erlebnisse mit der WFV-Auswahl und dem TSV Ludwigsburg.

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