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Heilberufe

Immer mehr Praxen fordern Schließung

Während Bund und Land den Bürgern verbieten, Fremden näher als 1,50 Meter zu kommen, sollen Physiotherapeuten, Logopäden oder Podologen weiterarbeiten. Wie das gegenwärtig gehen soll, ist vielen unklar. Die Rufe nach Praxisschließungen werden immer lauter.

Der Mindestabstand kann nicht eingehalten werden: Ohne Nähe und körperlichen Kontakt funktionieren viele Heilberufe nicht. Archivfoto: Fotolia
Der Mindestabstand kann nicht eingehalten werden: Ohne Nähe und körperlichen Kontakt funktionieren viele Heilberufe nicht. Foto: Fotolia

Ludwigsburg. „Wir haben noch offen auch wenn wir momentan völlig in der Luft hängen“, sagt Jochen Eisele. Der Ludwigsburger FDP-Stadtrat ist Physiotherapeut mit eigener Praxis und mehreren Angestellten. Viel los ist bei ihm derzeit aber nicht mehr. „Die Patienten sagen uns reihenweise ab. Weniger als die Hälfte kommt.“

Eisele kann das verstehen. Denn während die Politik den Bürgern auferlegt, 1,50 Meter Abstand zueinander zu halten, soll in den Heilberufen die Arbeit einfach weitergehen. Ohne Berührungen und eine gewisse körperliche Nähe, kann aber weder ein Physiotherapeut noch eine medizinische Fußpflegerin arbeiten. Außerdem sind viele Praxen gar nicht auf eine solche Pandemie vorbereitet. „Wir haben keinerlei Schutzausrüstung“, sagt Eisele. Viele seiner Patienten seien über 80 oder sogar 90 Jahre alt. „Wie kann ich die guten Gewissens zu mir kommen lassen?“ Auf seine Nachfrage beim Gesundheitsamt wie er vorgehen solle, erhielt Eisele eine Antwort, die ihn maßlos ärgert: „Ich soll doch zumachen, hat man mir dort gesagt.“

Die Verbände sollen helfen

Einfach schließen dürfen Praxen mit kassenärztlicher Zulassung aber nicht. Zudem haben sie dann dieselben Probleme wie Ladenbesitzer. Wenn sie zumachen, fallen die Einnahmen komplett weg, Personal und Miete müssen aber weiterbezahlt werden. Außerdem sind die Heilberufe, etwa Logopäden, Physiotherapeuten, Podologen oder Ergotherapeuten, neben Ärzten ausdrücklich von der Schließungswelle durch das Coronavirus ausgenommen. Dadurch wollen Bundes- und Landesregierung gewährleisten, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung weiterhin funktioniert und gewährleistet ist.

Eine durch die Politik verordnete Schließung für zunächst zwei oder drei Wochen wäre für viele Praxen laut Eisele trotzdem das Beste. „Dann könnten meine Mitarbeiter nach Hause gehen und ich Kurzarbeitergeld für sie beantragen.“ Mit diesem Anliegen hat er schon mehrere Bundes- und Landespolitiker angeschrieben und seine Kollegen gebeten, es ihm gleich zu tun. Noch sind Eisele keine Fälle von eigenmächtigen Praxisschließungen aus der Region bekannt. Bundesweit gebe es das aber schon.

Appell in einem offenen Brief

Bei den Logopäden haben dagegen schon mehrere Praxen im Kreis zugemacht, weiß Volker Jaeger, der in Ludwigsburg eine Praxis für Logopädie hat. In einem offenen Brief hat er sich am Wochenende an seinen Berufsverband gewandt. Seine Bitte: Der Verband solle sich für allgemeine Praxisschließungen bei den Logopäden einsetzen.

