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Tübinger Ärztin: Konsequente Coronatests

Eine Coronatest-Aktion wird es in Ludwigsburg zu Weihnachten nicht geben. Eine Tübinger Ärztin, die mit ihrer Schnelltestaktion zum Vorbild geworden ist, sieht das kritisch. Sie fordert zudem Tests auch nach Weihnachten im neuen Jahr. Hier zeigt sich Ludwigsburgs OB Matthias Knecht inzwischen offen für Gespräche.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht im Oktober Lisa Federle den Verdienstorden für ihre Tübinger Aktion. Foto: Michael Sohn/POOL AP/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht im Oktober Lisa Federle den Verdienstorden für ihre Tübinger Aktion. Foto: Michael Sohn/POOL AP/dpa
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Ludwigsburg. Die Tübinger Ärztin Dr. Lisa Federle trifft man derzeit fast häufiger auf dem Tübinger Marktplatz und in TV-Studios an als in ihrer Praxis, so scheint es. Denn die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes ist Initiatorin dessen, was in der Bekämpfung der Coronapandemie inzwischen als „Tübinger Weg“ für Schlagzeilen sorgt: Tübingen propagiert und praktiziert das konsequente Testen von Bewohnern von Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie von Mitarbeitern und Besuchern dieser Einrichtungen. Damit soll verhindert werden, dass das Virus dort ankommt, wo es am meisten Schaden anrichten kann: bei Alten und Kranken.

„Wir müssen diese Gruppen so lange schützen, bis der Wendepunkt in der Pandemie erreicht ist“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. An fünf Tagen die Woche testet Federle derzeit täglich bis zu 400 Menschen auf dem Tübinger Marktplatz. „Das ist kein Massentest. Und ich will auch keine Partygänger testen. Aber bevor jemand seine Oma besucht, soll er sich besser testen lassen.“

Seit 26. November mache sie das schon so. Zu Beginn seien es nur wenige gewesen, die sich testen lassen wollten. Inzwischen beträgt die Warteschlange bis zu 300 Meter.

25000 Tests habe sie bereits Mitte Oktober bestellt, zusätzlich zu dem Kontingent, das sie im Auftrag des Landrats und des Oberbürgermeisters für die Alten- und Pflegeheime bestellt habe. „Letzte Woche habe ich noch mal 11000 nachgeordert“, sagt sie. Dass es zu wenig Tests gibt, lässt sie nicht gelten. „Ich bekomme täglich welche angeboten, aber man muss sich halt drum kümmern.“ Die Zuteilung der Tests allein auf das Sozialministerium zu schieben, ist in Federles Augen zu kurz gedacht.

Schlussendlich müsse man auch bereit sein, die Konsequenzen einer hohen Testkapazität zu tragen. Sie stehe ehrenamtlich auf dem Marktplatz, ebenso das DRK, das Kreisgesundheitsamt und die Dieter Thomas Kuhn-Band. „Und ein positives Testergebnis bedeutet für das Gesundheitsamt zusätzliche Arbeit. Auch an den Feiertagen.“

Finanziert werde der Test für die Bevölkerung übrigens aus einer Spendenaktion. „Das DRK ist in Vorleistung gegangen“, sagt sie. Der Coronatest auf dem Marktplatz sei kostenlos, „Geld soll keine Rolle spielen, wenn man seine Großeltern sehen möchte.“ Wer mag, kann aber etwas in die Spendenbox werfen. Fünf Euro koste übrigens so ein Test.

Auch wenn das Interesse in Tübingen groß ist, und inzwischen sicher auch schon Personen aus dem Umfeld kommen, „nicht jeder will sich testen lassen.“ Man müsse nicht für alle einen Test haben. „Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn wir nur 500 Leuten ermöglichen, zu ihren Eltern zu gehen, dann ist das besser als gar nichts.“

Der Landkreis Ludwigsburg unterstützt in einigen Kreiskommunen Schnelltests vor Weihnachten, setzt ansonsten verstärkt auf die Testkapazitäten in Alten- und Pflegeheimen. Das ist nach Meinung von Lisa Federle eine richtige Entscheidung. Die Bevölkerung außen vor zu lassen, hält sie aber für falsch und wird auch im neuen Jahr weiter testen.

Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht hat gestern im Gespräch mit unserer Zeitung signalisiert, dass er mit dem Corona-Krisenstab im Rathaus und mit dem Landkreis besprechen will, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, solche Schnelltests auch in Ludwigsburg anzubieten. Dies sei allerdings erst im neuen Jahr machbar, so Knecht, der zu der Entscheidung steht, vor Weihnachten von einer Schnelltestaktion Abstand zu nehmen. Diese Entscheidung hatte eine ganze Reihe von Lesern gegenüber unserer Zeitung bedauert. Knecht wirbt um Verständnis. Man hätte nur 400 Tests anbieten können, weniger als zunächst vom Sozialministerium erhofft. „Dann hätten wir Tausende frustrierte Menschen ohne Test zurückgelassen.“

Zudem hätte es organisatorische Engpässe gegeben, wenn man deutlich mehr Tests hätte anbieten wollen. Und Knecht sieht die Gefahr, dass man den Menschen für die Weihnachtstage eine falsche Sicherheit vermittelt hätte.

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