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Porträt

Mit Begeisterung in der Backstube

Nach 14 erfolglosen Versuchen mit Flüchtlingen aus aller Welt hat es geklappt: Moin Shah aus Bangladesh und Mohammed Pawani sind gekommen, um zu bleiben. Zuverlässig erledigen sie in der Bäckerei und Konditorei Luckscheiter ihre Arbeit, berichtet deren Chef Felix Remmele.

Moin Shah aus Bangladesh (links) und Mohammed Pawani aus Afghanistan haben in Deutschland beruflich Fuß gefasst und lieben ihre Arbeit in der Konditorei und der Backstube.Foto: Holm Wolschendorf
Moin Shah aus Bangladesh (links) und Mohammed Pawani aus Afghanistan haben in Deutschland beruflich Fuß gefasst und lieben ihre Arbeit in der Konditorei und der Backstube. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Mit einem freundlichen „Moin Moin“ wird der 20-jährige Auszubildende Moin Shah aus Bangladesh von seinen Kollegen in der Bäckerei begrüßt. Dass sein Vorname im Norden Deutschlands statt eines Hallos zur Begrüßung gesagt wird, findet er amüsant. Überhaupt ist der 20-Jährige, der seit drei Jahren in Deutschland lebt, sehr fröhlich. Vielleicht will er auch deswegen nicht so viel über seine Fluchtgründe sprechen. „Politische und familiäre Probleme“ seien ausschlaggebend gewesen. Sein erstes Ausbildungsjahr zum Bäcker hat er schon hinter sich. Ein Kurs zur Ausbildungsvorbereitung habe ihm geholfen, so gut Deutsch zu lernen. „Meine Patenfamilie lernt auch mit mir“, erzählt er.

Sein Kollege Mohammed Pawani versteht schon viel und kann sich gut verständigen. Der schüchterne 32-Jährige ist seit fast zwei Jahren in Ludwigsburg und lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Hoheneck. „Mir gefällt meine Arbeit, das ist mein Leben“, sagt er leise. Mit dem Fahrrad fährt er früh am Morgen in die Konditorei. Zunächst hat er freiwillig und unentgeltlich stundenweise angefangen, inzwischen hat er einen bezahlten Vollzeitjob. Petit Fours macht er besonders gerne, „weil sie so hübsch aussehen“. Bis August will er praktische Erfahrungen sammeln und seine Sprachkenntnisse verbessern, damit er eine Ausbildung zum Konditor machen kann. Den ganzen Tag ohne Aufgabe in der Flüchtlingsunterkunft herumsitzen, das sei seine Sache nicht gewesen. Er habe sich schnell nach seiner Ankunft in Deutschland um eine Aufgabe bemüht, ein Praktikum bei einem anderem Ludwigsburger Konditor gemacht, in der Essensausgabe einer Schule freiwillig gearbeitet.

„Mohammed ist sehr pflichtbewusst und war noch nie zu spät“, weiß sein Chef Felix Remmele nur Gutes über den Mann zu berichten, der viel Schlimmes erlebt hat. Erst habe er in Afghanistan als Minenentschärfer gearbeitet. Weil die Taliban ihn deswegen bedroht haben, beendete er diese Tätigkeit und arbeitete erst als Konditor, später begann er ein Jurastudium. Die Ermordung seines Vaters gab den Ausschlag für die Flucht der Familie. Im Iran, an der Grenze zur Türkei, geriet die Flüchtlingsgruppe unter Beschuss und trennte sich. Wo seine Mutter abgeblieben ist, weiß Mohammed Pawani bis heute nicht. Er hat das Sorgerecht für den 15 Jahre alten Bruder übernommen, mit dem er die Flucht in einem Boot übers Mittelmeer überstanden hat. „Ich würde gerne mit ihm in Deutschland bleiben“, hofft er inständig. „Wenn ich nach Afghanistan zurück muss, bringe ich mich um“, sagt er mit Panik in den Augen. Bisher hat er eine Aufenthaltsgestattung, sein Asylverfahren läuft also noch. Er sucht eine kleine Wohnung in Ludwigsburg, damit er und sein Bruder aus dem Flüchtlingsheim herauskönnen.

Moin Shah hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, nur einen Steinwurf von der Backstube in der Kurfürstenstraße entfernt. Das sei äußerst praktisch, denn er muss morgens schon um 2.30 Uhr anfangen. „Alle fragen immer, ob das frühe Aufstehen schlimm ist, dabei denkt niemand an den frühen Feierabend“, gibt er mit einem breiten Grinsen zu bedenken.

Teige vorzubereiten und Brezeln zu formen, macht ihm Spaß, auch wenn die schwäbischen Produkte mit seiner Heimatküche überhaupt nichts zu tun haben. „Ich habe bei mir in der Wohngemeinschaft sogar schon Käsekuchen gebacken“, erzählt er stolz. Für Heimatgefühle ist beim Sport Gelegenheit. „Ich spiele Cricket in Pflugfelden, das machen in Bangladesh alle.“ Der junge Mann muss sehr selbstständig sein, Familie hat er nicht in Deutschland: „Ich habe niemanden auf der Welt.“ Auch er hat bisher nur eine Aufenthaltsgestattung. „Die Menschen in Deutschland sind sehr nett“, er habe schon viele Kontakte geknüpft. „Ich würde gerne in Deutschland bleiben“, hofft er, während draußen vor dem Fenster die Schneeflocken tanzen. Das kennt er aus dem tropischen Bangladesch nicht. „Ich mag das Wetter.“

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