Logo

Geschichte

Mit 20 als Musiker zum Militär

Der Urgroßvater von Ingrid Gehring, Christoph Michael Baumgärtner, war Vizefeldwebel in Gmünd. Viel mehr Informationen hatte Jürgen Macher nicht, als er den Auftrag annahm, dessen militärische Laufbahn zu erforschen. Seine Recherchen waren dennoch sehr erfolgreich.

Soldaten und Unteroffiziere des 8. Infanterieregiments 1866–1871 sitzen hier in einer Gartenwirtschaft, hinten in der Mitte des Bildes ist der Hohenasperg zu sehen.Fotos: privat
Soldaten und Unteroffiziere des 8. Infanterieregiments 1866–1871 sitzen hier in einer Gartenwirtschaft, hinten in der Mitte des Bildes ist der Hohenasperg zu sehen. Foto: privat

Die Stuttgarterin wollte ihre Familiengeschichte aufarbeiten und bat den Oberstleutnant a.D. um Unterstützung. Der wühlte sich durch Kirchenbücher und Stammrollen, sammelte seltene Dokumente, suchte im Internet und im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv. 1,5 Jahre lang arbeitete Macher an einem Puzzle, dass immer mehr Teile bekam. Daraus wurde Einzigartiges: eine fast lückenlose Biografie eines einfachen Militärmusikers und seiner Familie. Die floss in die 100 Seiten starke Familienchronik Gehrings ein, die frisch gedruckt, im Asperger Torhaus bei der Militärgeschichtlichen Gesellschaft vorgestellt wurde. Sie ist die Urgroßenkelin des Soldaten Baumgärtner.

Der wird 1842 unehelich in Steinbrück geboren und schwört in fast 40 Jahren Eide auf drei Könige. Es stellte sich später heraus, dass seine Vorfahren über Jahrhunderte in Kleinsachsenheim im Landkreis Ludwigsburg lebten. Als Musiker meldet er sich mit 20 Jahren freiwillig. Er wird der 8. Kompanie des 8. Infanterieregiment Nr. 126 zugeteilt, die auf dem Hohenasperg stationiert ist. Dort ist er Signalbläser und wird 1866 als Musiker zweiter Klasse zum Regimentsstab versetzt. Er nimmt am Gefecht gegen die Preußen bei Tauberbischofsheim teil.

„Er scheint Gefallen am Militärischen gefunden zu haben und verpflichtet sich als Einsteher“, erzählt Jürgen Macher. Das sind Soldaten, die gegen Geld den Wehrdienst für andere leisten. Das bringt ihm 100 Gulden sofort ein, 500 weitere stehen im nach seiner Dienstzeit zu. Eine erkleckliche Summe. Sein Regiment wird nach Gmünd verlegt, wo er seine spätere Ehefrau Anna Schurr kennenlernt. Die beiden waren noch nicht verheiratet, als sie 1870 die erste Tochter zur Welt bringt. Bäumgärtner zieht zeitgleich in den Krieg gegen Frankreich. Am Ende des Feldzugs wird er zum Musiker erster Klasse ernannt und zum Hoboisten (Militärmusiker) befördert. Als Unteroffizier steht der immer größer werdenden Familie eine Unterkunft innerhalb der Kaserne zu. Insgesamt bekommt das Paar zehn Kinder. 20 Jahre lang sind sie zusammen, dann lässt sie sich scheiden.

Sie sind permanent auf Achse und leben in Straßburg, wo er 1873 zu Landwehr – einer Art Reserve – entlassen wird. Zwei Söhne sterben im Kindesalter. Eine Tochter wird in Großsachsenheim geboren, eine weitere in Gmünd. 1877 zieht es Baumgärtner wieder zum Militär. Er wird als Hoboist im Regiment Alt-Württemberg angestellt. Die Familie wohnt in der Asperger Straße. Mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Er erkrankt oft und wird schließlich in die Halbinvalidenabteilung versetzt. Als Aufseher für Zivilgefangene in gewohnter Umgebung auf dem Hohenasperg. Den frisch gebackenen Vizefeldwebel erwartet 1883 eine neue Aufgabe. Er wird Aufseher des Schießplatzes Mähderklinge im Wald von Feuerbach, dort ist er zugleich der Kantinenbetreiber. 18 Jahre lang.

1891 lässt sich das Ehepaar scheiden. Die zweite Ehe blieb kinderlos. Die Frau Fanny Berger stirbt 1905. Noch im selben Jahr ehelicht Baumgärtner ein drittes Mal. Marie Louise Schnabel bringt Sohn und Tochter zur Welt. Der Vater ist bei der Geburt des zwölften und letzten Kindes in Eglosheim 64 Jahre alt. 1917 stirbt er in Hoheneck.

„Ich interessiere mich seit 25 Jahren für Familienforschung“, erklärt Jürgen Macher. Die große Herausforderung im Fall Baumgärtner sei gewesen, die vielen unterschiedlichen Versatzstücke in Verbindung mit der damaligen Regimentsgeschichte zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen. Das besondere dabei ist, dass es das Leben eines einfachen Soldaten nachzeichnet. In einer Zeit, da die Historie ansonsten den Feldherren, Offizieren und Helden reserviert war.

Autor: