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Geschichte

Twitter-Drama erzählt den Deutsch-Französischen Krieg

Ein beeindruckendes Internet-Projekt von PH-Studenten beschäftigt sich mit dem Deutsch-Französischen Krieg. Auf der Plattform Twitter kann dabei jeder verfolgen, was vor genau 150 Jahren passiert ist.

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Ein Denkmal zum Deutsch-Französischen Krieg. Bild: Martina Berg/Adobestock. Foto: AdobeStock
So präsentiert sich „Heute vor 150 Jahren“ auf der Plattform Twitter. Screenshot: LKZ
So präsentiert sich „Heute vor 150 Jahren“ auf der Plattform Twitter. Screenshot: LKZ

Am 20. Dezember 1870 schreibt der Soldat Albert Böhme an seine Frau Friederike in Braunschweig: „Von unserer Kompagnie hatten wir 8 Tote und 16 Verwundete. Unserm Major sein Pferd ward totgeschossen, einem Unteroffizier beide Beine ab und einem ist durch eine Granate der Kopf weggerissen und war nicht wiederzufinden.“ Böhme ist eine von etwa 40 realen Personen, mit denen das Twitter-Projekt „Heute vor 150 Jahren“ durch den Deutsch-Französischen Krieg führt.

Die PH-Studentin Cathérine Pfauth, die das Projekt betreut, spricht von einem „vielstimmigen Online-Drama“, das sie gemeinsam mit etwa 30 anderen Studenten erarbeitet hat. „Wir versuchen dabei, unserem Publikum ein fast vergessenes Thema in einer zeitgemäßen Form zu präsentieren.“

Das funktioniert unwahrscheinlich gut. Normalerweise kennt man Themen wie den Deutsch-Französischen Krieg nur aus dicken und oft schwer lesbaren Geschichtswälzern. Bei „Heute vor 150 Jahren“ begleitet man den Krieg von seinem Ausbruch im Sommer 1870 bis zum Friedensschluss im Mai 1871 in Echtzeit. Jeden Tag werden auf der Twitter-Seite mehrere Tweets – also Kurznachrichten – mit Ereignissen veröffentlicht, die genau vor 150 Jahren stattgefunden haben. Das Ganze liest sich schnell und flüssig, ist keine schwere Kost und nah an den Ereignissen dran, da Zeitzeugen zu Wort kommen.

Grundlage für das Projekt, das die PH gemeinsam mit Studenten der Ruhruniversität in Bochum verwirklicht hat, ist das Buch des Historikers und PH-Professors Tobias Arand. Viele der Personen, die in seinem Werk „1870/71, Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen“ auftauchen, kommen jetzt auch bei Twitter zu Wort. Neben einfachen Zivilisten und Soldaten, die den Krieg hautnah miterlebt haben, sind das Persönlichkeiten der damaligen Zeit, etwa der Deutsche Kaiser, Bismarck, Hindenburg, Theodor Fontane oder der Philosoph Friedrich Nietzsche.

Ein reicher Fundus an Quellen

Auch Hans von Kretschmann, Major im Generalstab der zweiten deutschen Armee, macht in diesem Krieg seine Erfahrungen. Seiner Nachwelt hinterlässt er harte Urteile und Einschätzungen. „Der Krieg hat meine Menschenkenntnis in nicht erfreulicher Weise vermehrt. Edle Naturen sind eben selten. Der gemeine Soldat, der ist’s vor allem, dem ich meine Achtung zuwende“, schreibt er am 28. Februar 1871 an seine Frau.

Briefe, Tagebücher, Chroniken, Fotografien oder Gemälde – mit Hilfe all dieser Quellen wird in „Heute vor 150 Jahren“ Geschichte erzählt. Jeder Eintrag darf nicht mehr als 280 Zeichen haben, denn auf diese Länge ist jeder Tweet bei Twitter begrenzt. Die Studenten müssen also genau überlegen, welche Passagen sie benutzen wollen. Viel Platz steht jedenfalls nicht zur Verfügung, auch wenn auf „Heute vor 150 Jahren“ jeden Tag mehrere Kurznachrichten veröffentlicht werden. „Das ist eine hervorragende Übung zu lernen, wie man reduziert“, sagt Pfauth.

Insgesamt wurden innerhalb dieses vielstimmigen Kriegsdramas schon 4000 Meldungen veröffentlicht. Fast 4000 Menschen verfolgen das Projekt bei Twitter. „Die Reaktionen, ein historisches Thema auf diesem Weg zu präsentieren, sind sehr positiv“, freut sich Cathérine Pfauth. Auch große überregionale Medien haben das Projekt schon aufgegriffen. Etwa die Welt oder die Süddeutsche Zeitung.

Im Schulunterricht kaum ein Thema

Und natürlich darf auch Wilhelm I. von Preußen bei alledem nicht fehlen. Viele Tweets beschäftigen sich mit dem Mann, den der Krieg vom König zum Kaiser machte. Am 18. Januar 1871, bei der Kaiserproklamation in Versailles, schreibt eine Zeitzeugin über ihn: „In seiner Hand zittert das Blatt, von dem er liest. Dem aufmerksamen Ohr entgeht es auch nicht, wie trotz der männlichen Stärke die Stimme schwankt.“ Auch so kann sich Geschichte anhören.

Cathérine Pfauth, die ihre Masterarbeit über dieses Projekt geschrieben hat, sieht in diesem Format eine Menge Potenzial. Den Krieg in Einzelschicksalen von Betroffenen mit all ihren Sorgen und Nöten zu erzählen, habe eine größere Aussagekraft als nur die entscheidenden Schlachten wiederzugeben. Auch für den Unterricht hätten die beteiligten Studenten viel gelernt – zum Beispiel die Reduktion eines Themas auf wesentliche Informationen. Vergleichbare Projekte, etwa zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, könnte sich Cathérine Pfauth, die Geschichte und Englisch für Sekundarstufe 1 studiert, auch mit Schülern vorstellen.

Und was fasziniert sie persönlich an dem Thema Deutsch-Französischer Krieg? „Das Ergebnis des Krieges war die deutsche Einigung“, sagt Pfauth. Damit wurde die Nation geschaffen, in der wir letztlich bis heute leben. „Es ist faszinierend zu sehen, wie sich das damals angebahnt hat.“ Cathérine Pfauth bedauert aber, dass das Thema heute im Schulunterricht praktisch keine Rolle mehr spielt. Sie selbst hat sich erstmals im Studium damit befasst.

Info: Auf der Twitter unter https://twitter.com/Krieg7071 kann man die Ereignisse des Deutsch-Französischen Krieges verfolgen.

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