Ludwigsburg. In diesen Tagen packt die künstlerische Direktorin der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK), Elisabeth Schweeger, ihre Koffer, zumindest sprichwörtlich: An ihrer neuen Wirkungsstätte als künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt Europas 2024 Bad Ischl-Salzkammergut in Österreich hat sie bereits im November angefangen, nun verlässt sie Ende März die Barockstadt ganz. Seit 2014 leitete die gebürtige Wienerin (Jahrgang 1954) die Akademie, ihr Vertrag wurde im Jahr 2019 verlängert und wäre noch bis Herbst dieses Jahres gelaufen. Über ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger ist aktuell, zwei Wochen vor Amtsantritt, offiziell noch nichts bekannt.
Als Schweeger vor acht Jahren die Leitung in Ludwigsburg übernahm, stand die Finanzierung der sechs Jahre zuvor gegründeten Hochschule auf wackligen Beinen, auch konzeptionell war unter ihren damals bereits drei Vorgängern noch Luft nach oben geblieben. Im Abschiedsinterview mit unserer Zeitung spricht die so kantige wie humorvolle Österreicherin über Theater als gesellschaftliches Instrument, die Bedeutung von guter Streitkultur und ihre neuen Aufgaben.
Frau Schweeger, Sie sind nach knapp acht Jahren nun kurz vor dem Absprung aus Ludwigsburg. Insgesamt: Sind Sie zufrieden?
Elisabeth Schweeger: Ja – sehr. (hält inne) Wenn man eine solche Institution übernimmt, bei der zu Beginn nicht sicher ist, wie es überhaupt weitergeht, ist man natürlich zufrieden, wenn man sie so fundamentiert hat, dass sie steht, dass sie eine Zukunft hat. Wir haben die Akademie weiterentwickelt, sie ist jetzt international anerkannt, wie wir uns das anfangs vorgenommen hatten.
Beim Zehnjährigen der ADK 2018 sagten Sie noch im Interview, Sie hätten Angst gehabt, die Totengräberin zu werden. In den sechs Jahren vor Ihnen hatten Sie drei Vorgänger. Wann merkten Sie, dass es läuft?
Zwischendurch war die Situation ein bisschen unsicher – aber ich denke, keiner wollte diese Institution aufgeben. Es ging darum, die Lage zu stabilisieren und den Campus durch die mittlerweile wirklich sehr gute Zusammenarbeit mit der Filmakademie zu stärken. Vielleicht brauchte es auch einfach ein bisschen Frauenpower. (lacht) Meine Erfahrung ist schon, dass Frauen oft dann geholt werden, wenn es eine Schräglage gibt, zum Aufräumen. Frauen übergeben dann immer ein ziemlich gutes Terrain! (lacht) Jedenfalls habe ich nach fünf Jahren gemerkt, dass das Schiff gut dasteht. Wir wussten, wir haben nun ein praxisorientiertes, interdisziplinäres Ausbildungssystem, sind international anerkannt und haben gute Netzwerke aufgebaut. Wir merken das ja auch an den sehr guten Bewerbungszahlen – und wir kriegen unsere Absolventinnen und Absolventen gut unter.
Sie haben auch immer viel Wert auf Kooperationen gelegt, etwa mit dem Schauspiel Stuttgart…
…ganz wichtig! Dass wir mit den umliegenden Theatern so eng zusammenarbeiten können, dass unsere Studierenden in ein hochprofessionelles Umfeld kommen und sich dort behaupten. Wichtig war aber auch die Internationalisierung. Das deutschsprachige System ist bislang sehr institutionell geprägt, es öffnet sich, das Digitale erfordert viele neue Ansätze. An unserer Vision muss nun weiter gearbeitet werden. Woran wir arbeiten, ist unter anderem der transnationale, europäische Master mit Polen, der Schweiz und Österreich für die ehemaligen Studierenden der Budapester Universität für Theater und Filmkunst SZFE.
Die Hochschule wurde von der rechtskonservativen Regierung in Ungarn umgekrempelt. Da geht es für die Hochschulen und die Kunst schnell ins Politische.
