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Justine-Hebammenzentrum

Justine-Hebammenzentrum: Viele Leistungen unter einem Dach

Der Hebammenmangel in den Geburtskliniken im Land ist in aller Munde. Auch vor Ort fehlt es an Hebammen, die in der Schwangerschaft und nach der Geburt für die Frauen und ihre Neugeborenen da sind. Fabienne Ziller und Irmfriede Pilz-Buob haben ein Zentrum geschaffen, das Frauen hilft, die keine Hebamme gefunden haben. Doch das neue Zentrum mitten in der Stadt bietet noch sehr viel mehr.

Irmfriede Pilz-Buob und Fabienne Ziller (rechts) haben sich mit dem Justine-Hebammenzentrum in der Leonberger Straße einen Traum erfüllt.Foto: Andreas Becker
Irmfriede Pilz-Buob und Fabienne Ziller (rechts) haben sich mit dem Justine-Hebammenzentrum in der Leonberger Straße einen Traum erfüllt. Foto: Andreas Becker
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Justine Siegemund war eine engagierte Dorfhebamme, die es als Autodidaktin zur gefragten Geburtshelferein am brandenburgischen Hof schaffte und im 17 Jahrhundert das erste deutsche Lehrbuch für Hebammen veröffentlichte. Irmfriede Pilz-Buob und Fabienne Ziller haben Justine zur Namensgeberin ihres Hebammenzentrums erkoren. Was die beiden Frauen mit ihrer Berufskollegin aus dem 17. Jahrhundert gemeinsam haben? Auch sie haben die bekannten Pfade verlassen und etwas Neues gewagt. „Wir haben uns immer schon ein großes Zentrum gewünscht, einen interdisziplinären Knotenpunkt“, beschreibt Fabienne Ziller ihre Vision. Doch bis zur Eröffnung der großzügigen, hellen Räume in Bahnhofsnähe mussten die Frauen jede Menge Hürden überwinden.

Rückblick: 2017 spitzt sich der Hebammenmangel im Kreis zu. Wer sich nicht direkt in den ersten Schwangerschaftswochen um eine Hebamme für die Nachsorge nach der Geburt kümmert, steht später ohne Hilfe da. Auch die Termine in Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen sind innerhalb kürzerster Zeit ausgebucht. Keine gute Situation für die Frauen, findet damals nicht nur Irmfriede Pilz-Buob. Der Hebammenkreisverband und der städtische Fachbereich Sport und Gesundheit schaffen die Hebammensprechstunde, um der Versorgungslücke den Kampf anzusagen. Irmfriede Pilz-Buob ist eine der Hebammen, die im Hohenecker Kinder- und Familienzentrum eine Sprechstunde anbieten. Es sind vor allem Erstgebärende, die keine Hebamme finden konnten und in der Sprechstunde Hilfe bei Stillproblemen suchen oder sich um die körperliche Entwicklung des Kindes sorgen.

„Wir haben schnell gemerkt: Da ist viel mehr Bedarf“, erinnert sich Pilz-Buob. Die 58-jährige arbeitet bis dahin als niedergelassene Hebamme in einer Gemeinschaftspraxis. Schon damals hatte Irmfriede Pilz-Buob eine Vision; Die Einrichtung einer großen Hebammenpraxis im Sinne eines Ärztehauses. In der 42-jährigen Fabienne Ziller findet sie eine Mitstreiterin, die ebenfalls bereit ist, viel Zeit und Geld in den Aufbau eines interdisziplinären Zentrums zu stecken.

„Wir haben versucht, auch die Politik mit ins Boot zu holen“, erinnert sich Ziller. „Im Gemeinderat und im Kreistag haben wir viel Aufklärungsarbeit geleistet und Konzeptionen vorgestellt.“ Pilz-Buob beschreibt diesen Prozess als „schwere Geburt“. Aber auch diese haben die beiden gemeistert. Stadt und Kreis unterstützen die Arbeit des Zentrums (siehe Interview). „Wir freuen uns, wenn bald die Zuschüsse fließen“, sagen die beiden. Neben einem einmaligen Zuschuss zur Einrichtung erhalten die Frauen, die dort die Hebammensprechstunde abhalten, einen Mietkostenzuschuss.

Die Frauen aus Ludwigsburg und dem Umkreis nehmen das Angebot der Sprechstunde in den neuen Räumen bereits sehr gut an, der Bedarf ist spürbar. „Wir haben sehr viele Hebammen angefragt“, erinnert sich der junge Vater Volker Gildenbach aus Schwieberdingen. Seine Frau kommt aus Ecuador und hat lange in Madrid gelebt. Das Konzept der häuslichen Hebammenversorgung war ihr von dort nicht bekannt. Als sie sich dann im dritten, vierten und fünften Schwangerschaftsmonat nach einer Hebamme umschaute, erntete sie leider nur Absagen. Alles war ausgebucht. Nach der Entbindung im Krankenhaus bekam sie dann einen Flyer mit der Hebammensprechstunde. „Ein Glücksfall“, sagt Volker Gildenbach, der seine Frau zu den Terminen nach Ludwigsburg begleitet. Denn der kleine Junge, der jetzt fast vier Wochen auf der Welt ist, ist das erste Kind des Paares. „Wir sind sehr froh, dass es diese Möglichkeit gibt“, so Gildenbach. Bei Fragen zur Nabelpflege, Blähungen beim Baby und dem Stillen sei der Rat der Hebamme sehr hilfreich.

Neben Pilz-Buob und Ziller arbeiten aktuell vier weitere Hebammen im Zentrum. „Es bietet auch jungen Berufskolleginnen die Chance, in einem festen Team mitzuarbeiten und Erfahrungen zu sammeln“, so Pilz-Buob. Neben der Hebammensprechstunde gibt es Geburtsvorbereitung, Rückbildungskurse, Yoga, Osteopathie und vieles mehr im Angebot. Auch Pro Familia ist vertreten.

Fünf Kolleginnen mit unterschiedlicher Profession komplettieren das interdisziplinäre Team. „Natürlich machen wir auch noch klassische Hausbesuche, aber eben nicht nur.“ Das sei durchaus eine Umstellung, die aber viele Vorteile mit sich bringe: „Wir verbringen weniger Zeit auf der Straße, sondern haben mehr Zeit für die Frauen.“ Obwohl das Zentrum im schicken Neubau an der Leonberger Straße untergebracht ist, beschreibt Irmfriede Pilz-Buob das Zentrum als niederschwelliges Angebot. Denn: „An den Ludwigsburger Bahnhof kommt jeder.“

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