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Gericht
Prozess am Landgericht: In Panik in Ludwigsburg einen Mann überfahren

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In der Nacht zum 18. Juni 2021 sah alles zunächst wie ein Unfall mit tödlichem Ausgang auf der Schwieberdinger Straße aus. Erst später kamen den Ermittlern Zweifel an der Darstellung der damals 19-jährigen Unfallverursacherin. Die Laborangestellte sitzt jetzt auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts. Der Vorwurf lautet auf Totschlag.

Ludwigsburg/Stuttgart. Die junge Autofahrerin soll mit ihrem VW Golf damals einen Mann, von dem sich die Frau eigenen Angaben zufolge auf der Straße bedroht fühlte, überrollt haben und hat nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in Kauf genommen, ihn mit dem Fahrmanöver zu verletzen. So lautet in Kurzform die Anklageschrift im Prozess gegen die jetzt 20-Jährige, die aus Löchgau stammt. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die junge Frau damit rechtlich einen Totschlag begangen hat.

Laut Ermittlungen der Anklagebehörde stand zu mitternächtlicher Stunde das 50-jährige Opfer – nur mit einem Bademantel bekleidet – plötzlich direkt neben dem zu diesem Zeitpunkt noch an einer Seitenstraße geparkten Fahrzeug der Angeklagten. Sie hatte gerade zwei ihrer Cousinen abgeholt und wollte diese nach Hause bringen.

Angeklagte gibt an, sich bedroht gefühlt zu haben

Da der Mann auch einen Stock in der rechten Hand hielt, soll die junge Frau sich von ihm bedroht gefühlt haben. Und da er ihrer Aufforderung, den Weg frei zu machen, nicht gefolgt sei, habe sie ihren Golf gestartet und den inzwischen auf die Straße gestürzten Mann danach komplett überrollt. Der 50-Jährige verstarb im Ludwigsburger Klinikum noch in der Nacht an den Unfallfolgen.

Die Frage in diesem jetzt begonnenen Verfahren vor dem Landgericht ist für die Richter, ob dieser Tatablauf tatsächlich so von den Sachverständigen und den Anklägern richtig dokumentiert ist?

Mann soll sich am Auto der Frau festgehalten haben

In der Anklage heißt es zudem, dass der 50-Jährige sich am Fahrzeug der Angeklagten festgehalten habe, ehe er zu Boden fiel. Danach, so beschreibt die Anklage den Sachverhalt zu dem Vorfall weiter, sei die Frau zuerst mit den rechten Rädern des Fahrzeugs über seinen Oberschenkel gefahren, dann auch noch mit der linken Seite und habe dadurch den Körper des Opfers ein Stück vor sich hergeschoben, was schließlich die tödlichen Verletzungen hervorrief.

Die Angeklagte selbst weist allerdings jegliche Absicht, den Mann zu überrollen, von sich. Sie habe den fast unbekleideten Mann neben sich entdeckt, sei erschrocken und in Panik gewesen. Sie habe den Unbekannten laut angesprochen und zum Weggehen aufgefordert, was dieser aber ignoriert habe.

Das Opfer soll einen Stock mit Spitze in der Hand gehalten haben

Zudem schilderte sie jetzt im Stuttgarter Gerichtssaal, dass der Mann einen Stock in der Hand hielt, versehen mit einer Spitze. Auch dadurch habe sie sich bedroht gefühlt und ihr Fahrzeug einfach gestartet, dann aber wieder abgebremst. Dass durch dieses Manöver der Mann auf dem Boden landete, will sie nicht mitbekommen haben.

Und was sie sich dabei dachte, so die Frage der Gerichtsvorsitzenden, konnte sie nicht beantworten. Sie wisse nur noch, dass sie die Situation als sehr bedrohlich empfunden habe. Ob sie dann einfach weitergefahren ist, daran erinnere sie sich ebenfalls nicht. Die Richterin versuchte, ihrem Gedächtnis nachzuhelfen: „Sie haben ihn überfahren, dann müssen Sie ja weitergefahren sein…“ Die Angeklagte beteuerte, sie habe nur vorbeifahren wollen und dabei keinerlei körperlichen Widerstand, der beim Überrollen eines Menschen entsteht, in ihrem Fahrzeug gespürt.

Unfallfahrzeug wurde beschlagnahmt

Ansonsten gab die Beschuldigte an, keine weiteren Erinnerungen an dieses Ereignis zu haben. Ihr Fahrzeug wurde damals beschlagnahmt, ein Verkehrs-Sachverständiger wird im Laufe des Prozesses über das Ergebnis der Fahrzeug-Untersuchung berichten.

Die beiden damals ebenfalls im Auto sitzenden Cousinen gaben im Zeugenstand an, sich nicht genau an das grausige Geschehen zu erinnern. Sie hätten plötzlich ein raschelndes Geräusch vernommen, neben dem Fahrzeug dann den Unbekannten gesehen, der später auf der Fahrbahn der Schwieberdinger Straße lag. Wie es dazu kam, daran hätten sie keine Erinnerung, so die Zeuginnen.

Sachverständige werden im Laufe des Prozesses aussagen

Für die Erhellung des genauen nächtlichen Unfallgeschehens hat die 4. Große Strafkammer vier Verhandlungstage angesetzt und außerdem zwei Sachverständige eingeschaltet. Einen Gutachter für die technische Seite, einen weiteren zur Todesursache des Opfers. Ein Urteil gegen die inzwischen 20-Jährige, die sich auf freiem Fuß befindet, soll am 26. Juli verkündet werden. Nächster Prozesstag ist am 12. Juli.