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Jüdischer Musiker wirbt für Toleranz und Zivilcourage

Ben Salomo ist nicht als Rapper an das Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) gekommen, er hat eine Botschaft im Gepäck. Er will den 350 Jugendlichen über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Antisemitismus erzählen und für mehr Toleranz werben.

Rapper Ben Salomo vor Ludwigsburger Schülern. Foto: Oliver Bürkle
Rapper Ben Salomo vor Ludwigsburger Schülern. Foto: Oliver Bürkle

Die aufgeregte Stimmung auf den Rängen in der Rundsporthalle weicht schnell Aufmerksamkeit, als Schüler des OHG zu „Sie sagen mir“ eine Tanzperformance zeigen. „Ich habe zum ersten Mal gesehen, dass man zu meinem Song tanzen kann“, zeigt sich der 42-Jährige beeindruckt. Sein Besuch findet im Rahmen der Kampagne „Clapforcrap“ in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung statt. Ziel ist es, für eine offene von Demokratie geprägte Gesellschaft zu werben. Da passt es ganz gut, dass das Gymnasium seit einem Jahr offiziell Schule gegen Rassismus und für Zivilcourage ist.

„Antisemitismus beginnt immer mit Gerüchten über Juden“, ergreift Ben Salomo das Wort, der eigentlich Jonathan Kalmanovich heißt. Fast alle melden sich, als er fragt, wer Gerüchte über Juden kennt. „Freunde, ich will Euch was erzählen“, richtet sich der 42-Jährige direkt an seine Zuhörer. „Ich war nie frei in meinem Leben, weil dieses Land nicht dafür gesorgt hat, dass diese Gerüchte ein Ende haben“, sagt er. Elf Jahre alt sei er gewesen, als sein bester Freund sich von ihm abgewendet habe. „Du Jude“, habe er ihn genannt und geschubst, nachdem er erfahren habe, welcher Glaubensgemeinschaft Ben angehört. Als Jugendlicher sei ihm auf einer Party ein brennendes Feuerzeug vor das Gesicht gehalten worden. Ob er die jüdische Nationalhymne kenne, sei er in Anspielung auf die Ermordung von Juden in Gaskammern gefragt worden.

Fast anderthalb Stunden spricht er zu den Jugendlichen, geht auf erlebte Anfeindungen, aber auch auf den Holocaust ein. „Es geht so nahe, wenn man Witze über diese Zeit macht“, so Salomo. Auch Angehörige aus seiner Familie gehörten zu den Opfern. „Haben Sie Belege dafür?“, will ein Jugendlicher wissen, als Salomo über die schlimmen medizinischen Experimente an Juden erzählt. Der 42-Jährige weist den Jugendlichen zurecht und empfiehlt ihm den Besuch einer KZ-Gedenkstätte. „Damit das Böse siegt, müssen die Guten einfach nichts dagegen tun“, appelliert er für mehr Zivilcourage und bekommt viel Applaus dafür.

„Kann ein so kleines Land wie Israel so viel Einfluss haben?“, gibt er zu bedenken, dass der Staat gerade mal so groß wie das Bundesland Hessen ist. Er prangert den „deutschen Volkssport“ an, der seiner Meinung nach darin besteht, Israel zu kritisieren, etwa für die Siedlungspolitik. Zum Schluss fordert er die Jugendlichen auf, einen Pakt zu schließen. „Mischt Euch ein, wenn irgendwer in Eurer Umgebung diskriminiert wird – egal warum.“

Kritik an Rapper Kollegah

Der Rap, das sei sein sicherer Hafen gewesen, sein Fluchtpunkt, erzählt Salomo. Dass viele Menschen keine Juden mögen, das habe er dann später auch in der Rapper-Szene vor allem hinter den Kulissen erfahren. Dezidiert nimmt er das Video zu dem Song „Apokalypse“ von Kollegah auseinander, in dem das Böse einen Ring mit einem Davidstern trägt und Bücher verbrannt werden. Als Kollegah im April 2018 der Echo verliehen wurde, führte dies zu einem Protest namhafter Musiker und Künstler in Deutschland. Ben Salomo, der sich von der Rapper-Szene distanziert, rappt dann doch noch den Song „Sie sagen mir“.

Zu den Gästen gehören an diesem Nachmittag auch drei Mitglieder der Jugendgruppe der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Für sie ergreift schließlich Oron Izur Haim das Wort und ruft zu einem Frieden zwischen den Religionen und den Völkern auf.

„Bei uns an der Schule ist heute heftig diskutiert worden“, erklärte Schulleiter Matthias Hilbert einen Tag nach der Veranstaltung im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er sich ausgewogenere und differenzierte Ausführungen gewünscht hätte. Er sei kurz davor gewesen einzuschreiten, als es um die Innenpolitik Israels ging. „Unrecht ist und bleibt Unrecht“, findet Hilbert, der selbst in Israel zu Besuch war. Die Palästinenser würden diskriminiert.

Eine Anekdote weniger und dafür mehr Zeit für den Dialog mit Schülern, das hätte er besser gefunden. Auch die Reaktionen des Rappers auf kritische Äußerungen der Schüler fand er wenig souverän. „Die Veranstaltung war trotzdem lohnend“, findet Hilbert. Bei den Schülern sei angekommen, dass das Thema Antisemitismus an der Tagesordnung sei und die Deutschen eine besondere Verantwortung hätten.

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