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Bildung

„Wir werden von Ihnen im Stich gelassen!“

„Familien an sich sind systemrelevant“: Eltern und Kinder demonstrieren vor dem Forum für einen besseren Stellenwert von Bildung und Interessen der Familien.Fotos: Holm Wolschendorf
„Familien an sich sind systemrelevant“: Eltern und Kinder demonstrieren vor dem Forum für einen besseren Stellenwert von Bildung und Interessen der Familien. Foto: Holm Wolschendorf
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Es sei schwer zu ertragen gewesen, sagt Monika Lützerath. Während die Spielplätze noch geschlossen und Kitas wie Schulen nur für die Notbetreuung und Abschlussklassen geöffnet sind, diskutiert die Bundespolitik über die Wiederaufnahme von Bundesligaspielen und Anreizprämien für Autokäufer, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Für die Mutter zweier Kinder und andere Eltern Anlass genug, am Mittwoch zu demonstrieren. „Wir haben gemerkt, dass Kinder, Familien und Bildung bei den Lockerungsmaßnahmen eine untergeordnete Rolle spielen.“ Und so taten sich Eltern aus Ludwigsburg und der Region zusammen. „Wir merken in Diskussionen mit anderen Eltern, dass wir einen Nerv getroffen haben.“ Der Ausnahmezustand, der wohl noch den Rest des Jahres anhalten wird, treffe die Familien hart.

Die Eltern in Kurzarbeit oder im Home Office, die Kinder ohne Spielkameraden und Freizeitmöglichkeiten, Betreuungsmodelle zusammengebrochen – viele Familien befänden sich auch psychisch in einer Ausnahmesituation, abgesehen von vielen finanziellen Sorgen. Lützerath kennt viele Familien, die in ihrer Verzweiflung doch die Großeltern wieder mit in die häusliche Betreuung eingetaktet hätten – mit großen Sorgen, dass diese durch mehr Kontakte auch deutlich gefährdeter sind, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Mit Kreativität schnelle Rückkehr zum Regelbetrieb

Andere begännen gerade damit, „Privatkindergärten“ zu organisieren, die zwangsläufig gegen jede Corona-Verordnung laufen. Das dürfe nicht passieren, so die Initiative. In Briefen an die Landesregierung, Politiker und die Stadtverwaltung macht sie ihrem Ärger Luft: „Wir werden von Ihnen im Stich gelassen! Wir fordern Sie auf, die Belange von Kindern und Familien endlich zu berücksichtigen. Geben Sie uns und unseren Kindern endlich eine Perspektive.“

So fordern die Eltern schnell eine weitere Öffnung von Kitas und Schulen. „Corona Schutzmaßnahmen halten wir für wichtig, dabei dürfen aber die Familien nicht aus dem Fokus geraten. Wir fordern daher eine schnellstmögliche Annäherung an den Ganztags-Regelbetrieb bis zum 15. Juni in Kita, Schule und Hort, sowie zusätzliche Betreuungsangebote in den Sommerferien.“ Auch müssten die Schulen für das Fernlernen von zu Hause mit entsprechenden Geräten wie Laptops ausgestattet werden.

Monika Lützerath und ihren Mitstreitern ist klar, dass hier das Land gefragt ist, aber: „Die Stadt muss in der Lage sein, vor Ort kreative Lösungen und Konzepte zu entwickeln.“ Sie müsse mehr Druck auf das Land machen. Die Initiative sei nicht gegen die Corona-Maßnahmen, betont die 40-Jährige, aber so lange die Abstandsregeln gälten, müsse mehr Platz geschaffen werden. Sie nennt Spielplätze, Jugendfarmen oder Turnhallen, die genutzt werden könnten.

Um Personalengpässe auszugleichen, fordern die Demonstranten zudem mehr Bemühungen um Hilfspersonal, etwa Studenten, Sport-Trainer, pensionierte Pädagogen oder Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ).

Es sei dringend, die Entwicklung der Kinder, die derzeit aus ihrem Alltag gerissen sind, nicht zu bremsen. „Kindern werden derzeit ohne Bedenken über einen langen Zeitraum pädagogische Angebote entzogen, die für ihre psychische, soziale und kognitive Entwicklung von elementarer Bedeutung sind“, beklagt die Initiative. Und gerade die frühkindliche Bildung habe einen starken positiven Effekt auf Kinder aus bildungsfernen Schichten und leiste einen sehr wichtigen gesamtgesellschaftlichen Beitrag.

„Diese Belastungen über Monate hinweg sind nicht zumutbar“

„Jobs im Homeoffice und die parallele Betreuung, Bildung und Förderung der Kinder ist eine massive physische und psychische Belastung“, sagt Monika Lützerath, die mit ihrem Mann – ebenfalls im Home Office – zusätzlich die ein- und vierjährigen Kinder bei Laune hält. Dieser Ausnahmezustand werde so lange gelten, wie es keinen Impfstoff gebe, der die Abstandsregeln obsolet mache. „Diese Belastungen über Monate hinweg sind nicht zumutbar.“

Vor der Sitzung des Gemeinderats schaute sich auch der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried die Demonstration an, und als er dazu aufgefordert wurde, trat er ans Megafon. „Ich habe keine wirklich guten Nachricht“, sagte er, denn man können noch nicht alle Kinder wieder in die Kitas aufnehmen. Er wisse nicht, ob bis nach den Pfingstferien die volle Öffnung gelinge, aber er sei sehr dafür, sagte Seigfried. Angesichts neuer Erkenntnisse über die geringe Ansteckungsgefahr bei Kindern sei er zuversichtlich. Unter Applaus kritisierte er das Land für dessen Vorgehen, mit Ankündigungen einer 50-Prozent-Öffnung bei den Kitas Erwartungen zu wecken, dies aber ohne Rücksicht, ob dies vor Ort tatsächlich unter den geltenden Vorschriften machbar ist.

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