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Schule

Klare Haltung gegen Mobbing

Die Justinus-Kerner-Schule will sich für die Einführung eines Mobbing-Präventionsprogramms nach der sogenannten Olweus-Methode zertifizieren lassen. Zwei Jahre ist es her, seit dieser Prozess in Gang gesetzt worden ist und die Lehrkräfte sich mit diesem Präventionsprogramm beschäftigen. Im neuen Schuljahr soll die Zertifizierung stattfinden.

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18 Schüler auf fünf Stühlen: An der Justinus-Kerner-Schule ist die „Reise nach Jerusalem“ Teil der Mobbing-Prävention.Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Laut ertönt das bekannte Lied „Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao“ im Klassenzimmer. 18 Mädchen und Jungen der fünften Klasse der Justinus-Kerner-Schule spielen „Reise nach Jerusalem“. Allerdings kommt es hier nicht darauf an, auf einem der immer geringer werden Zahl an Stühlen einen Platz zu ergattern, wenn die Musik verstummt. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, dass alle Kinder Platz finden. Zum Schluss stehen 18 Schüler auf fünf Stühlen. Das gelingt nur, weil sie sich gegenseitig festhalten und stützen.

„Wow, fünf Stühle, das hatte ich schon lange nicht mehr“, kommentiert Florian Wörz das Ergebnis. Er ist als Schulsozialarbeiter an der Schule tätig. Nur gemeinsam sind wir stark, so lautet das Fazit bei der anschließenden Runde. „Am Anfang haben einige Schüler geschubst und wollten, dass einige Kinder nicht auf den Stühlen stehen. Zum Schluss haben sich alle gegenseitig geschützt und alle haben mitmachen können“, beschreibt Wörz seine Beobachtung. Dann kommen die Kinder zu Wort; Sie sagen, was ihrer Meinung nach nötig ist, damit die Klassengemeinschaft funktioniert.

Klassenlehrerin Sabine Laukhuf, die das Olweus-Projekt an der Gemeinschaftsschule coacht, legt zwei Karten mit den goldenen Regeln der Justinus-Kerner-Schule auf den Boden in der Mitte des Stuhlkreises. „Mobbing lasse ich nicht zu. Ich werde versuchen, zu helfen oder jemanden zu Hilfe zu holen“, ist darauf zu lesen. Dann überlegen die Kinder mit ihrer Klassenlehrerin und dem Sozialarbeiter, was Mobbing ist. Und schon fallen Begriffe wie Schubsen, Schlagen, Drohen, Lügen verbreiten und Ausgrenzen. Viele Kinder sagen, dass sie schon mal gemobbt worden sind oder selbst gemobbt haben.

In der Grundschule sei es wegen ihres ungewöhnlichen Vornamens und ihrer kräftigen Statur gehänselt worden, erzählt ein Mädchen. Ein Junge berichtet, dass er wiederholt geschubst und geschlagen worden ist. „Ich war früher für meine Mitschüler der kleine Rothaarige“, meldet sich ein älterer Schüler zu Wort, der das Projekt als Praktikant begleitet. „Ich habe gelernt, Kritikern keine Angriffsfläche mehr zu bieten“, verrät er den Jüngeren. An diesem Vormittag wechseln sich spielerische Einheiten, bei denen es um Vertrauen geht, und Gespräche ab. In Gruppen überlegen die Fünftklässler, was sie gegen Mobbing tun können. Freunde können helfen, aber vor allem Erwachsene.

„Mobbing ist an jeder Schule ein Thema“, betont Schulleiter Peter Widmeier. „Unsere Schüler trauen sich, darüber zu reden, weil ihnen hier der Platz dafür geboten wird“, sagt er. Er ist sich darüber bewusst, dass es Mut bei den Betroffenen voraussetzt über dieses beschämende Thema zu reden. Ihm sei es aber auch wichtig, nicht nur mit den Mobbingopfern, sondern mit den Tätern zu arbeiten. Die Justinus-Kerner-Schule besuchen aktuell mehr als 400 Schüler. Dazu gehören auch Kinder und Jugendliche, die in einer der vier Vorbereitungsklassen unterrichtet werden. „Sie haben nur eine Gemeinsamkeit, sie können kein Deutsch“, so Widmeier. Auch in der Klasse 5c sind fünf Kinder, die zuvor eine Vorbereitungsklasse besucht haben.

Sabine Laukhuf erzählt, dass ihre Kollegen und sie sich schon seit fast zwei Jahren mit der Mobbing-Prävention nach Olweus beschäftigen. Sie haben sich überlegt, was an ihrer Schule rund läuft und was nicht, Regeln für ein harmonisches Miteinander und ein Konzept entwickelt.

Im Schuljahr 2016/17 ist damit begonnen worden, Olweus-Tage in den Klassen durchzuführen. Dadurch sollen die Schüler für das Thema Mobbing sensibilisiert und alternative Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Auch ein Sanktionsmodell wurde entwickelt und ein Trainingsraum für die Schüler eingerichtet, die den Unterricht stören. Das Pilotprojekt wird von der Landesstiftung Baden-Württemberg finanziert. Träger der Studie ist die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Heidelberg, die unter anderem Schülerbefragungen durchführt.

Die Umstellung von der Werkreal- zur Gemeinschaftsschule, aber auch der Unterricht an zwei Standorten stellen eine Besonderheit dar. Laukhuf macht keinen Hehl daraus, dass die Olweus-Zertifizierung eine zusätzliche Belastung für die Lehrer darstellt. Dazu gehört die Dokumentation der Aktivitäten und schließlich das Audit, sprich die Überprüfung an der Schule. Gelingt dieser Prozess, wird bald ein Siegel am Schulhaus befestigt werden.