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„Markt ist komplett zusammengebrochen“

Die Sammlung von gebrauchter Kleidung ist mit Corona zum Erliegen gekommen. Die Folge: Viele entsorgen ihre Alttextilien einfach neben den Containern. Die Berge zeigen ein weiteres Problem. Immer mehr wird weggeworfen, aber Billigkleidung entzieht sich dem Recyclingkreislauf. Stehen die Entsorgungsmechanismen vor einem Wandel?

Der Container eines gewerblichen Anbieters in der Neckarweihinger Au (links) wird nicht geleert und zieht Müllvandalen an, in der Reuteallee bei dem Deutschen Roten Kreuz waren die Container zugeklebt, die Bänder wurden aber teils entfernt.Fotos: Hol
Der Container eines gewerblichen Anbieters in der Neckarweihinger Au (links) wird nicht geleert und zieht Müllvandalen an, in der Reuteallee bei dem Deutschen Roten Kreuz waren die Container zugeklebt, die Bänder wurden aber teils entfernt. Foto: Holm Wolschendorf
Das DRK warnt vor wildem Entsorgen.
Das DRK warnt vor wildem Entsorgen.
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Mode ist zum Wegwerfartikel geworden: Über eine Million Tonnen Altkleider landen in Deutschland jedes Jahr im Container – Tendenz steigend. Studien nennen 30, andere 60 Kilo Kleidung, die pro Nase und Jahr gekauft werden. Schnelle Mode, Fast Fashion genannt, befeuert den Trend, Kleidung wegzuwerfen. Ein gutes Geschäft für die Kleidersammler, immerhin über eine Million Tonnen Alttextil landet nach einer Studie des Fachverbands Textilrecycling von 2015 jährlich im Recycling-System – 2007 waren es noch 750.000 Euro (siehe rechts unten).

Oder derzeit eben nicht: Seit dem Corona-Lockdown ist der Altkleider-Markt nahezu tot, Sortierbetriebe und Märkte geschlossen, Vertriebswege nicht nutzbar. Viele Container blieben zu oder wurden schlicht nicht geleert. „Es gibt ein Riesenproblem, Abnehmer zu finden. Der Markt ist komplett zusammengebrochen“, sagt Steffen Schassberger vom Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes.

Ein harter Verteilungskampf auf dem Textilmarkt

Trotzdem blieben viele der rund 40 Container des DRK im Kreisgebiet offen oder wurden schnell wieder aufgemacht. Der Grund: Um die meisten kümmert sich die Firma FWS GmbH, die sich nun unter den Fittichen der holländischen Boer Group befindet. Ihr Hauptgeschäft: Sammlung, Sortierung und Verwertung gebrauchter Textilien – in diesem weltweit tätigen Unternehmen gibt es genug Ressourcen, um die unfreiwillige Warteschleife zu überstehen.

Hier ist Platz gefragt: „Wir haben weitere große Lagerflächen angemietet“, erklärt Edwin Platzer, der für FWS die Kunden in Baden-Württemberg betreut und damit auch viele DRK- und Malteser-Ortsvereine im Kreis. „Die Märkte sind geschlossen, die Ware muss eingelagert werden.“ Trotz Corona müsse die Verpflichtung den Stellplatzgebern gegenüber, wie er es nennt, erfüllt werden. Weil offenbar viele Menschen zu Hause ausgemistet hätten, sei auch mehr angefallen. Allerdings auch mehr Müll: „Die Wertstoffhöfe hatten geschlossen, da war alles dabei.“ Die Entsorgung kostet ebenfalls. „Da ist gerade viel schlechte Qualität.“

Weiter geschlossen sind allerdings die drei Altkleider- und -schuhcontainer in der Reuteallee beim DRK. Der Partner stamme aus der Region, dessen Lager seien voll, erläutert Steffen Schassberger. Auch in der Reuteallee müssen immer wieder Säcke abgeräumt werden, „die stopfen wir halt irgendwie ins Lager“. Hinzu kommen viele illegale Sammler, die oft aus Osteuropa kommen. Deren Container laufen über. Geschlossene Grenzen, geschlossene Vertriebswege – da geht gerade wenig.

Trotz des seit 2012 geltenden Kreislaufwirtschaftsgesetz sind diese schwarzen Schafe nicht verschwunden, die ihre Sammlungen weder anmelden noch versteuern. Rund ein Drittel der Container sind nach Schätzungen illegal. Allerdings auf privatem Grund und Boden, denn im öffentlichen Raum sind wie in Ludwigsburg private Altkleidercontainer meist verboten. Gewerbliche Anbieter mieten häufig Stellplätze von Supermärkten oder von privat, karitative bekommen sie gespendet, illegale fragen gar nicht erst.

Davon gibt es laut Stadtverwaltung wieder ein paar, etwa einer an der Mehrzweckhalle Oßweil, der wohl abgeräumt wird, wenn der Besitzer nicht ermittelt werde. Daneben gibt es auch welche auf privaten Flächen, teils auch im Besitz der Stadt. „Aktuell prüft die Stadt, wie gegen das Aufstellen von ungenehmigten Containern möglichst rechtssicher und effektiv vorgegangen werden kann.“

Der Markt verändert sich. 2015 war das noch anders. Edwin Platzer: „Es gab einen riesigen Hype, plötzlich tummelten sich alle am Markt.“ Kein Wunder: Altkleidersammler gehörten 2014 mit rund 450 Euro pro Tonne zu den Top-Verdienern, während beim Altpapier Entgelte und Erlöse sinken. Mit dabei sind karitative, gewerbliche und öffentlich-rechtliche, also Kommunen und Landkreise.

Trotzdem es weiter Geld bringt, trennt sich aber die Spreu vom Weizen. Ende 2014 gab es nur noch 350 Euro pro Tonne Altkleider. Platzer: „In der Krise schreiben wir keine roten Zahlen.“ Für kleine Betriebe sei Corona jedoch bitter. „Das ist eine kleine Katastrophe.“ Keiner könne sagen, wann das Geschäft wieder anläuft.

Schon vor Corona warnte die Branche vor Einbußen, obwohl sich die Produktion seit 2000 weltweit verdoppelt hat und die Nutzdauer sinkt. Aber auch die Preise. Immer mehr Billigware macht den Kleidungssammlern das Leben schwer. Mode für die breite Masse ist mittlerweile ein Wegwerfartikel mit hohem Synthetik-Anteil: ein billiger Fasermix aus Polyester, Polyacryl oder Elastan, gemischt mit Naturfasern – kaum oder nicht zu recyceln.

Ab 2025 soll es EU-weit verboten werden, Kleidung im Normalmüll zu versorgen, um das Recycling zu fördern. Rund 1,5 Tonnen pro Jahr, also 150 Prozent mehr als bisher, werden damit in Altkleidercontainern erwartet. Weitblickend ist eine Veränderung des Entsorgungssystems zu erwarten. Edwin Platzer von FWS hält einen stärkeren Einstieg der Städte und Landkreise für möglich. Schon vor Jahren erwägte die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises AVL diesen Schritt, geblieben sind aber lediglich die Wertstoffhöfe, auf denen der Altkleideranteil stetig sinkt. Das DRK hingegen würde laut Steffen Schassberger seine Kapazitäten gerne erhöhen, ist aber auf kostenlose Plätze angewiesen. „Da entscheidet man sich eher für einen gewerblichen Anbieter, der Miete zahlt.“

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