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Rettungsgasse

Wenn Notfallhelfer blockiert werden

Bei schweren Verkehrsunfällen auf der Autobahn kommt es für die Rettungsdienste oft auf die Minute an. Die Hilfskräfte kommen allerdings zu 80 Prozent nicht schnell genug voran, weil keine Rettungsgassen gebildet werden. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie des Deutschen Roten Kreuzes. Auch im Landkreis Ludwigsburg sind Blockierer ein Problem.

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Nur wenn die Gasse zwischen der linken und der daneben liegenden Spur breit genug ist, gelangen die Rettungskräfte schnell zum Unfallort. Foto: VRD/stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. In Paragraf 11, Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung ist klar geregelt, dass für Polizei und Rettungsfahrzeuge eine Gasse gebildet werden muss, „sobald Fahrzeuge auf Autobahnen sowie auf Außerortstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen für eine Richtung mit Schrittgeschwindigkeit fahren oder sich die Fahrzeuge im Stillstand befinden“. Obwohl eine klare Regelung existiert und Rettungsgassen bei Unfällen über Leben und Tod entscheiden können, werden sie häufig falsch oder gar nicht gebildet. „Die Akzeptanz ist noch nicht so, wie wir uns das vorstellen“, sagt Peter Widenhorn, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Er erinnert an den 12. November, als ein Lastwagen auf der A 81 bei Möglingen ein Brückengeländer durchbrach und auf eine Landstraße stürzte. Kilometerlange Staus über Stunden hinweg waren die Folge. Am Ende notierte die Polizei sage und schreibe 80 Verstöße gegen die Regelung, eine Rettungsgasse zu bilden. Jeder wurde zur Anzeige gebracht. Laut Widenhorn beobachtet die Polizei das Verhalten der Verkehrsteilnehmer, sobald es aufgrund eines Unfalls zu einem Stau kommt. Blockierer werden dann umgehend angezeigt und müssen mit hohen Bußgeldern rechnen (siehe Begleitartikel).

Was es für Rettungskräfte bedeutet, nicht schnell genug zum Unfallort zu kommen, weiß Thomas Jetter, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Freiberg. „Es kommt für uns auf jede Minute an“, sagt er. Mit den breiten Löschfahrzeugen sei es ohnehin schwierig genug, durch den Stau zu fahren. Kostbare Zeit gehe allerdings verloren, wenn wegen der Blockierer immer wieder gestoppt und erneut angefahren werden muss. Viele Autofahrer würden auch nicht daran denken, dass nach einem Rettungsfahrzeug noch ein weiteres kommen könnte. „Mit Polizei und Rettungsdienst sind das oft acht bis zehn Fahrzeuge, die da durch müssen“, sagt Jetter. Am schlimmsten seien diejenigen, die sofort die Rettungsgasse wieder zumachen, um die Szenerie mit ihren Smartphones zu filmen. Bei einer fünf bis sechs Kilometer langen Strecke habe man durchaus das Gefühl, wegen der vielen Ausweichmanöver zwei bis drei Minuten länger unterwegs zu sein, als nötig. Offenbar würden viele Menschen nicht daran denken, dass an der Spitze des Staus jemand dringend Hilfe benötigt. „Da gebietet es einem eigentlich der Anstand, gleich Platz zu machen“, so der Feuerwehrkommandant.

„Größtenteils funktioniert das Bilden einer Rettungsgasse nicht, was zu einer Zeitverzögerung führt“, sagt Steffen Schassberger, Pressesprecher des DRK-Kreisverbands Ludwigsburg. Das Problem hätten die DRK-Fahrer nicht nur auf der Autobahn, sondern auch innerorts. „Wenn wir durch Ludwigsburg fahren, werden dort nirgends Rettungsgassen gebildet“, beklagt Schassberger. Bei einer Rettungsfahrt mit Blaulicht und Martinshorn sei der Stressfaktor ohnehin hoch – vor allem an Kreuzungen mit Ampeln. Viele Verkehrsteilnehmer wüssten offenbar nicht, dass sie auch bei Rotlicht in den Kreuzungsbereich fahren dürfen, um den Rettungswagen Platz zu machen. „Dabei wird das den Leuten schon in den Erste-Hilfe-Kursen beigebracht“, so Schassberger.

Daniel Groß von der Geschäftsführung des Arbeiter-Samariter-Bunds Baden-Württemberg, bricht eine Lanze für die Autofahrer, die insbesondere in der Region Stuttgart auf verkehrsreichen und stauträchtigen Autobahnen unterwegs sind. „Man rechnet auch nicht sofort mit einem Unfall, wenn man in einem Stau steht“, sagt Groß. Dennoch sei es unbefriedigend, wenn die Rettungskräfte keine freie Fahrt haben. Ordentliche Rettungsgassen würden die Einsatzzeiten deutlich verkürzen. Umso besser sei es, dass die Polizei sehr bemüht sei, die Autofahrer bei Staus zu kontrollieren. „Ich hoffe, dass das auch einen Effekt hat.“ Ansonsten sei es wichtig, noch mehr Aufklärungsarbeit zu leisten.

Ein Ansatz, den auch die Polizei verfolgt. „Aufklären, Präventionsarbeit leisten und kontrollieren“, zählt Polizeisprecher Peter Widenhorn die Möglichkeiten auf, die Autofahrer zur Vernunft zu bringen.