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Städtebau

Weggang von Wüstenrot: Bleibt das Areal für Wohnungen tabu?

Wie könnte man das Wüstenrot-Hochhaus neu nutzen, wenn das Unternehmen wie angekündigt das gesamte Gebäude räumt? Viele denken als Erstes daran, statt der Büroräume schöne Wohnungen mit Weitblick einzurichten. Doch die Sicherheitszone um ein Kornwestheimer Gaswerk steht nach Aussagen von Wüstenrot dagegen. Was hat es damit auf sich?

Teile des Gaswerks von Air Liquide in Kornwestheim. Foto: Holm Wolschendorf
Teile des Gaswerks von Air Liquide in Kornwestheim. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Ausgangspunkt der aktuellen Beurteilung zum Wohnungsverbot im Hochhaus ist ein Gutachten, das die Stadt Kornwestheim im Jahr 2017 in Auftrag gegeben hatte. Ein Fachbüro beurteilte Sicherheitsmaßnahmen für den Standort des Unternehmens Air Liquide im Gewerbegebiet an der Solitudeallee nahe Ludwigsburg. Das erklärt die Stadt Ludwigsburg auf Anfrage unserer Zeitung. Die Stadt ist zusammen mit dem Regierungspräsidium Stuttgart zuständig für Sicherheitsvorkehrungen in Bereichen, wo chemische Gefahrenstoffe hergestellt, verarbeitet oder gelagert werden.

Der Konzern Air Liquide bezeichnet sich selbst als Weltmarktführer bei der Herstellung von Gasen und den dafür nötigen Technologien. Das Unternehmen zählt weltweit über 64000 Mitarbeiter, hat in Deutschland 75 Standorte mit 4500 Mitarbeitern. Der Betrieb in Kornwestheim beschäftigt nach Angaben des Unternehmens rund 90 Menschen, 60 von ihnen im Service und Außendienst, im Werk vor Ort 30 Mitarbeitende. Ein Teil des Betriebs ist eine sogenannte Luftzerlegungsanlage. Den Produktionsprozess beschreibt das Unternehmen so: „Über einen Filter wird Luft angesaugt und mit einem Kompressor verdichtet. Die komprimierte Luft wird nach Reinigung und Trocknung abgekühlt und in einen hohen Turm geleitet. Dort wird die sehr kalte Luft in ihre Hauptbestandteile Sauerstoff, Stickstoff und Argon zerlegt.“

Das sind Gefahrenstoffe, für die es Sicherheitsvorkehrungen in unterschiedlicher Stufen gibt. Einschränkungen bis hin zum Wüstenrot-Hochhaus stammen aber aus einer anderen Quelle: Chlor, das bei Air Liquide zwar nicht produziert, dort aber angeliefert, gelagert und vertrieben wird.

Lesen Sie hier: Wüstenrot gibt Standort in Ludwigsburg weitgehend auf

Im Rahmen des von der Stadt Kornwestheim beauftragten Gutachtens, so die Informationen aus dem Ludwigsburger Rathaus, wurde anhand fiktiver Störungsszenarien für den Betriebsbereich mit Chlor und für einen möglichen Austritt dieses Gases ein Sicherheitsabstand (Radius) von mindestens 741 Metern ermittelt. Das Wüstenrot-Hochhaus befinde sich am Rande, aber noch innerhalb dieses Radius.

In einem solchen Sicherheitsradius sind bestimmte Nutzungen, wie zum Beispiel Wohnen, nicht möglich oder können – wie im Fall Wüstenrot – nicht neu genehmigt werden. Über Wohnen hinaus betreffen laut Stadtverwaltung solche Beschränkungen auch öffentlich genutzte Bereiche wie Schulen, Kindergärten, Altenheime oder Einkaufszentren. Die Stadt Kornwestheim habe angesichts dieser Lage ihre Planungen für das Wohngebiet „Vor dem Wald“ eingestellt, das ebenfalls innerhalb der Sicherheitszone liegen würde.

Bestandsgebäude dagegen, etwa im benachbarten Ludwigsburger Wohngebiet Lerchenholz, seien nicht betroffen. Das restliche Wüstenrot-Areal hinter dem Hochhaus befindet sich laut Stadt bereits außerhalb des vorgegebenen Sicherheitsabstands. Dort können also nach Räumung der Büros und möglichem Abriss der bestehenden Bürogebäude auch neue Wohnungen entstehen. Entsprechende Planungen für Neubauten und einen Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten und Dienstleistungen sind schon seit einigen Jahren Stoff für Gespräche zwischen Stadt und Wüstenrot.

In diese Planungen für eine Neuordnung des Areals soll jetzt auch das Hochhaus einbezogen werden – wegen der eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten ist dabei ein Abriss offenbar nicht ausgeschlossen. Bei der Frage, ob es Möglichkeiten gibt, den Sicherheitsradius zu verkleinern, oder Maßnahmen, die Wohnen doch möglich machen würden, hält sich die Stadt bedeckt.

Von den Einschränkungen betroffen sind auch Freiflächen in Nachbarschaft zum Wüstenrot-Areal jenseits der Bahngleise. Hier gibt es bei der Stadt schon länger Überlegungen, wie diese Flächen genutzt und entwickelt werden könnten, bisher aber ohne greifbare Ergebnisse.

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