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Kulturgeschichte

Über die Impfskeptiker von einst

„Impfskeptiker gibt es nicht erst seit gestern“, sagt Prof. Dr. Eberhard Wolff. Er ist Honorarprofessor für Kulturanthropologie an der Uni Basel. Bereits 1998 schrieb er seine Doktorarbeit über den gesellschaftlichen Konflikt wegen der Pockenschutzimpfung vor 200 Jahren.

1970 wurde noch gegen die Pocken geimpft. Seit 1980 gelten sie als ausgerottet.Archivfoto: dpa
1970 wurde noch gegen die Pocken geimpft. Seit 1980 gelten sie als ausgerottet.Archivfoto: dpa

Ludwigsburg. Bei Hermann Bausinger in Tübingen promovierte Wolff, wo er empirische Kulturwissenschaft und Politikwissenschaften studierte. Viele seiner Quellen fand er im Ludwigsburger Staatsarchiv, das damals noch im Schloss untergebracht war. „Ich bin vor 30 Jahren oft mit meinem R4 hierhergefahren“, erinnert er sich. Seine Doktorarbeit und das dazugehörige, über 520 Seiten starke Beiheft aus dem Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, an dem er sieben Jahre lang arbeitete, bezeichnet er als detailverliebt und trocken. „Sie ist keine einfache Lektüre“, so Wolff bei einem Vortrag im Staatsarchiv auf Einladung des Historischen Vereins.

Die Pocken, auch Blattern genannt, sind eine hochansteckende Infektionskrankheit, ausgelöst durch Viren, die über die Luft übertragen wird. Ein Drittel der Infizierten stirbt oder es bleiben schwere Folgen, wie Blindheit oder versteifte Gelenke. Fast immer bleiben Narben auf der Haut zurück. Obwohl auch Erwachsene sich anstecken konnten, galt sie lange Zeit als Kinderkrankheit, die bis heute unheilbar ist. Sie löste die Pest als schlimmste Krankheit ab, an der zehn bis 30 Prozent der Kleinkinder starben.

Als medizinischer Durchbruch, eine Revolution gilt ein Lebendimpfstoff Ende des 18. Jahrhunderts. Der basiert auf Kuhpocken, die beim Menschen einen nur milden Krankheitsverlauf auslösen, aber damit gegen die echten „Blattern“ immunisiert. Der Begriff „Vakzin“, abgeleitet aus dem Lateinischen „vacca“ für Kuh, war geboren.

1807 wurde in Bayern als weltweit erstem Land eine Impfpflicht eingeführt. Württemberg folgte 1818. Seither wurde in Impfstuben in den Oberarm geritzt. In Ludwigsburg auch in Waisenhäusern, Schulen und Kasernen.

Eine erstmalig eingesetzte Methode, dass Ärzte so Epidemien bekämpften. 1874 wird ein Reichsimpfgesetz für ganz Deutschland erlassen. Ein bis heute einzigartiger Akt. „Das spaltete die Gesellschaft“, zog der Impfhistoriker Wolff Parallelen im Staatsarchiv am Arsenalplatz in seinem Vortrag beim Historischen Verein. Zwei Gruppen bildeten sich: auf der einen Seite die Befürworter von Reformen, auf der anderen Seite die Skeptiker ob der Wirksamkeit des Impfstoffs und mit ihren Ängsten um mögliche Folgen. Zahlreiche Argumente kursierten, verschiedenste Gruppierungen vereinten sich. Wie heute.

Ab 1860 wurden impfgegnerische Vereine gegründet, die Gegenseite politisierte sich. Eine Art frühe Aufklärungskampagne wurde gestartet. „Häufig gibt es schon kulturelle Bruchstellen oder politische Spannungen. Wenn dann noch ein Impfzwang als starker staatlicher Druck hinzukommt, dann kracht es“, so Wolff. Schon damals wurde versucht, die Impfung mit Attesten zu umgehen. Ungeimpfte wurden ausgeschlossen, wenn sie keine Nachweise vorlegen konnten, oder es wurden Geldstrafen verhängt.

„Die Gegner waren nicht nur Spinner“, meint Wolff. Ohne sie wäre wahrscheinlich nicht so schnell wahrgenommen worden, dass für einen vollständigen Schutz eine zweite Impfung nötig war. Häufig seien es besorgte Eltern gewesen, die Beobachtungen machten, zum Beispiel dass die Wunde sich bei einem Kind stark entzündete. Die Pockenimpfung sei auch nicht ohne Risiko gewesen und gelte in der Rückschau als gefährliche Impfung. Man müsse sich vorstellen, dass bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts der Impfstoff einer eitrigen Pustel eines Geimpften entnommen und einem gesunden Kind injiziert wurde.

Seit 1980 gelten die Pocken als weltweit ausgerottet.

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