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Festveranstaltung

Vom Bücherspeicher zum Ort des Wissen

Die Stadtbibliothek feiert im Kulturzentrum ihr 75-jähriges Bestehen – Traum von der europaweit modernsten Bücherei über den Bahngeisen

Hier werden kleine Roboter zusammengebaut. Foto: Holm Wolschendorf
Hier werden kleine Roboter zusammengebaut. Foto: Holm Wolschendorf

In der „Maker Zone“, die die Stadtbibliothek anlässlich ihres 75-jährigen Jubiläums in einem ihrer Veranstaltungsräume eingerichtet hat, baut Akira hat gerade einen Malcomputer zusammen. Aus alten Textmarkern und zwei parallel übereinanderliegenden Eisstielen, die über ausrangierte Tischtennisbälle miteinander verbunden sind. Auf dem oberen Eisstiel hat Akira eine Batterie angebracht und mit einem Minimotor verbunden. „Wenn man die Batterie anschaltet, fängt die Maschine an, zu vibrieren“, erklärt er und drückt auf den Startknopf. Der Malcomputer funktioniert und vollzieht sogleich kreisartige Bewegungen auf einer großflächigen Papierunterlage, die Textmarker hinterlassen bunte Kreislinien.

Es ist das erste Mal, dass Akira, der an seinem Gymnasium den Schwerpunkt Naturwissenschaft und Technik gewählt hat, eine solche Maschine zusammenbaut. „Wenn man sich erst mal reingedacht hat, ist es eigentlich gar nicht schwer“, erzählt der Schüler. „Es macht Spaß. Mich interessieren aber nicht nur die technischen, sondern vor allem die ästhetischen Aspekte.“

Büchereien auch ein Ortder Demokratiebildung

Die „Maker Zone“ ist an diesem Tag nur eine von zahlreichen Angeboten für die ganze Familie. Auf dem Rathausplatz präsentiert sich der Bücherbus, im Lesegarten tragen die Vorlesepaten Geschichten vor, die Kinder sind auf Schatzsuche oder im Bilderbuchkino. „Natürlich ist es unter den gegebenen Bedingungen kein echter Tag der offenen Tür“, meint Einrichtungsleiter Thomas Stierle. „Aber wegen der niedrigen Inzidenz konnten wir zumindest das Kinderangebot kurzfristig noch ein bisschen ausbauen.“ Als i-Tüpfelchen wurde bereits am Freitag bekannt, dass Stierles Haus als baden-württembergische Bibliothek des Jahres 2021 ausgezeichnet wird.

Teil des Jubiläumsprogramms sind zwei Veranstaltungen, die auch online übertragen werden. Am späten Nachmittag liest der aus Hamburg zugeschaltete Saša Stanišic aus seinem Kinderbuch „Hey, hey, hey, Taxi“. Der vielfach preisgekrönte Autor, zuletzt mit dem Schillerpreis der Stadt Marbach geehrt, hat seine öffentlichen Auftritte in der Coronapandemie stark reduziert. Für das Jubiläum der Ludwigsburger Stadtbibliothek macht er aber eine Ausnahme – die Barockstadt ist ihm in guter Erinnerung geblieben, weil er während seiner Heidelberger Studienzeit mit Freunden immer wieder ausgiebig in der Rockfabrik gefeiert hat.

Zuvor hat Stierle mit dem ebenfalls zugeschalteten Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar und der Ersten Bürgermeisterin Renate Schmetz über die künftige Rolle der Bibliotheken diskutiert. Yogeshwar ist der Enkel des renommierten indischen Bibliothekswissenschaftlers S. R. Ranganathan (1892–1972), dem das Fach wichtige Impulse verdankt. Ranganathan stellte unter anderem die fünf Gesetze der Bibliothekswissenschaft auf. Bei seinem Vortrag konzentriert sich sein Enkel vor allem auf eines dieser Gesetze: die Bibliothek als wachsender Organismus.

In der Vergangenheit seien Bibliotheken eine Art Bücherspeicher gewesen, sagt Yogeshwar. In der jetzigen Zeit des Umbruchs müssten die Einrichtungen noch stärker zu Orten des Austauschs, der Demokratiebildung und der Wissensvermittlung für alle Bevölkerungs-schichten werden, fordert der Fernsehmoderator.

OB träumt von einer neuenlichtdurchfluteten Bibliothek

Als Beispiel nennt er den Neubau einer Bibliothek in Köln-Kalk, einem sozial benachteiligten Stadtteil der Rheinmetropole. Mit dieser Standortwahl habe die Stadt Köln ein Zeichen gesetzt. „Kalk ist ein bisschen die Bronx von Köln“, sagt Yogeshwar. „Dort ist ein Schmuckstück entstanden, das sich in der Bevölkerung hoher Akzeptanz erfreut: Ein beliebter Treffpunkt für Mütter und Kinder, die in der Bibliothek ganz nebenbei die Chance erhalten, sich weiterzubilden.“ Sein Fazit: „Früher waren Bibliotheken Orte der Gebildeten. Das Beispiel Köln-Kalk zeigt, dass sie mehr auf die Menschen zugehen müssen.“

Einen Neubau kann sich Stierle auch in Ludwigsburg vorstellen, denn das Kulturzentrum sei längst zu eng geworden. Der ebenfalls beim Jubiläum anwesende Oberbürgermeister Matthias Knecht geht zum Ende der Podiumsdiskussion auf diese Anregung ein und zeigt sich geradezu visionär. Seine Idee: Eine neue Einrichtung über den Gleisen am Ludwigsburger Bahnhof, lichtdurchflutet und mit Blick über die Stadt. „Vielleicht bekommen wir am Bahnhof ja nicht nur eine Unter-, sondern auch eine Überführung“, so der OB. „An dieser Stelle eine der modernsten Bibliotheken Europas, das wäre mein Wunschtraum.“

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