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Sonnenschutz ruft massive Kritik hervor

Gefordert wurde er schon Jahre, jetzt wurde im Hof des Grundschulcampus ein Sonnenschutz installiert. Dessen lieblose Architektur lässt den Elternbeirat von Stadtbahnhaltestelle sprechen, kritisiert werden zudem die fehlende Funktionalität und Verletzungsgefahren. Die Stadtverwaltung begründet den Stahlbau mit Brandschutzvorgaben.

Das Konstrukt mit Photovoltaikmodulen hat frappierende Ähnlichkeit mit einer Haltestelle. Unser Foto wurde gegen 15 Uhr aufgenommen. Fällt der Basketball statt in den Korb auf das 120-Quadratmeter-Dach, sagt die Stadt, verhindere das Verbundglas etwa
Das Konstrukt mit Photovoltaikmodulen hat frappierende Ähnlichkeit mit einer Haltestelle. Unser Foto wurde gegen 15 Uhr aufgenommen. Fällt der Basketball statt in den Korb auf das 120-Quadratmeter-Dach, sagt die Stadt, verhindere das Verbundglas etwaige Schäden. Wegen der Schrägneigung zur Mitte hin bleibt dieser aber wohl da oben liegen. Foto: Holm Wolschendorf
Auf fünf kantigen Stahlsäulen ruht das Dach.
Auf fünf kantigen Stahlsäulen ruht das Dach.

Ludwigsburg. „Thema verfehlt.“ Wäre Kathrin Enke Lehrerin, hätte sie vielleicht den Rotstift gezückt und einem bemitleidenswerten Schüler eine glatte Sechs unter seine Arbeit gesetzt. Nun ist sie aber Elternbeiratsvorsitzende der Sophie-Scholl-Schule (ehemals Anton-Bruckner-Schule), und die Arbeit hat auch nicht irgendein Grundschulkind abgeliefert, sondern die Stadt Ludwigsburg in Form einer Stahlkonstruktion. Die soll auf dem asphaltierten Schulhof des Grundschulcampus seit diesem Schuljahr für Schatten sorgen. Der war lange gefordert worden, bei heute häufigen über 30 Grad im Sommer fast eine Selbstverständlichkeit.

Der Volks- beziehungsweise Schülermund hat dem Konstrukt in Schwarz den Namen „Stadtbahnhaltestelle“ verpasst – ist es doch nicht nur ein Paradebeispiel motivationsarmer Architektur inmitten einer lebendigen Ganztagsschullandschaft mit über 400 Kindern, sondern erfüllt seinen Auftrag nach Ansicht der Elternbeiräte der beiden Grundschulen am Campus nicht einmal annähernd.

Im Gegenteil, sagt Kathrin Enke im Verbund mit ihrer Kollegin Shahida Laustetter von der Pestalozzischule, die in zwei Jahren mit jetzt noch 70 Dritt- und Viertklässlern vollends in der gemeinsamen Sophie-Scholl-Schule aufgegangen sein wird. „Das erfüllt nicht seinen Zweck.“ Zu wenig Schatten, an der falschen Stelle mitten im Bewegungs- und Spielraum am Basketballfeld, zu wuchtig mit großer Gefahr durch die fünf massiven Stahlsäulen inklusive harter Kanten: „Da wird gerannt und gespielt. Wer hier übers Ziel hinausschießt, knallt gegen die Stahlträger – das tut im besten Fall furchtbar weh, im schlechtesten drohen böse Verletzungen.“

Ihr Fazit in einer E-Mail an gleich sechs Adressaten in der Stadtverwaltung: „Als erledigt kann man diesen Auftrag keinesfalls bezeichnen.“ Die Konstruktion sei „nicht gerade das, was man eine gelungene Lösung oder eine sinnvolle Nutzung von kommunalen Geldern nennen kann. Hohe Auflagen (Feuerwehrzufahrt usw.) dürfen nicht dazu führen, dass man den ganzen Sinn eines Projekts aus den Augen verliert und etwas Widersinniges tut.“ Laut Verwaltung kostete das Modell 165.000 Euro – erst ab 300.000 Euro müsse der Gemeinderat einbezogen werden.

