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Ein hohes Gut – Freiheit in Coronazeiten

Kommentar: Ludwigsburgs Dekan Michael Werner über Freiheit im Christentum

Die Coronapandemie hat wieder einen Begriff ins Zentrum gerückt: Freiheit. Der Bewegungsraum wird eingeschränkt, Menschen fühlen sich gegängelt, für andere gehört zum Freiheitsbegriff auch die Pflicht zu helfen und sich und andere zu schützen. Aber was bedeutet Freiheit und wo können ihr Grenzen gesetzt werden? In einer Reihe zu dem Thema betrachten unsere Gastautoren den Freiheitsbegriff aus verschiedenen Perspektiven. In diesem Gastbeitrag schreibt Dekan Michael Werner über die Freiheit aus seiner Sicht.

Michael Werner ist seit September 2021 Dekan der evangelischen Kirche in Ludwigsburg. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Michael Werner ist seit September 2021 Dekan der evangelischen Kirche in Ludwigsburg. Archivfoto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Freiheit ist ein hohes Gut. Die Sehnsucht danach steckt in uns allen. Zugleich ist die Frage, wie weit unsere Freiheit reicht, nicht immer leicht zu beantworten. Freiheitsfragen sind, ebenso wie die Frage nach der Reichweite unserer Verantwortung, sensible Fragen. Es scheint, dass die Coronapandemie unser Bewusstsein dafür geschärft hat.

In diesen Tagen, in denen wir mit einer neuen Virusvariante und einer neuen Welle rechnen, steht der Bundestag vor der Entscheidung für eine allgemeine Impfpflicht, nachdem sie für bestimmte Berufsgruppen bereits auf den Weg gebracht wurde. Dabei nehmen wir seit Längerem wahr, wie sehr die Pandemie unser gesellschaftliches Miteinander herausfordert. Armin Nassehi spricht im Zusammenhang unseres Umgangs mit der Pandemie vom Unbehagen einer „überforderten Gesellschaft“, während der Soziologe Andreas Reckwitz einen „politischen und alltagskulturellen Paradigmenwechsel“ beobachtet, nämlich den Wechsel von der Betonung unserer persönlichen Freiheitsrechte hin zu einer stärkeren Berücksichtigung gesellschaftlicher Verpflichtungen.

Lesen Sie hier den Kommentar von Ex-Bürgermeister Konrad Seigfried zu Freiheit und Verantwortung

Dahinter verbirgt sich die Frage nach dem Maß des Menschlichen, das nicht nur Einzelne frei sein lässt, sondern auch denen gerecht wird, die in besonderer Weise schutzbedürftig sind. Dass die politischen und rechtlichen Regelungen zum Umgang mit der Pandemie bei allem, was daran kritikwürdig war oder sein wird, dem bislang Rechnung getragen haben, ist ein nicht zu unterschätzendes Gut unserer freiheitlichen Demokratie. Das Verfassungsgerichtsurteil zum Schutz von Menschen mit Behinderung in einer möglichen Triage-Situation geht in dieselbe Richtung und ist ein wichtiges Signal. Schön formuliert und auf den Punkt gebracht findet sich das in der Verfassung unserer Schweizer Nachbarn: „dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“

Frei wie ein König, und gehorsam wie ein Diener

Christliche Freiheit schließt daran an, auch wenn sie in diesen Fragen nicht einfach aufgeht. Aber auch da gilt: Freiheit ist ein zentrales Merkmal christlicher Existenz. Sie steht am Anfang. Als zugespielte Freiheit, die wir nicht einfach haben, weil sie ihren Ursprung nicht in uns hat. Als Freiheit, zu der wir befreit werden durch den Gott, dessen Menschwerdung wir an Weihnachten gefeiert haben. Zur Freiheit befreit: Doppelt frei also. Weil man uns zu dieser Art von Freiheit offensichtlich immer wieder befreien muss. Herauslocken aus dem, was uns davon abhält, frei zu sein. Herausholen aus unseren fremdbestimmten und selbst gewählten Blasen.

