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Kirchenentwicklung

Patchwork-Glaube greift um sich

Die Kirchen im Landkreis müssen immer stärker um ihre Mitglieder kämpfen. Das merkt die evangelische noch etwas mehr als die katholische Kirche: Die Mitgliederzahlen nahmen zuletzt immer weiter ab.

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Die Gotteshäuser im Kreis haben mit leeren Kirchenbänken zu kämpfen.Foto: Franziska Kraufmann/ dpa

Kreis Ludwigsburg. Die Gesellschaft ist im Wandel. Dinge, die früher so hingenommen wurden, wie sie sind, werden inzwischen hinterfragt, verändert, abgeschafft. Mit diesen Änderungen in der Gesellschaft haben auch die Kirchen zu kämpfen. Sie bezahlen mit fallenden Mitgliederzahlen. „Wir müssen gegen einen gesellschaftlichen Trend arbeiten“, sagt Eberhard Feucht, Dekan des evangelischen Bezirks Besigheim. Die Bindekräfte zu Institutionen – „auch Parteien“, so Feucht – würden abnehmen.

Das belegen auch die Zahlen: Waren es 2012 noch 217 546 evangelische Christen im Kreis, sind es fünf Jahre später noch 201 599. Das ist ein Rückgang von etwa 7,3 Prozent. Einer der Gründe dafür ist ein Wandel in der Gesellschaft, sagt Feucht. „Man spricht heutzutage oft von einem Patchwork-Glauben“, so der Besigheimer Dekan. Viele Menschen glauben zwar an Gott, identifizieren sich aber nicht mit der Institution Kirche.

Stattdessen wird der Glaube individuell gelebt. „Es gibt auch immer wieder Menschen, die sich über Kirchen und deren Funktionsträgern ärgern und deshalb austreten“, so Feucht. Wenn etwa Missbrauchsfälle aufgedeckt werden, sei das der Fall. Feucht hat Verständnis dafür und fordert von den Kirchen: „Wir müssen transparent sein.“ Nur wenn die Menschen wüssten, woran sie sind und was mit den Kirchensteuern passiere, sei ihnen bewusst, dass die Kirche einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leiste. „Für die Kindergartenarbeit und im diakonischen Bereich benötigen wir die Kirchensteuern“, erklärt Feucht.

Die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche schwankten in den vergangenen Jahren, sind insgesamt jedoch ebenfalls leicht rückläufig. 2012 zählte die katholische Kirche im Landkreis noch 115 937 Mitglieder, 114 669 waren es 2017. „Die Zahl der Kirchenaustritte ist enorm hoch“, empfindet Alexander König, Dekan des katholischen Dekanats im Kreis. 2017 traten 961 Katholiken aus der Kirche aus, in den Jahren zuvor waren es sogar mehr als Tausend jährlich. Die vielen Missstände innerhalb der Kirche sieht König als einen Grund. Die hohe Zahl sei für ihn aber auch Ausdruck dafür, dass junge Erwachsene mit ihrer Religionsmündigkeit ernst machen. „Sie wurden als kleine Kinder getauft und merken im Lauf ihres Lebens, dass sie auch gut ohne eine Kirchenmitgliedschaft leben können“, so König. Ähnlich wie sein evangelischer Kollege Feucht sieht er eine fortschreitende Individualisierung des Glaubens. Glaube spiele nach wie vor eine Rolle. „Bei vielen muss der Glaube aber nicht mehr unbedingt im Gottesdienst und in Gemeinschaft mit anderen gefeiert werden“, sagt König.

Zunahme beim Feiern der Sakramente

Familienfeste hingegen werden immer größer gefeiert. „Da kommt die ganze Großfamilie zusammen“, so König. Vor einigen Jahren genügte es, bei Firmungen, Taufen und Kommunionen einzelne Plätze für die Angehörigen zu reservieren, jetzt gebe es einige Gemeinden, die den Gottesdienst zu solchen Festtagen mit einem Beamer in den Gemeindesaal übertragen, berichtet der Dekan.