Kunst ohne politische Haltung kann man nicht machen – das versuchen wir unseren jungen Leuten auch immer zu vermitteln. Eigentlich ist es ja egal, welchen Beruf du hast, du hast eine gesellschaftliche Verantwortung. Mit der Kunst kann man aber noch viel stärker aufrütteln, weil sie über die Emotionalität geht, nicht über Sachlichkeit, die im politischen Raum walten sollte. Das macht etwas mit einem. Und das ist die Verantwortung für die Künstler und Künstlerinnen: Dass sie wissen, dass sie ein starkes Instrument an der Hand haben, mit dem sie etwas bewirken können. Kunst hat mit Aktivismus zu tun und mischt sich in gesellschaftliche Prozesse ein.
„Denken ist sexy“, haben Sie mal gesagt. Ist das ein Motto, das Sie stets vermitteln wollen?
Ja. (lacht) Neue Leute kennenzulernen, ist das Eintauchen in eine andere Welt, die mir etwas bringt oder mich zumindest auf den Prüfstand stellt. Mir ist auch eine gute Streitkultur wichtig, weil sie die Grundlage einer zivilen Gesellschaft ist, die sich demokratisch nennt. Wenn du nicht streiten lernst, hast du weniger Möglichkeiten, miteinander friedlich zu leben. Ich habe versucht, das den Studierenden mit kleineren Formaten, aber auch mit der Reihe „Montags an der ADK“ zu vermitteln: Es gibt neben der eigenen Profession noch andere Themen, die aber durchaus hineinfließen in die eigene künstlerische Arbeit. Das ist wichtig – auch eine Frage der Rhetorik.
Gibt es da aus Ihrer Sicht gewisse Defizite?
Die Kommunikationswege haben sich verschoben. Wir merken, dass durch das Digitale, durch Social Media Sprachveränderungen stattfinden, ohne das jetzt zu bewerten. Wir lernen, mit diesen Veränderungen umzugehen und dabei Wert auf Nuancen und Differenzierungen zu legen. Bestehen kannst du nur, wenn du bei bestimmten Thematiken nicht plakativ bist, sondern dem Für und Wider Raum gibst. Das fällt bei der Schnelligkeit der Kommunikation heute manchmal unter den Tisch – und das halte ich für wirklich gefährlich.
Inwiefern?
Wir handeln sofort, statt uns Zeit zu geben. Theater ist ein Medium, das eher retardierend ist, gegen die schnelle Kommunikation arbeitet, zeitversetzt. Es braucht Zeit, um Themen und künstlerische Positionen zu entwickeln – deswegen ist Theater ein wichtiges Instrument für die Gesellschaft. Auch was die Notwendigkeit angeht, Erinnerungskultur zuzulassen, um das Morgen zu bestreiten. Kultur und Nachhaltigkeit sind gleichbedeutend. Eine Gesellschaft, die keine Kultur hat, ist eine tote Gesellschaft – denn die Kunst ist ein Terrain der Recherche über Zustände in der Gesellschaft, in der wir leben. Kunst schärft die Wahrnehmung, und wir hoffen, dass darüber ein Bewusstsein entsteht, wie man sich so verhalten kann, dass man gemeinsam die Welt trägt und nicht gegeneinander agiert. Aber wir wissen: Kunst wird auch instrumentalisiert – dagegen gilt es sich zu verwehren.
Was hat die Coronazeit Sie gelehrt, an der ADK und persönlich?
Corona hat uns gelehrt, eine bedrohliche Zeit zu meistern und Wege zu finden, miteinander weiter zu leben und zu arbeiten. Zudem hat es einen Entwicklungsschub gegeben, der hoch spannend war: Dass wir in einer digitalen Welt leben, wussten wir schon vorher, aber Corona war noch mal ein Beschleuniger. Wir haben neue Möglichkeiten des Austauschs entwickelt und neue kreative Räume entdeckt. Ich glaube, dass das uns im Theater eine neue Sparte erschlossen hat, die anders funktioniert, mit anderen Formaten und Narrativen. Im digitalen Raum spielt man anders miteinander und kann Raum und Zeit überwinden – mit Veranstaltungen, bei denen die ganze Welt zuschauen kann! Aber natürlich hat Corona auch die gesellschaftlichen Differenzen verschärft, die Kluft von Arm und Reich vergrößert, massive Machtverschiebungen mit sich gebracht.
Stichwort Zukunft: Was hat in Ihrer Zeit an der ADK noch nicht ganz geklappt, was muss noch kommen?
