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Verkehr

Wie gut ist unsere Luft? Flechten geben Auskunft

Viel Wirbel gab es zuletzt um die Luftmessstelle in der Friedrichstraße. Kritiker befürchteten, es würden dort zu hohe Schadstoffwerte gemessen. Fast vergessen sie dabei, dass es eigentlich nicht nur um Fahrverbote für Dieselfahrer geht, sondern um Umwelt- und Gesundheitsschutz für die Bevölkerung. Doch Messstelle hin oder her: Mit einem Blick auf die Natur lässt sich jenseits der Spotmessungen einiges über die Güte der Luft sagen.

Harald Bartholmeß zeigt, wie man an den Bäumen ablesen kann, wie stark die Luftbelastung ist. Foto: Oliver Bürkle
Harald Bartholmeß zeigt, wie man an den Bäumen ablesen kann, wie stark die Luftbelastung ist. Foto: Oliver Bürkle

Natur ist wohl der Begriff, der einem am wenigsten in den Sinn kommt, während man an einem wolkenverhangenen Aprilmorgen in der Friedrichstraße steht. Der Verkehr rauscht lautstark an der Messstelle vorbei und macht eine Verständigung schwer. Wenige Meter entfernt, in der Hohenzollernstraße, ist es schon besser. Der Agrarbiologe Dr. Harald Bartholmeß zeigt auf einen Baum, etwa 40 Meter von der Friedrichstraße entfernt. Die Rinde ist grauschwarz und sieht für Laien wenig attraktiv aus.

Doch der Experte entdeckt auf dem Stamm einen Bewuchs, der ihm etwas über die Luftgüte der Umgebung erzählt: Flechten. „Anhand der unterschiedlichen Flechten können wir die Luftgüte bestimmen“, erläutert Bartholmeß, der zusammen mit anderen in der Kommission „Reinhaltung der Luft“ des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) ein allgemeingültiges Messverfahren entwickelt hat. Gute Luft zeigen eher sogenannte Strauchflechten an, Gelbflechten sind ein Hinweis auf viele Luftschadstoffe (siehe Infotext).

Seit er 1982 für seine Diplomarbeit eine Flechtenkartierung an Obstbäumen auf der Filder durchgeführt hat, haben diese faszinierenden Gewächse, die keine Pflanzen sind, sondern Doppellebewesen aus Pilz und Alge, ihn nicht mehr losgelassen. Schon damals hatte er ein prägendes Erlebnis. Ein Birnbaum in einiger Entfernung zur Autobahn zeigte auf der Seite zur Straße hin eine schwarze Rinde, während der Stamm auf der straßenabgewandten Seite natürlich aussah. Der Grund für die Färbung: Ablagerungen aus Reifenabrieb und Abgasen des Verkehrs.

Schwielenflechte breitet sich aus

In der Hohenzollernstraße ist der Baum rundum „staubimprägniert“, so der Fachausdruck. „Hier wachsen nur Flechten, die durch Stickstoffverbindungen, Stäube oder andere Luftverunreinigungen geradezu gefördert werden und daher solche Rinden besiedeln.“ Es ist ein Anzeichen dafür, dass die Luft belastet ist. Die Arbeitsgruppe hat dafür eine Liste an Zeigerpflanzen herausgegeben. Die Skala reicht von 1 bis 9, wobei neun für extrem Stickstoff liebende Flechten steht – die sich in schadstoffbelasteter Luft wohlfühlen. Eine dieser Arten ist die Schwärzliche Schwielenflechte. In Ludwigsburg kommt sie bislang nur an wenigen Stellen vor, allerdings mit zunehmender Tendenz.

Bartholmeß hat in den Jahren 2004 bis 2013 zwei Flechtenkartierungen der Stadt Ludwigsburg sowie eine Studienarbeit unter der Federführung von Susanne Schreiner vom Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement fachlich begleitet. Er hat Ehrenamtliche darin ausgebildet, zu erkennen, ob es sich um Flechten handelt, die gute Luft anzeigen, oder um solche, die nur in schadstoffbelasteter Luft gedeihen. Um die Flechten zu erkennen braucht es einen geschulten Blick und eine Lupe. Bestimmungsmerkmale wie Größe, Wuchsform, Fruchtstände, Haftorgane oder Farbe können variieren. „Flechten reagieren sehr empfindlich auf Umweltveränderungen“, erklärt der Experte. „Sie haben kein schützendes Gewebe, wie Pflanzen. Sie nehmen Nähr- wie auch Schadstoffe mit dem gesamten Körper auf, nicht etwa gefiltert über den Boden.“ Symbiotisch verwoben profitieren Pilz und Alge von ihrer Lebensgemeinschaft. Einerseits befähigt dieser Zusammenschluss die Flechten, extreme Lebensräume, von Wüsten bis hin zu arktischen Tundren, zu besiedeln. Andererseits reagieren diese fein aufeinander abgestimmten Organismen auch hoch empfindlich auf Umwelteinwirkungen. Das machen sich die Flechtenkundler zunutze. „Der Vorteil unserer Methode gegenüber der Messung einzelner Luftschadstoffe ist, dass die biologische Wirksamkeit aller Schadstoffe erfasst wird und das in der Fläche“, sagt Bartholmeß.

Zunehmende Luftverunreinigung

Er hat bereits 2009 festgestellt, dass der Einfluss durch Luftverunreinigungen zugenommen hat. Dies führt er insbesondere auf Schadstoffe aus dem Kfz-Verkehr zurück, welche die Luft belasten. Kartierungen in anderen Städten Baden-Württembergs zeigten ein ähnliches Bild, so der Experte. Die Luftgüte im Stadtgebiet Ludwigsburg wurde überwiegend mit „mittel“ angegeben, in einigen Messfeldern mit „gering“. So etwa in Messfeld 43, dem der Baum in der Hohenzollernstraße angehört. Inzwischen ist dort die Schwärzliche Schwielenflechte zu finden, was den Einfluss der Luftverunreinigungen aus dem Verkehr in der Friedrichstraße dokumentiert.

Ein ganz anderes Bild, zeigt sich dagegen, wenn man der Friedrichstraße Richtung Osten über die B.27 bis zum Salonwald folgt. 2009 stellte Bartholmeß fest, dass der Flechtenbewuchs im Messfeld westlich und östlich der B.27 sehr unterschiedlich war. 2013 bestätigte eine Detailkartierung in der Eugenstraße, dass dort, im Einflussbereich des Salonwaldes, eine hohe Luftgüte vorherrscht. Der kleine Salonwald scheint also eine große Wirkung für die Frischluftzufuhr zu haben.

Gerade solche lokalklimatischen Effekte könnten in Zukunft von Bedeutung sein, wenn es um Strategien zur Klimaanpassung geht, meint Bartholmeß. Aktuell hat die VDI-Kommission eine neue Richtlinie zum Monitoring lokaler Klimaveränderungen herausgebracht. In Ludwigsburg würde sich eine Wiederholungskartierung und die neuerliche Betrachtung der Zeigerflechten für Stickstoff und Klimawandel anbieten, regt der Biologe an. Wenn das Biomonitoring auch keine exakten Messwerte zu liefern vermag, so scheint es doch wertvolle Hinweise auf Klimaeffekte sowie ein Bild der Schadstoffbelastung in der Fläche zu geben.

Eines jedenfalls zeigt der Blick auf die Flechten: Mit Aktivitäten rund um die Messstellen, die nur darauf abzielen, Fahrverbote zu verhindern, wird man dem Thema Luftreinhaltung nicht gerecht.

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