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Kunst

Malerischer Liebesdienst am Buch

Mit ihrer neuen Ausstellung zur französischen Moderne gibt die Städtische Galerie eine Übersicht zur Genese eines Genres

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Schau über die Entwicklung einer Gattung (von links): Lithographien von Maurice Denis, Farbscherenschnitte von Henri Matisse und Grafiken Pablo Picassos.Fotos: Alfred Drossel
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Schau über die Entwicklung einer Gattung (von links): Lithographien von Maurice Denis, Farbscherenschnitte von Henri Matisse und Grafiken Pablo Picassos.Fotos: Alfred Drossel

Ludwigsburg. Obwohl sich, wie der Untertitel der Schau verrät, in „Meisterwerke der französischen Moderne. Malerbücher von Bonnard bis Picasso“ alles um das Medium Buch dreht, muss man nicht mal besonders bibliophil sein, um sich an der neusten Ausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen zu erfreuen. Namen wie Georges Braque, Marc Chagall, Fernand Léger, Aristide Maillol, Henri Matisse oder Joan Miró deuten schon an, dass es sich bei den meisten der 19 gezeigten Künstler, die sich der Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Gattung der „livres d’artistes“ widmeten, um avancierte Protagonisten der für die Entwicklung der Moderne so einflussreichen französischen Malerei handelt.

Wobei der Begriff Buch hier leicht in die Irre führt: Viele der über 200 Exponate aus der Sammlung Classen des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster, die bis 2. Juli in der Galerie zu sehen sind, stammen aus Malerbüchern, die – teils wohl aus Gründen der Ausstellbarkeit, teils aus Rücksicht auf die hochwertigen Papiere – nicht gebunden, wohl aber paginiert und mit Mittelfalz gestaltet sind. Im Unterschied zu herkömmlichen Illustrationen sind die Originalgrafiken dieser Bücher keinem hierarchischen Verhältnis unterworfen: „Die Elemente haben zwar einen Zusammenhang, führen aber auch ein Eigenleben“, erläutert Museumsdirektorin Dr. Isabell Schenk-Weininger, die auch die Schau kuratiert hat. Die Bilder illustrieren nicht den Text, der mal von Autoren der klassischen Antike, mal von zeitgenössischen Avantgardisten wie Apollinaire oder Joyce, mal von den Malern selbst stammt, sondern stellen in Korrespondenz mit der Schrift Analogien her, ordnen sich nicht unter, sondern fügen der Literatur eine Ebene hinzu. Diese bewegt sich autonom auf Augenhöhe mit der Dichtkunst, was die Kunsthistorikerin Karin von Maur veranlasst hat, vom „raum-zeitlichen Gesamtkunstwerk en miniature“ zu sprechen.

Auf drei Ebenen kann man sich nun einen Überblick über die Genese des Genres verschaffen, vom 1900 erschienenen „Parallèlement“, das mit Lithographien von Pierre Bonnard zu Paul Verlaines freizügiger Gedichtsammlung gleichen Namens als erstes Malerbuch gilt, bis zu aus den späten Fünfzigerjahren stammenden Werken von Miró und Léger. Den prominenten Auftakt der sehenswerten Ausstellung macht kein geringerer als Pablo Picasso, der mit rund 150 Malerbüchern auch diesem Medium seinen Stempel aufgedrückt hat: „Le Chant des Morts“ (1948) stellt den Kriegserfahrungsgedichten von Pierre Reverdy eine eigenständige, zeichenhafte Formensprache roter Linien und Punkte gegenüber, die von mittelalterlichen Handschriften inspiriert ist.

Dass hier wie bei Bonnard und vielen anderen erotische Motive ganz buchstäblich eine zentrale Stellung einnehmen, ist keineswegs zufällig: Denn die aufwendig gestalteten, hauptsächlich in Frankreich hergestellten und in Auflagen von 20 bis 150 Exemplaren erschienenen Künstlerbücher richteten sich ja an eine sehr intime Zielgruppe, waren sie doch zur privaten Nutzung und Betrachtung durch einen einzigen bibliophilen Menschen bestimmt. Dementsprechend sind auch die kommerziellen Motive der beteiligten Verleger, Künstler und Autoren als gering einzuschätzen: Als „labor of love“, wie die Engländer sagen, als Liebesdienst am Medium Buch muss man diese Blätter verstehen, bei denen die verschiedenartigsten Drucktechniken zum Einsatz kamen: Neben Lithographien sind auch Holz- und Linolschnitte, Radierungen und Aquatinten zu sehen. Der Rundgang wartet mit mannigfaltigen Höhepunkten auf wie etwa „Jazz“ (1949), Reproduktionen der Farbscherenschnitte von Henri Matisse im Schablonenverfahren, dem die morbide Stimmung Baudelaires transportierenden „Les Fleur du Mal“ (1966) von Georges Rouault oder Man Rays kongenialer, ungeheuer moderner Gestaltung von Paul Eluards Gedichten „Facile“ (1936).

Parallel dazu ist im historischen Gebäudeteil die Studioausstellung „Einblick in die Sammlung: Malerbücher und Mappenwerke des 20. und 21. Jahrhunderts“ zu sehen, die am Beispiel von HAP Grieshabers „Nun sprechen die Kamele“ auch den komplexen Entstehungsprozess solcher Werke erfahrbar macht.

Info: Die Ausstellung ist bis 2. Juli in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen in der Hauptstraße 60-64 zu sehen. Weitere Infos unter https://galerie.bietigheim-bissingen.de.

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