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Kunst
Vom Gegensatz der Perspektiven

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Die beiden türkischen Künstlerinnen Sibel Horada und Buket Savci stellen im Kunstverein Ludwigsburg aus

Ludwigsburg. Es ist ein reizvoller Spagat, den der Kunstverein mit seiner aufgeteilten Doppelausstellung „Zwei Positionen“ ab jetzt präsentiert: Die beiden türkischen Künstlerinnen Sibel Horada und Buket Savci haben vor allem die Herkunft gemein – ihre Kunst könnte unterschiedlicher kaum sein. Zumindest auf den ersten Blick. Im großen Ausstellungsraum im Erdgeschoss zeigt Horada, die in Istanbul lebt, mehrere Installationen. Die Strukturen stehen bei ihr im Vordergrund, die vorherrschenden Farben sind Schwarz und Weiß – der Blick auf die Welt erscheint düster, aber nicht aussichtslos. Bei der Wahl-New-Yorkerin Savci im Untergeschoss hingegen pulsiert das pralle Leben, so scheint es. Genauer betrachtet, weist die vermeintlich so kitschig-heile Welt jedoch Risse auf. Der Blick schweift also in die jeweils andere Richtung. Dass sich ihre Kunst an einzelnen Punkten in ihrer Betrachtung von Existenz und Einsamkeit berührt, wird auch in der Umsetzung der Schau angedeutet: Wie ein Implantat ist jeweils ein Werk der einen Künstlerin in der Ausstellung der anderen zu sehen. Die beiden waren sich vor der Ludwigsburger Ausstellung noch nie begegnet. Via Internet tauschten sie sich über ihre Ideen aus, um Bezüge herstellen zu können – ohne ihre eigene Position aufzugeben.

Für ihre Installation „Forest“ (Wald) hat Sibel Horada, Jahrgang 1980, genau 38 dünne Buchenstämme mittels einer speziellen japanischen Technik kontrolliert verkohlt, so dass sie eine feine Struktur und eine kräftige schwarze Farbe erhielten. Diese Methode macht das Holz widerstandsfähig – sowohl gegen Feuchtigkeit als auch gegen Feuer. Aufgehängt an feinen Schnüren, scheinen die Stämme vertikal im Raum zu schweben. Bei längerer Betrachtung wirkt der Wald jedoch immer weniger statisch, nimmt beinahe menschliche Züge an: Jeder Stamm hat eine eigene Form, die Einsamkeit des Individuums, die Horada mit dieser Arbeit thematisiert, wird indes kompensiert durch den Gedanken des Kollektivs. Der deutlich sichtbare schwarze Kleber, der die Einzelteile der zerlegten Stämme miteinander verbindet, erscheint daher wie das Blut eines Körpers.

Horada hat in der Vorbereitung ihrer Ausstellung Wert darauf gelegt, einen Bezug zur Barockstadt in ihrem Werk herzustellen. Im Januar war sie erstmals in Ludwigsburg, die Historie rund um das Schloss kam ihr vor wie ein Märchen, erzählt sie. Diese schnurgerade Straße namens Solitudeallee hatte es ihr rasch angetan – nicht zuletzt wegen des Namens, der einerseits die Einsamkeit, aber auch Gedanken von Freiheit in sich trägt. Horada mag die Doppeldeutigkeiten, die Offenheit von Begriffen in alle Richtungen. Aufgegriffen hat sie die Straße, indem sie die Buchstaben des Namens aus einem Papierbogen ausgeschnitten und spiegelverkehrt an der Wand im Ausstellungsraum angebracht hat. Auf einer langen Papierrolle hat sie in technisch ähnlicher Weise den Grundriss von Frisonis Bauplänen des Barockgartens ausgeschnitten. Aus schwarzem Kunsthaar hat Horada barock anmutende Formen geflochten und in Rahmen an die Wand gehängt. „Abgeschnittenes Haar ist einerseits ein toter Teil des Körpers“, erklärt sie. „Auf der anderen Seite ist es aber auch ein extrem starkes Material.“

Wer nun, wahrscheinlich im Anschluss, die Salonausstellung von Buket Savci betritt, taucht ein in eine Welt des frivolen Miteinanders. Die großformatigen fotorealistischen Malereien zeigen Szenen eines scheinbar ausgelassenen Alltags in den eigenen vier Wänden. Sie habe in ihrer Heimatstadt Istanbul immer wieder Fotosessions mit ihren besten Freunden und ihrem Partner gemacht, erzählt sie. Bisweilen ausschnitthaft rückt vieles in den Blick der fernausgelösten Kamera: umschlungene, teils nackte Körper, wilde Bettlandschaften, schrillbunte Ballons, Eiscreme, aufblasbare Strandzubehör, ein einziges erotisches Chaos. Auch hier: Doppeldeutigkeiten. Sind die beiden Frauen auf „Ritual“ und „Istanbul Evening“ Freundinnen oder doch Partnerinnen? Was jedoch nie zu sehen ist, sind Gesichter. So bleibt das Geschehen anonym, potenziell übertragbar, auf jeden. Die Ballons sind prall und bunt – und doch, wie jedes Kind schmerzhaft erfahren muss – vergänglich. In jedem Bild steht, mal offensichtlicher, mal weniger, dieses Thema im Raum. Dass dies ein Moment des Glücks ist, der bald vorbeisein muss. Mit ihrer eigenen Nacktheit geht Savci unverkrampft um. „Wenn ich mich so präsentiere, tue ich dies aus einer feministischen Haltung heraus – ich mache das freiwillig, weil es mein Körper ist.“

Info: Die beiden Ausstellungen, die bis zum 5. Juli zu sehen sein werden, sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Weitere Infos auf www.kunstverein-ludwigsburg.de.