Unsere Füße auf weiten Raum stellen, wenn wir uns in den Hamsterrädern unserer mehr oder weniger selbstverschuldeten Unfreiheit verfangen haben. Uns ins Freie locken. Das ist das Ziel christlicher Freiheit, die mit der Einsicht beginnt, dass ich nicht selbst Meister meiner Freiheit sein muss. Dafür endet diese Freiheit auch nicht, wenn meine Möglichkeiten an ihre Grenzen stoßen. Der weite Raum ist auch dann noch da, wenn mich meine eigenen Füße einmal nicht mehr allzu weit tragen. Christliche Freiheit ist vom Vertrauen getragen, dass wir auch dann noch Boden unter den Füssen haben. Sie verbindet den Innen- und Außenraum unserer Freiheit und schafft Spielräume, in denen ich mit andern da sein und atmen kann. Man übt den aufrechten Gang, wenn man sich im Raum christlicher Freiheit bewegt.

Christliche Freiheit beginnt immer als innere Freiheit

Christliche Freiheit beginnt als innere Freiheit. Aber sie bleibt nicht im Innen. Sie führt nach draußen und variiert das Thema Freiheit und Verantwortung so, dass sie uns dazu bringt, von unserer Freiheit Gebrauch zu machen, indem wir mit uns und andern etwas anfangen.

Martin Luther hat diesen Ton in seiner Freiheitsschrift von 1520 aufgenommen – auch wenn christliche Freiheit inzwischen längst ein konfessionsverbindendes, kein trennendes Thema ist: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“, heißt der zentrale Freiheitssatz. Dicht gefolgt vom nicht weniger zentralen zweiten Satz: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Frei wie ein König, gehorsam wie ein Diener heißt es in einer Übersetzung in leichter Sprache.

Offensichtlich kann man im Horizont des christlichen Glaubens nur so frei sein, dass beides dicht beieinander steht. Freiheit ist im Horizont christlicher Freiheit jedenfalls kein Selbstzweck. Sie kennt nicht nur das eigene Ich und die eigene Freiheit. Und sie verwechselt Freiheit nicht mit einer Haltung, die Freiheit nur als Freiheit von Regeln und Vorschriften kennt, die andere uns machen.

Ein solches Verständnis von Freiheit ist trivial. Christliche Freiheit geht über sich hinaus und lässt sich auf andere ein. Als solidarische und tätige Nächstenliebe, wie sie in Einrichtungen der Diakonie und Caritas sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Aber auch in unserem Alltag. Man kann viel über die Praxis christlicher Freiheit sagen. Aber der Raum, in dem wir uns bewegen, wenn wir uns in dieser Freiheit bewegen, ist ganz bestimmt kein einsamer Raum. Dabei nehmen wir ernst, dass auch christliche Freiheit immer geschöpfliche und deshalb begrenzte Freiheit ist.

Die Kirchen haben sich zur Impfpflicht klar positioniert

Wir sind nicht grenzenlos frei, sondern realisieren unsere Freiheit im Umgang mit den Grenzen, die uns gesetzt sind oder die andere uns setzen, indem sie dasselbe Recht auf freie Selbstentfaltung geltend machen wie wir. Ziel christlicher Freiheit jedoch ist die Wahrnehmung von Verantwortung. So merkwürdig es klingt: Wir gebrauchen unsere Freiheit gerade dort, wo wir uns auf andere verbindlich einlassen und Verantwortung nicht für uns selbst, sondern auch für andere wahrnehmen. Es ist deshalb richtig, dass sich unsere Kirchen in der Frage der notwendigen Impfungen klar positioniert haben, wie das durch die beiden Bischöfe beim ökumenischen Adventsauftakt am Vorabend des ersten Advent auch hier in Ludwigsburg sichtbar und hörbar wurde.

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Gerne haben wir uns als Kirche vor Ort mit Impfaktionen, etwa für die Vesperkirche im neuen Jahr, an der gemeinsamen Aufgaben, Menschen in unserer Stadt zu schützen und dadurch Freiräume zu schaffen, beteiligt und werden das auch weiter tun. Zugleich halten wir unsere Kirchentüren und den Zugang zu unseren Gottesdiensten auch im neuen Jahr offen und versuchen, niemanden auszuschließen, wenn wir Gottesdienst im Namen des allen Menschen zugewandten Gottes feiern. Beides ist wichtig. Freiheit und Verantwortung sind ein anspruchsvolles Paar.

Denn auch das ist Ziel christlicher Freiheit: Sie führt uns zu denen, die wir für diese Freiheit gewinnen oder wiedergewinnen möchten. So und nicht anders haben wir uns als zur Freiheit befreite Menschen. Etwas Besseres kann uns nicht passieren.

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