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Corona

Pflegeheime: Impfen geht kaum voran

Ein Großteil der Pflegeheim-Bewohner im Kreis ist nach wie vor nicht gegen das Coronavirus geimpft. Die Impfaktion steht praktisch still, weil der Impfstoff fehlt. Frühestens Ende nächster Woche kann es weitergehen. Ein weiteres Problem: Viele Mitarbeiter wollen sich nicht impfen lassen.

Kurz nach Weihnachten ist die Impfaktion in den Pflegeheimen gestartet, seit mehreren Tagen steht sie praktisch still. Archivfoto: dpa
Kurz nach Weihnachten ist die Impfaktion in den Pflegeheimen gestartet, seit mehreren Tagen steht sie praktisch still. Foto: dpa

Stadt Ludwigsburg. Das Impfen aller Bewohner von Alten-und Pflegeheimen geht nur sehr langsam voran. Bisher waren die Impfteams des Robert-Bosch-Krankenhauses nur an 23 der 74 Einrichtungen des Landkreises im Einsatz. Alle anderen müssen warten. Schlimmstenfalls noch mehrere Wochen.

Der Grund für die langen Wartezeiten ist das Fehlen von Impfstoff. Damit ist auch klar, dass die von Landrat Dietmar Allgaier im Neujahrsinterview mit unserer Zeitung angesprochenen 22 Tage im Best-Fall-Szenario bei Weitem nicht ausreichen werden, um alle Bewohner und alle impfwilligen Mitarbeiter zu impfen. Nach dieser Rechnung hätte die Aktion nächste Woche beendet sein müssen. Stattdessen wird sie zu diesem Zeitpunkt nun erst so richtig beginnen.

Alle verbliebenen Heime sollen nach Auskunft des Landratsamts erst ab dem 22. Januar drankommen – dann soll auch das Kreisimpfzentrum in der Weststadt an den Start gehen. Ab diesem Zeitpunkt sind dann nicht mehr die Teams des Robert-Bosch-Krankenhauses zuständig, sondern der Kreis wird mit vier eigenen Impfteams in die Einrichtungen kommen. Schon jetzt sind diese Teams in den Heimen im Einsatz, um die Aufklärungsgespräche zu führen.

Viele Ängste wegen Nebenwirkungen

Stefan Ebert, Geschäftsführer der Kleeblatt-Pflegeheime, bedauert den zweiwöchigen Stopp. „Das ist bitter.“ Erst in elf der 26 Kleeblatt-Häuser seien die Impfteams im Einsatz gewesen. „Wir haben keine genauen Infos darüber, wann es weitergeht.“

Ebert hat auch noch ein ganz anderes Problem. Die Impfbereitschaft unter den Mitarbeitern ist sehr gering. „Bisher lässt sich weniger als die Hälfte von ihnen impfen.“ Bei vielen anderen Anbietern in Ludwigsburg sieht es ähnlich aus, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergeben hat.

Ebert hofft, dass durch weitere Aufklärung die Impfbereitschaft noch steigen wird. Viele Mitarbeiter hätten Angst vor den Nebenwirkungen und bemängeln, dass es bisher keine Studien zu möglichen Langzeitfolgen der Impfung gibt. Er selbst hat sich als einer der Ersten impfen lassen. „Ich hatte keine Nebenwirkungen, außer zwei Tage leichte Schmerzen um die Einstichstelle.“

Anders als bei den Mitarbeitern ist die Impfbereitschaft unter den Bewohnern sehr groß. In den Kleeblatt-Einrichtungen liegt sie bei 95 Prozent. Es gebe Einzelfälle, in denen gesetzliche Betreuer gesagt haben: „Wir warten erst einmal ab.“

Der bürokratische Aufwand für die Impfaktion ist enorm. Einwilligungserklärung der Betreuer, Überprüfung der Impffähigkeit, Aufklärung – das alles müssen und mussten die Einrichtungen in wenigen Tagen organisieren. Für die Aufklärungstermine müssen die Mitarbeiter teilweise in ihrer Freizeit kommen, was Ebert als großes Problem ansieht.

Mehr Glück als die Kleeblatt-Gruppe hatte die Stiftung Evangelische Altenheime. Ihre drei Einrichtungen in Ludwigsburg, darunter das Albert-Knapp-Heim, das mit 146 Bewohnern eines der größten Heime im Landkreis ist, waren gleich in der ersten Runde mit den Teams aus dem Robert-Bosch-Krankenhaus an der Reihe. Ab Montag starten dort sogar schon die Zweitimpfungen. Der Vorstand der Stiftung, Bernhard Wandel, freut sich über die hohe Impfbereitschaft unter den Bewohnern. „Nur drei haben abgelehnt.“

Bei den Mitarbeitern wolle sich knapp mehr als die Hälfte impfen lassen. Wandel rechnet aber damit, dass es noch mehr werden. Der Diakon fände es problematisch, wenn die Impfquote unter den Mitarbeitern der Pflegeeinrichtungen am Ende geringer sei als in der Gesamtbevölkerung. Von einer Impfpflicht, wie sie in der Bundespolitik diskutiert wird, hält er zum jetzigen Zeitpunkt aber nichts. Da bislang unklar sei, ob auch geimpfte Personen andere anstecken können, sei es für eine moralische Diskussion zu früh. Man könne die Impfunwilligen nicht einfach als unsolidarisch bezeichnen.

Bisher stehen keine Termine fest

Wie die Häuser der Kleeblatt-Gruppe sind auch andere Heime weiter in Wartestellung. Zum Beispiel das MC Seniorenstift. „Die Aufklärungsgespräche haben wir geführt, wann es weitergeht, wissen wir nicht“, sagt die Stiftsdirektorin Doris Linhart-Beck. Die Einrichtungen selbst hätten keinerlei Einfluss darauf, in welcher Reihenfolge die Impfteams die Heime abarbeiten.

Auch im Walckerhof ist Warten angesagt. Die Einrichtung, die im Dezember einen der schwersten Corona-Ausbrüche im Landkreis mit zwölf Toten erlebt hat, rechnet laut einer Pressesprecherin mit einem Besuch des Impfteams in den nächsten vier Wochen. Im Walckerhof ist die Impfbereitschaft der Mitarbeiter ebenfalls sehr gering. Nur 40 Prozent seien bereit. „Die derzeit kursierenden Gerüchte über angebliche Unfruchtbarkeit und Erbgutveränderung führen besonders bei den jungen Frauen unter den Pflegekräften zu großer Verunsicherung“, so die Pressesprecherin.

Umgang mit Schnelltests verschieden

Von den vier Häusern der Evangelischen Heimstiftung im Landkreis fand die erste Impfung bisher nur im Neckarweihinger Wittumhof statt. Heute soll das Walter-und-Emilie-Räuchle-Stift in Poppenweiler folgen. Für die anderen Heime gibt es noch keinen Termin, teilt eine Sprecherin mit.

Der Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung hat Anfang der Woche zudem eine Diskussion über die Testpflicht angestoßen (Infobox). Zwar sei in der neuen Coronaverordnung des Landes von einer Testpflicht für Besucher die Rede, der Test müsse aber nicht unmittelbar bei Eintritt in die Pflegeeinrichtung erfolgen, was kritisiert wird.

Tatsächlich ist der Umgang mit den Schnelltests in den einzelnen Häusern zum Teil unterschiedlich. In den Kleeblatt-Pflegeheimen werden Besucher mit einem Schnelltest kontrolliert, sie können aber auch ein eigenes Testergebnis mitbringen. Mitarbeiter werden zweimal in der Woche, Bewohner einmal getestet. So verfährt man grundsätzlich auch in den Heimen der Stiftung Evangelische Altenheime. Allerdings testen sich dort die Mitarbeiter vor jedem Dienstantritt selbst. Eine Testpflicht vor Ort hält Bernhard Wandel für nicht umsetzbar. Ärzte oder Sanitäter würden oft auch spät am Abend kommen, die Einrichtungen könnten Schnelltests aber nicht rund um die Uhr anbieten.

Wer Angehörige im MC-Seniorenstift besuchen will, muss sich dagegen selbst um einen Test kümmern. „Jeden Tag 250 Schnelltests, das schaffen wir nicht“, sagt Doris Linhart-Beck. An Schnelltests ranzukommen sei kein Problem, der Einrichtung fehle es aber an Personal. Die 170 Mitarbeiter der Einrichtung, die zweimal in der Woche getestet werden, machen das auch nicht selbst, das übernimmt Fachpersonal.

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