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Konflikt der Generationen: Ludwigsburger Theatersommer startet mit „König Lear“

Am Mittwoch, 22. Juni, startet der Ludwigsburger Theatersommer mit Shakespeares „König Lear“ in die neue Spielzeit. Intendant Peter Kratz erzählt im Gespräch mit unserer Zeitung, was er plant – und welche Folgen die Coronapandemie aktuell noch für den Betrieb hat.

Startklar: Das Ensemble in einer Probenpause. Foto: Holm Wolschendorf
Startklar: Das Ensemble in einer Probenpause. Foto: Holm Wolschendorf
Intendant Peter Kratz. Foto: privat
Intendant Peter Kratz. Foto: privat

Ludwigsburg. „Können die Alten den Jungen etwas mitgeben, aus dem etwas Neues entstehen kann?“ Das ist für Peter Kratz die zentrale Frage, die sich in Shakespeares „König Lear“ stellt und die ihn auch leitet, wenn er diesen Klassiker für den Theatersommer inszeniert. Am kommenden Mittwoch um 20 Uhr ist Premiere und Peter Kratz ist voll im Stress. Denn noch einmal hat Corona zugeschlagen, mitten in der heißen Phase der Probenarbeit meldete sich seine Kostümbildnerin krank.

Das bedeutete zum einen die Absage der Wiederaufnahme von „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, weil dafür viele der rund dreihundert Kostüme geändert werden mussten, was nach dem Ausfall nicht mehr zu schaffen war, sondern auch mehrere Tage Verlust an dringend benötigter Probenzeit für „Lear“, der nun bis zum 31. Juli gezeigt wird. Denn Kratz stellt auch fest: „Die spezielle Art des körperbetonten Spiels, das wir hier im Theatersommer pflegen, die Bespielung des weiten Raumes, erfordern es immer wieder, dass sich nicht nur die Schauspieler und Schauspielerinnen, die neu sind, darauf einstellen müssen, auch die alten Hasen, die schon Jahre dabei sind, benötigen Zeit, um sich wieder umzustellen, nachdem sie das ganze Jahr über auf konventionellen Bühnen unterwegs sind.“

Selbstverständlich hat Kratz wieder seine ganz eigene Fassung des alten Dramas erarbeitet. „Wir haben schon beim Bühnenbild eine spezielle Konzeption, wir arbeiten noch bewusster als sonst mit dem Naturraum, haben viele Pflanzen integriert und wollen parallel zu unserer Zeit die These belegen, dass sich die Natur alles irgendwann zurückholt.“

Intrigen, Mord und Totschlag

Im Mittelpunkt der Inszenierung steht der Generationenkonflikt des alternden Königs Lear und seinen Töchtern. Kratz stützt sich dabei auf die Textfassung des 1975 geborenen Autors Thomas Melle, der sich Shakespeare von einer zeitgemäßen Warte aus nähert. Dabei taucht unweigerlich die Frage auf, ob diese Lear-Inszenierung als Fortsetzung der vor allem in den Anfangszeiten des Theatersommers in den Neunzigern so erfolgreichen Shakespeare-Inszenierungen zu sehen ist. Etwas, das Kratz entschieden verneint: „Damals haben wir noch ganz anders gearbeitet, ich selbst habe noch mitgespielt, Christiane Wolff hat inszeniert und wir haben die Stücke damals ganz anders eingerichtet.“

Heute geht es um andere Aspekte, auch waren es früher vornehmlich die Shakespeare-Komödien, die gespielt wurden, Lear ist eindeutig ein Drama, in dem es zum Teil auch hart zur Sache geht, Intrigen, Mord und Totschlag vorkommen. Wobei Kratz klarstellt: „Wir gehen solche Szenen weiterhin in der speziellen Art des Theatersommers an, arbeiten weiterhin nicht mit Theaterblut und zeigen nicht die ganze unverblümte Brutalität der Szenen, sondern wir führen den Zuschauer so auch an diese Faktoren heran, dass er sie in seiner eigenen Fantasie ausschmücken und sich vorstellen kann.“

Typischer Stil und alte Haudegen

Neu also die strikt dramatische Ader Shakespeares, freilich wohl dann auch doch wieder in der Art des Theatersommers, denn die Art der Darstellung folgt genauso den typischen Attributen des Hauses wie das Besetzungskonzept. Neben dem alten Haudegen Andreas Klaue, den Kratz lobt – weil er sich wieder voll in seine Rolle hineinkniet, sie verinnerlicht und mit feinem Gespür auch plastisch macht –, sind Marius Hubel und Bernhard Linke wieder dabei, neu sind die Schauspielerinnen Claudia Roick und Kristin Hansen. Außer Klaue sind alle in diversen Rollen zu sehen, auch gegengeschlechtlich besetzte Rollen sind zu finden, und auch die Schwestern werden alleine von Roick gespielt. Kratz ist sehr zufrieden mit seinem Ensemble. „Die passen dieses Jahr wunderbar zu uns, schauspielerisch und auch menschlich, alle lassen sich auf die Eigenheiten ein, ziehen an einem Strang, darüber bin ich in diesem Jahr besonders froh.“ Denn der Intendant, Regisseur, Dramaturg und Verwaltungschef musste zusätzliche Aufgaben übernehmen, weil es nicht gelungen war, die Stelle der Regieassistenz zu besetzen. Auch das eine Folge der Pandemie, die nicht nur den Theatersommer trifft. So musste Kratz auch das Regiebuch führen, Probenpläne machen und manches mehr. Und alles neben der schon intensiven Regiearbeit, von der er nun hofft, dass sie beim Publikum auch wieder ankommt.

Bliebe also noch die Frage, ob die Alten etwas weitergeben können, was die Jungen weiterentwickeln können. Peter Kratz: „Bei Thomas Melle gibt es darauf ein klares Nein.“

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