Logo

Baukultur

„Vergangenheit soll Zukunft haben“

Seit sieben Jahren hat Ludwigsburg zum Schutz des Stadtbilds einen Gestaltungsbeirat. Stadtplaner Martin Kurt und die Beiratsvorsitzende Petra Zeese haben jetzt Bilanz gezogen. Sie sind sicher: „Die Qualität der Architektur ist seither deutlich besser geworden.“

All diese Projekte wurden im Gestaltungsbeirat diskutiert. So unterschiedlich sehen die Ergebnisse aus: In den Muldenäckern in der Weststadt wurde ein ganz neues Quartier gebaut.
All diese Projekte wurden im Gestaltungsbeirat diskutiert. So unterschiedlich sehen die Ergebnisse aus: In den Muldenäckern in der Weststadt wurde ein ganz neues Quartier gebaut. Foto: Holm Wolschendorf
Am Reithausplatz blieb ein historisches Gebäude am Ende stehen und wurde restauriert. Fotos: Holm Wolschendorf
Am Reithausplatz blieb ein historisches Gebäude am Ende stehen und wurde restauriert. Foto: Holm Wolschendorf
Auch das Hotel vor dem Marstall-Center wurde im Gestaltungsbeirat kontrovers diskutiert.
Auch das Hotel vor dem Marstall-Center wurde im Gestaltungsbeirat kontrovers diskutiert. Foto: Holm Wolschendorf
In der Schorndorfer Straße wurde ein altes Haus abgerissen und durch eine Rekonstruktion ersetzt.
In der Schorndorfer Straße wurde ein altes Haus abgerissen und durch eine Rekonstruktion ersetzt. Foto: Holm Wolschendorf
Vanessa Sommer, Grünen-Stadtrat Ulrich Bauer, Beiratsvorsitzende Petra Zeese und Stadtplaner Martin Kurt (v. l.) vor dem Hunke-Neubau an der Stadtkirche.Foto: R. Theiss
Vanessa Sommer, Grünen-Stadtrat Ulrich Bauer, Beiratsvorsitzende Petra Zeese und Stadtplaner Martin Kurt (v. l.) vor dem Hunke-Neubau an der Stadtkirche. Foto: R. Theiss

Ludwigsburg. Natürlich ist der Ort des Treffens bewusst ausgewählt. Kaum eine Ecke in der Stadt eignet sich besser, um den Erfolg des Gestaltungsbeirats zu illustrieren, als die an der Asperger-/Kirchstraße. Der Neubau des Juweliers Hunke, der dort steht, war nicht nur eines der ersten Projekte, die in dem Beirat diskutiert wurden. Es ist bis heute auch eines der Erfolgreichsten. Kein Wunder also, dass Martin Kurt und Petra Zeese ihr Pressegespräch an diesem Ort ansetzen. Anlass für das Treffen ist die erste Bilanz, die der 2013 gegründete Gestaltungsbeirat zieht. In diesem Zusammenhang ist eine Dokumentation entstanden, die die ersten 41 Projekte vorstellt. „Die Broschüre dient als Ideengeber“, sagt Martin Kurt.

Eine Idee, wie man mit der Baugeschichte Ludwigsburgs umgehen kann, ist das Eckgebäude von Hunke. Es sieht aus wie ein Haus aus dem 18. Jahrhundert, aber es ist ein Neubau. Die Fassade und viele Details sind so gestaltet, dass sich das Bauwerk optimal in das historische Stadtbild fügt, freuen sich Zeese und Kurt. Ursprünglich hatte die Familie Hunke einen modern anmutenden Neubau geplant. Auch ein Nachbarhaus hätte dafür abgerissen werden sollen. Am Ende wurde es erhalten und restauriert.

Die Identität der Stadt erhalten

Doch nicht immer verlaufen die Diskussionen so glatt wie im Fall Hunke. Immer wieder kam es in den Sitzungen des Gestaltungsbeirats, in dem neben Architekturexperten auch Vertreter der Stadt und des Gemeinderats sitzen, zu heftigen Auseinandersetzungen. Bauherren fühlten sich gegängelt, Architekten reagierten verschnupft auf Kritik. Teilweise kam sogar der Vorwurf auf, der Gestaltungsbeirat entscheide selbstherrlich, was gebaut werden darf und was nicht.