Ähnlich sieht es auch bei der evangelischen Kirche aus: In den Dekanaten werden in den vergangenen Jahren immer mehr Trauungen und Taufen durchgeführt – zumindest in Besigheim, Ludwigsburg und Vaihingen. Marbach und Ditzingen konnten dazu keine Zahlen liefern. „Bei sinkenden Mitgliederzahlen und schmerzhaften Austrittszahlen sind das doch erfreuliche Entwicklungen“, so Winfried Speck, Dekan des evangelischen Bezirks Ludwigsburg. Im Dekanat Besigheim sind die Trauungen 2017 auf 130 im Jahr leicht angestiegen (2012: 125), im Dekanat Vaihingen waren es 2017 85 Trauungen. Drei Jahre zuvor waren es noch 71. „2018 sind es extrem viele Trauungen“, gibt der Besigheimer Dekan Feucht einen Ausblick auf das aktuelle Jahr.

In Vaihingen werden 2018 so viele Kinder getauft wie noch nie, berichtet der dortige Dekan, Reiner Zeyher. Grund dafür seien junge Familien, die nach Vaihingen ziehen. „Die Stadt und ihre Umgebung sind durch den ICE-Bahnhof und noch bezahlbarem Wohnraum gerade bei jungen Menschen und Familien beliebt“, so Zeyher.

Doch obwohl immer mehr Menschen nach Vaihingen ziehen, sinken die Mitgliederzahlen im evangelischen Kirchenbezirk. „Auch in dieser Hinsicht ist die geplante Fusion mit dem Dekanat Ditzingen sinnvoll“, sagt Zeyher. Ab 1. Januar 2020 wollen die beiden Kirchenbezirke fusionieren. Denn damit sich die beiden weiterentwickeln können, sei es wichtig, eine größere Einheit zu bilden. Auch in Ditzingen hat man mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen zu kämpfen. „Wir liegen, was den Rückgang der Mitglieder betrifft, landesweit relativ weit vorne“, so der Dekan Friedrich Zimmermann. Wie überall spiele der demografische Wandel eine Rolle. Hinzu kommen in Ditzingen die hohen Lebenshaltungskosten durch die Nähe zu Stuttgart, so Zimmermann. Das könnte manche Kirchenmitglieder zum Wegzug in eine strukturschwächere Gegend veranlassen.

Die Kirchen im Kreis müssen sich also überlegen, wie sie ihre Mitglieder halten beziehungsweise neue anwerben können. „Wir müssen neue Wege gehen, um Menschen mit ihren Anliegen zu erreichen“, sagt der katholische Dekan, Alexander König. So denke man gerade darüber nach, wo Kooperationen mit der evangelischen Kirche, den Kommunen, Einrichtungen und Vereinen eingegangen werden könnten.

Ziel: Alle Menschen erreichen

Auch die evangelischen Kirchenbezirke im Landkreis überlegen sich, wie sie Menschen ansprechen können. Dekan Eberhard Feucht aus Besigheim berichtet vom Reformationsjubiläum, an dem Menschen teilnahmen, die sich bis dahin kaum mehr für die Kirche interessiert hätten. „Der Reformationsgottesdienst war überragend gut besucht“, so Feucht. Das zeige ihm, dass man sich nicht damit abfinden sollte, dass die Mitgliederzahlen immer weiter sinken. „Wir müssen uns überlegen, wie wir alle Alters- und Gesellschaftsgruppen einbinden können“, sagt der Dekan. Es sei Sache einer jeden Gemeinde, das Passende für sich zu finden. Es gebe Gemeinden, die bieten nach der Konfirmationen ein Trainee-Programm für die jungen Gläubigen an, bei dem sie sich in verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens einbringen können. In der Gemeinde Besigheim gebe es eine Kinderkantorei, in der bereits Kinder im Chor singen und Konzerte geben. „Unser Ziel ist es, Menschen zu erreichen“, so Feucht.