Die meisten Verbände der Heilberufe haben derzeit allerdings große Schwierigkeiten, den immer lauter werdenden Rufen nach Schließungen gerecht zu werden. Denn jahrelang haben Physiotherapeuten, Logopäden oder Podologen dafür gekämpft, im Gesundheitswesen mehr Anerkennung zu erfahren. Jetzt, in der Coronakrise, wurden sie sogar den Ärzten gleichgestellt und sollen weiterhin geöffnet bleiben. Das ist für die Verbände eigentlich ein Riesenerfolg. Die Forderung, Praxen zu schließen, wird dementsprechend zurückhaltend aufgenommen.

„Ihr kämpft darum, dass wir Logopäden als Teil des Gesundheitssystems als genauso wichtig und unverzichtbar wahrgenommen werden und faktisch sind wir wie alle anderen Teile des Gesundheitswesens. Das teile ich voll und ganz zu normalen Zeiten!“, schreibt Jaeger an seinen Verband. Aber die Zeiten jetzt seien nicht normal. Stattdessen sollten so viele Kontakte wie nur möglich verhindert werden.

Besuche in Heimen gestrichen

„Ich kann nicht erkennen, dass bei praktisch allen Patienten meiner Praxis eine Verschiebung der Behandlungen um sechs oder acht Wochen ein echtes, bedrohliches Risiko mit sich brächte.“ Und: „Logopädie hat innerhalb der Coronakrise nicht die gleiche Dringlichkeit wie ärztliches Arbeiten, klinisches Arbeiten, pflegerisches Arbeiten, ja nicht einmal physiotherapeutisches Arbeiten.“

Laut Volker Jaeger sagen mittlerweile 30 bis 40 Prozent seiner Patienten ihre Termine ab. Seine Besuche in Pflegeheimen musste er komplett streichen. Er kommt nirgendwo mehr rein. Viele seiner Kollegen im Landkreis unterstützen sein Schreiben an den Verband.

Auch Jaeger beunruhigt, dass er als Logopäde gar nicht in der Lage sei, die hohen hygienischen Anforderungen zu erfüllen. Er desinfiziere zwar laufende Lichtschalter und Türklinken, aber er könne natürlich nicht jeden Tag seine ganze Praxis professionell desinfizieren und sei auch nicht dafür ausgebildet. „1,50 Meter Abstand halten, ist mir auch nicht möglich. Ich kann als Logopäde auch nicht mit Mundschutz arbeiten.“

Podologin will weiter behandeln

Diese sind für Ulrike Mattes-Hinderer in diesen Tagen schon Standard. Sie arbeitet mit Gesichtsmaske, ihre Patienten tragen während der Behandlung einen Mundschutz. Mattes-Hinderer hat seit 30 Jahren in Freiberg eine Praxis für Podologie. „Hygiene hat bei mir schon immer eine große Rolle gespielt“, sagt Ulrike Mattes-Hinderer, die auch eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert hat. Derzeit arbeitet sie außerdem mit zwei Handschuhen übereinander. Die Podologin schätzt die Terminabsagen für diese Woche auf zehn bis 20 Prozent. „In den nächsten Tagen werden es wohl noch mehr“, ist sie sicher.

Trotzdem möchte Ulrike Mattes-Hinderer ihre Praxis auch in den kommenden Tagen offenhalten. „Ich fühle mich meinen Patienten verpflichtet.“ Unter ihnen seien viele Diabeteskranke, die derzeit keinerlei Chance hätten, in einem Krankenhaus behandelt zu werden. Wenn sie schließe, könne das für den einen oder anderen zur Gefahr werden. „So lange ich selbst nicht erkranke, werde ich weiter behandeln.“

Für Physiotherapeuten etwa ist es jetzt in der Krise allerdings so gut wie unmöglich, an Hygieneschutz wie Atemmasken heranzukommen. Sogar Kliniken und Arztpraxen kämpfen mit immensen Probleme, solche Artikel zu bekommen – und in der Hierarchie der Lieferketten stehen Physiotherapeuten noch immer klar hinten an.

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