Diesen Vorwürfen arbeitet Stadtplaner Martin Kurt entgegen, seit es den Gestaltungsbeirat gibt. „Der Gestaltungsbeirat ist kein Beirat der Stadt, sondern ein unabhängiges Gremium, das lediglich Empfehlungen ausspricht“, sagt Kurt. Ziel von alledem sei es, die bauliche Identität von Ludwigsburg zu bewahren. Wer ein neues Gebäude errichte, habe eine hohe Verantwortung. Denn das Bauwerk werde Jahrzehnte in der Stadt stehen. Abgerissen sind historische Gebäude schnell. Dagegen sei es schwierig, einen Neubau zu errichten, der sich in die bestehende Struktur integriert, sagt Kurt.

Außerdem: „Am Ende entscheidet immer der Gemeinderat.“ Beim Durchblättern der Broschüre findet man dafür gleich mehrere Beispiele: So lehnte der Gestaltungsbeirat etwa eine Bebauung des Gämsenbergs im Schlösslesfeld ab, der Gemeinderat stimmte dafür. Auch beim geplanten Neubau des Lidls in der Oststadt war für die Mitglieder im Beirat nur ein Markt im Erdgeschoss vorstellbar. Der Gemeinderat ermöglichte dagegen, die Verkaufsfläche im ersten Stock einzuplanen, wodurch das Bauwerk viel höher wird – sehr zum Ärger der Nachbarn.

Jedem Bauherren, dessen geplantes Projekt für den Gestaltungsbeirat vorgesehen ist – die Entscheidung darüber trifft das Bürgerbüro Bauen – gibt Martin Kurt den Tipp, in einer frühen Planungsphase den Kontakt zum Beirat zu suchen. Nur so könnte verhindert werden, dass die (bereits fertigen) Pläne völlig über den Haufen geworfen werden. „Das dauert am Anfang dann etwas länger, dafür geht es hinterher schneller“, sagt Ulrich Bauer. Der Grünen-Stadtrat war selbst mehrere Jahre Mitglied im Gestaltungsbeirat. Bauer findet es wichtig, dass Ludwigsburg und seine Stadtteile ihr Erscheinungsbild bewahren. „Vergangenheit soll Zukunft haben.“

Erst die Stadt, dann das einzelne Haus

Auch die Aussage, Architektur sei eben Geschmackssache, lehnen Kurt und die Beiratsvorsitzende Petra Zeese ab. Es gebe eindeutige Elemente wie Fenster, Dächer oder Fassaden, an denen sich klar ablesen lasse, ob ein Gebäude sich in die Umgebung und die Baugeschichte des Ortes füge oder nicht. „Uns geht es um Qualität und nicht um Quantität“, stellt Zeese klar. Ein Punkt der in Ludwigsburg von großer Bedeutung ist, da in der gegenwärtigen Lage auf dem Immobilienmarkt viele Grundstückseigentümer versuchen, das Maximum aus ihren Flächen herauszuholen.

„Dass dabei auch mal deutliche Worte fallen, liegt in der Natur der Sache“, sagt Kurt. Viele Bauherren würden sich hinterher aber beim Gestaltungsbeirat bedanken, da ihr Projekt durch die Beratung besser geworden sei. Auch einen weiteren Irrtum möchte Petra Zeese ausräumen: „Es gibt kein rein privates Bauen.“ Bauen finde immer im Kontext statt. Dabei gelte: „Erst die Stadt, dann das Quartier, dann das Einzelgebäude.“ Gerade in der barocken Idealstadt Ludwigsburg sei dieses Prinzip verwirklicht: Der Stadtgrundriss als Gesamtanlage ist entscheidend, die einzelnen Gebäude nehmen sich dagegen zurück.

Ein weiterer Vorwurf: Große Bauträger – gut die Hälfte der 41 vorgestellten Projekte stammt von ihnen – hätten im Gestaltungsbeirat bessere Chancen, ihre Vorstellungen durchzudrücken. „Wir sind komplett unabhängig und nicht beeindruckt davon, wem wir gegenüberstehen. Bei großen Bauträgern schauen wir eher noch genauer hin“, sagt Zeese. „Wir behandeln alle gleich“, versichert Kurt.

Die in der Broschüre vorgestellten Projekte zeigen, wie unterschiedlich die Ergebnisse der Diskussionen im Gestaltungsbeirat ausfallen können. Es gibt historische Gebäude, die durch eine Rekonstruktion ersetzt wurden, andere wurden dagegen im Neubau völlig neu interpretiert. Einige Häuser wurden am Ende nicht abgerissen, sondern restauriert. Und es gibt auch Projekte, die (vorerst) ganz aufgegeben wurden.

Info: Aufgrund der Coronakrise wird die Broschüre derzeit nicht ausgelegt. Man erhält sie bei Vanessa Sommer unter v.sommer@ludwigsburg,de oder (07141) 9102970 oder digital unter www.ludwigsburg.de/gestaltungsbeirat zum Download.

Autor: