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Demonstration

Protest gegen den großen Zukunftsraub

Immer mehr Schüler auf der ganzen Welt streiken nach Vorbild der schwedischen Neuntklässlerin Greta Thunberg: Freitags gehen sie nicht mehr in die Schule, sondern fordern öffentlich Maßnahmen gegen den Klimawandel. Gestern demonstrierten erstmals junge Leute in Ludwigsburg. Auf Verständnis stießen sie bei OB Spec.

Rund 300 Schüler haben sich gestern in Ludwigsburg zu einer Demonstration nach dem Vorbild der schwedischen Schülerin Greta Thunberg zusammengefunden. Fotos: Holm Wolschendorf
Rund 300 Schüler haben sich gestern in Ludwigsburg zu einer Demonstration nach dem Vorbild der schwedischen Schülerin Greta Thunberg zusammengefunden. Foto: Holm Wolschendorf
Zum wiederholten Mal gibt es in Ludwigsburg eine Großdemonstration der Klimaschützer. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Zum wiederholten Mal gibt es in Ludwigsburg eine Großdemonstration der Klimaschützer. Foto: Holm Wolschendorf
... und schließen Forderungen an.
... und schließen Forderungen an.

Ludwigsburg. Mit ihrem Protest hat Greta Thunberg einen Nerv getroffen. An einem Freitag im vergangenen August begann sie, vor dem schwedischen Parlament in Stockholm zu streiken. In kürzester Zeit wurde die 16-Jährige nicht nur in Schweden, sondern weltweit eine Berühmtheit und fordert jetzt vor Top-Managern und Spitzenpolitikern auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sofortige Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Auch hierzulande trifft die „Fridays-for-Future“-Bewegung auf reges Interesse. In vielen deutschen Städten fanden bereits Freitagsdemos statt, erstmals im September in Berlin. Wie andernorts organisierte sich der Protest in Ludwigsburg vor allem über das soziale Netzwerk WhatsApp. Er habe vor einer Woche eine WhatsApp-Gruppe gegründet, sagt der Asperger Schüler Markus Moskau. Die Resonanz war so groß, dass er eine Demonstration bei der Ludwigsburger Stadtverwaltung beantragte.

Etwa 200 Schüler sind zum Auftakt am Ludwigsburger Bahnhof gekommen, weitere schließen sich auf dem Weg an. Auf dem Marktplatz ist die Gruppe auf bis zu 300 Personen angewachsen, nennt eine Polizeibeamtin eine realistische Schätzung. Bei eisigen Temperaturen ziehen die Demonstranten diszipliniert und zügigen Schrittes durch das Zentrum. Viele von ihnen dürften zum ersten Mal auf einer Großdemo sein, die Kundgebung trägt einen auf angenehme Weise unprofessionellen und improvisierten Charakter „Hopp, hopp, Kohlestopp“, rufen die Schüler. Und immer wieder: „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr unsere Zukunft klaut.“

Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage müssen die jungen Leute davon ausgehen, dass ihre Eltern und Großeltern ihnen selbst und ihren eigenen Kindern und Enkeln einen zerstörten Planeten hinterlassen. Dieser Vorwurf steht, weil er einfach nicht von der Hand zu weisen ist, stets im Raum. Dem Klimawandel wohnt auch ein Generationenkonflikt inne. Ein Zukunftsklau eben – einen besseren Grund gibt es nicht, um auf die Straße zu gehen.

An drei Stationen fassen Schüler den Protest in Worte. Es brauche keinen SUV, auch keinen Zweitwagen, und die 500 Meter zum Bäcker könne man laufen, übt ein junger Mann auf dem Marktplatz Kritik an der zentralen Rolle, die dem Auto gerade im Großraum Stuttgart beigemessen wird. Die Diesel-Diskussion lenke nur ab, „in Wahrheit sind wir zu faul, um uns Alternativen zum Auto zu suchen“.

Als der Demozug auf dem Rathaushof stoppt, fordert Moskau nicht nur kostenlosen öffentlichen Nahverkehr oder die Weiterbeschäftigung von Mitarbeiten der Kohleindustrie im Bereich erneuerbare Energien, sondern auch einen Systemwechsel. Anders als bei früheren Jugendprotesten werden solche Aussagen heutzutage begrüßt. Etwa von Oberbürgermeister Spec, der sich auf dem Rathaushof an die Schüler richtet.

Er wolle gar nicht darauf eingehen, ob ein solcher Protest während oder außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden müsse, sagt der OB. Jeder Einzelne sei Teil des komplexen Problems Klimawandel. Aber jeder Einzelne könne daran arbeiten, Teil der Lösung zu werden. Auch in Ludwigsburg sei noch viel zu tun, um den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 auf das angestrebte Ziel von jährlich zwei Tonnen pro Person zu senken. Er hoffe, die Demo sei nur der Auftakt der Ludwigsburger „Fridays-for-Future“-Bewegung, meint Spec zm Abschied. „Macht weiter so, wir müssen noch mehr Wert auf den Klimaschutz legen.“

Die Schüler wollen weitermachen, versichern sie am Ende der etwa anderthalbstündigen Demo. Ob schon am nächsten Freitag, steht derweil noch nicht fest. „Wir bleiben aber keine Eintagsfliege“, betont Moskau. „Es ist wichtig, Politik vor Ort zu machen.“ Auch wenn Schulleitung, Behörden oder sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen seien. Auf jeden Fall sei eine Demonstration sinnvoller, als im Unterricht etwas über den Klimawandel zu lernen.

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