Bisher hat die Stadt nicht auf die E-Mail vom 21. Juli – eine Woche vor den Sommerferien – reagiert. Weder wurde der Eingang der E-Mail bestätigt noch auf die Kritik eingegangen. Mathias Weißer, zuständiger Fachbereichsleiter Hochbau und Gebäudewirtschaft, erklärt die weiter andauernde Stille mit der Zahl der E-Mail-Empfänger und den Ferien: „Eine Rückmeldung ist in interner Verwaltungsabstimmung für nach der Sommerpause vorgesehen und noch in Endabstimmung.“

Vorgestellt hatten sich die Beteiligten eher ein großes, luftiges Sonnensegel, das einen großen Bereich beschattet, aber den ohnehin engen Schulhof mit 3000 Quadratmetern nicht einschränkt. Dem erteilt Mathias Weißer auf Anfrage unserer Zeitung eine klare Absage. „Wir haben das alles abgeprüft.“ Ein Segel, das zudem nicht brennbar sein dürfe, müsse mit Stahlseilen gespannt sein, die aber seien nicht so einfach zu verankern – und Stolperfallen. Die Höhe des Konstrukts erklärt er mit den Vorgaben der Feuerwehr, die darunter durchfahren können muss, die massiven Stahlstützen damit, dass sie den Aufprall eines Feuerwehrfahrzeugs aushalten müssten. Er spricht von „rigiden Anforderungen“. Dass das Dach gerade einmal ein Viertel des Schulhofs beschattet und damit sehr klein sei, sei dem Einspruch eines Nachbarn geschuldet. Die Photovoltaik auf dem Dach liefere „als Doppelnutzen“ immerhin 13,7 kWp Strom. Die Beschwerden versteht Weißer nicht, die Gestaltung sei mit der Schulleitung abgesprochen.

Dem widerspricht die Schulleiterin der Sophie-Scholl-Schule, Simone Werner-Mehl. Seit dreieinhalb Jahren vor Ort, habe sie gemeinsam mit dem ehemaligen Rektor der Anton-Bruckner-Schule, Peter Kornher, einmal einen Plan bekommen, wo der Standort eingezeichnet gewesen sei. „Wir haben nie gesehen, wie es aussehen wird, einbezogen wurden wir nicht.“ Die Idee sei ein luftiges Sonnensegel gewesen – das auch den Sandplatz einbezieht. Dies sei ebenso gescheitert, wie die Größe bei 400 Kindern problematisch ist. Nur 120 von 3000 Quadratmetern Schulhof sind damit bedeckt: „Soll ich die Kinder darunter stapeln?“ Die Pfosten seien eine Riesengefahr für die Sechs- bis Zehnjährigen, Tische und Bänke – wie vorgesehen – hätten in dem Bewegungsbereich keinen Platz. Ihr Fazit: „Die Stadtbahnhaltestelle ergibt für mich nicht viel Sinn.“

In der Regel werde versucht, den Sonnenschutz im Bau zu integrieren, so Mathias Weißer, „hier haben wir aber einen engen Korridor“. Der Klimawandel schlägt jedoch durch: Bei heißeren Sommern wurde nun ein Programm für die Beschattung von Schulhöfen aufgelegt, das laut Weißer Eingang in den kommenden Etat finden soll. Dass das Stahlkonstrukt ein Prototyp sein soll, wenn keine Segel möglich sind, wehrt er ab. Man werde je nach Situation entscheiden.

Durchdacht ist der Schattenständer auch in anderer Hinsicht nicht. Landet ein Ball auf dem Dach, sagt Weißer auf Nachfrage, „holt ihn eben der Hausmeister runter“. Dem ist nicht so. Eine Leiter kann nicht sicher angestellt werden, auf das Dach darf er aus Versicherungsgründen schon gar nicht. Wie auch sonst nicht höher als zwei Leiterstufen. Schon für jeden Glühbirnenwechsel oder – wie erst geschehen – die Anbringung von Gardinen in der Schule müssen die Technischen Dienste laut Schulleiterin mit Genehmigung ran.

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