Die neuen Studiengänge, die wir in die Wege geleitet haben, müssen in die Praxis umgesetzt werden, etwa das „ADK Lab International“. Es muss verstärkt um neue künstlerische Produktionsformen, Transdisziplinarität und mehrsprachiges Arbeiten gehen. Die Kooperation mit der Filmakademie sollte weiter ausgebaut werden – das ist etwas, das es so nur hier auf dem Campus gibt. Die Verbindung von Film, Medien und performativen Künsten ist enorm wichtig, da sind wir auf einem guten Weg. Es gibt noch Luft nach oben. Es braucht oft eben doch länger, als man ursprünglich denkt.
Mit dann 68 Jahren, so sagten Sie im vergangenen Jahr mit Blick auf Ihren Abschied, seien Sie auch langsam zu alt für eine Akademie. War das Koketterie oder meinen Sie das so?
(lacht) Ich finde schon, dass man irgendwann mal das Zepter abgeben und erkennen muss, dass es gut ist, wenn ein neuer Geist kommt. Meine Stationen haben immer etwa acht Jahre gedauert, unabhängig vom eigenen Alter. Es ist gut, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Das treibt die Entwicklungsmöglichkeiten voran. Ob man zu alt ist, hängt eher an den Personen. Ich bin immer jemand gewesen, der das Neue sucht – insofern spielt das Alter eigentlich keine Rolle. In meiner Branche hört man ja auch nicht wirklich auf. Man wacht mit dem künstlerischen Denken auf und man geht damit ins Bett.
Deshalb wollten Sie ja eigentlich auch etwas kürzertreten…
Ja, das wollte ich eigentlich schon. Aber dann kam das Angebot aus Österreich. Es war immer die Aufgabe, die mich gelockt hat. Wenn sie spannend ist, vielleicht auch schwierig, komplex, dann interessiert mich das. Weil ich denke, es ist eine Herausforderung. Und dann werfe ich alles rein.
Wie ist der Stand in Bad Ischl/Salzkammergut?
Komplex. Ist schon sehr herausfordernd, ein sehr umfangreiches Terrain. Die Zeit ist wie immer zu kurz. Das Salzkammergut hat eine große kulturelle Geschichte, ein Salzabbaugebiet, das im 19. Jahrhundert höfisch wurde. Das Land hat sich durch die Machtverhältnisse stark gewandelt, zunächst durch die Habsburger Monarchie und das sehr aktive kulturelle jüdische Leben im 19. Jahrhundert, später durch den Nationalsozialismus. Hochinteressant. Da gibt es viel zu entdecken und zu lüften – und manchmal den Deckel zu heben.
Und Sie heben ihn hoch?
Ja, das versuchen wir. Es handelt sich hier um eine alpine Region, die außerdem stark vom Sommer-Tourismus geprägt ist. Ziel ist, eine regionale Entwicklung anzustoßen unter dem Motto „auf dem Land leben und trotzdem global arbeiten und vernetzt sein“ – wie im urbanen Raum. Was kann Kultur dazu beitragen? Den Landraum attraktiv gestalten, womöglich Urbanität schaffen, Strategien zur Ansiedelung ohne Versiegelung des Bodens entwickeln, die Menschen an die Region binden – Mobilität und Digitalität vorantreiben. Das Thema beschäftigt alle ländlichen Regionen, die unter Landflucht leiden.
In wenigen Tagen heißt es Abschied nehmen von Ludwigsburg. Auf welche Weise bleiben Sie der Stadt verbunden?
Man bleibt immer verbunden mit den Orten, an denen man so lange gelebt und gearbeitet hat, und mit den Menschen. Wir planen bereits ein gemeinsames Projekt für die Kulturhauptstadt 2024, die ADK wird da vorkommen. Man entkommt sich nicht.
Was werden Sie vermissen?
Wir haben ein gutes Miteinander gefunden. Es war schön mit den Menschen hier und die „next generation“ zu begleiten, um die Zukunft des Theaters zu gestalten. Ich mochte das sehr. Die kulturelle Offenheit in der Stadt und im Land habe ich sehr geschätzt, das ist nicht selbstverständlich. Kultur ist hier ein unverrückbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags. Ludwigsburg ist nicht groß, bietet jedoch alle Möglichkeiten einer Großstadt.
Einen Rat an Ihren Nachfolger vielleicht?
Offen bleiben. Diskursiv. Flexibel. Wissen, dass nichts in Stein gemeißelt ist und sich alles weiterbewegt.
