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Wohnungssuche

Wo viele Studenten verzweifeln

Lange Wartelisten, hohe Preise, wenig Licht am Horizont – Wohnungssuche für Studienanfänger gestaltet sich schwierig

Mit kreativen Aushängen versuchen es viele Studenten an den Schwarzen Brettern an Hochschulen. So auch in der Filmakademie. Carlotta Koch (oben rechts) und Eric Swoboda (unten rechts) sind mittlerweile erfolgreich an eine Wohnung oder ein Zimmer geko
Mit kreativen Aushängen versuchen es viele Studenten an den Schwarzen Brettern an Hochschulen. So auch in der Filmakademie. Carlotta Koch (oben rechts) und Eric Swoboda (unten rechts) sind mittlerweile erfolgreich an eine Wohnung oder ein Zimmer gekommen. Foto: pb
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Versucht hat es Carlotta Koch auf jede erdenkliche Weise, an eine Wohnung in Ludwigsburg zu kommen. Gut einen Monat war die 19-jährige angehende Lehramtsstudentin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg auf Wohnungssuche, bis es endlich geklappt hat – gut einen Monat vor Beginn der Vorlesungen. „Ich bin unglaublich erleichtert“, sagt sie, nachdem sie vor wenigen Tagen ein Zimmer in einer Dreier-WG gefunden hat. Ebay, Facebook, Internetportale, etliche mehrstündige Zugfahrten, Schwarze Bretter an Hochschulen, an die sie Zettel mit ihrer Telefonnummer und Süßigkeiten gehängt hat – alles hat die künftige Studentin aus dem Landkreis Freudenstadt versucht. Als sie in Ludwigsburg war, hat sie sogar fremde Leute auf der Straße angesprochen, ob diese nicht eine Wohnung zu vermitteln hätten. „Die haben super nett reagiert, aber leider hat sich nichts ergeben“, blickt sie mit einem Lachen zurück.

Doch zum Lachen ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt in Ludwigsburg und dem Ballungsraum Stuttgart keineswegs, erst recht nicht kurz vor Semesterbeginn. „Es gibt zwar immer wieder solche Erfolgsgeschichten, trotzdem ist es fast unmöglich, bezahlbare Zimmer zu bekommen“, moniert Jakob Novotny. Der 26-Jährige, der bei der vergangenen OB-Wahl in Ludwigsburg mit 8,6 Prozent der Stimmen Dritter wurde, setzte sich schon im Wahlkampf für bezahlbaren Wohnraum ein. Außerdem kann er als Student aus eigener Erfahrung sprechen. Ein Jahr suchte er selbst nach einem Zimmer. „Meistens klappt es erst über persönliche Kontakte“, sagt er. Einen ähnlichen Eindruck hat auch Carlotta Koch. „Es hat mich erstaunt, dass es sehr wenige WGs gab, die nicht unter der Hand vergeben wurden“, sagt sie. Zudem kosten die Zimmer sehr viel. Von Angeboten, bei denen sie 500 Euro im Monat für ein 12-Quadratmeter-Zimmer hätte zahlen müssen, berichtet sie.

Einer Studie des Portals WG-gesucht.de und des Moses Mendelssohn Instituts zufolge sind die Mieten für ein Zimmer in Ludwigsburg 2018 auf durchschnittlich 420 Euro im Monat gestiegen. In Stuttgart auf 450 Euro. Damit liegt Ludwigsburg im bundesweiten Ranking auf Platz 27, Stuttgart auf Rang drei hinter München und Hamburg. In den letzten sieben Jahren sind die durchschnittlichen WG-Zimmer-Mieten an Hochschulstandorten in Deutschland um fast 100 Euro auf 386 Euro im Monat gestiegen. Das gab die Empirica-Preisdatenbank, die Immobilieninserate bündelt und auswertet, bekannt.

Doch Studenten sind nicht die einzigen Leidtragenden dieser Entwicklung, findet Novotny: „Fast alle Gesellschaftsschichten leiden darunter. Es gibt allgemein wenig bezahlbaren Wohnraum.“ Wie hart der Kampf um bezahlbare Zimmer sein kann, hat er erst kürzlich miterlebt. Für seine eigene WG hat er einen neuen Mitbewohner gesucht. „Das Zimmer bei uns kostet 300 Euro, das ist noch einigermaßen vertretbar“, sagt er. Über 100 Anfragen habe er in kurzer Zeit erhalten. „Da sind auch Alleinerziehende dabei, die in ein Zimmer in eine Studenten-WG ziehen würden, manche versuchen alles“, berichtet er.

Alternativen für Studenten sind oft Mangelware. 866 Zimmer in zwei Wohnanlagen betreibt das Studierendenwerk Stuttgart in Ludwigsburg. „Die Wartezeit für ein Zimmer beträgt zum Wintersemester sechs bis acht Monate“, berichtet Anita Bauer vom Studierendenwerk. Es wird empfohlen, sich ein halbes Jahr im Voraus für einen Platz zu bewerben. Bei Studienanfängern würde das in vielen Fällen bedeuten, sie müssten sich um einen Wohnheimplatz kümmern, noch bevor sie ihre Abiturprüfungen geschrieben haben. In der Regel ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht die endgültige Wahl auf einen Studienort gefallen. Immerhin: In Ludwigsburg lässt das Studierendenwerk zwei Wohnanlagen bauen. Eine in Eglosheim, eine am Campus Königsallee. 300 Plätze sollen damit zusätzlich geschaffen werden. Derzeit stehen 545 Studenten auf der Warteliste für Wohnanlagen in Ludwigsburg.

Das Studierendenwerk bietet zudem eine Vermittlungsplattform an. Unter www.platz-fuer-studierende.de können private Vermieter Angebote für Studenten kostenfrei einstellen. Doch auch dort kosten WG-Zimmer meist zwischen 330 und 500 Euro. „Man sollte schon ein bisschen günstiger wohnen können“, findet auch Eric Swoboda, Animationsstudent an der Filmakademie. Für 460 Euro hat er eine 43-Quadratmeter-Wohnung in Marbach ergattert. „Die Uni geht bald los“, blickt er erleichtert zurück, da sei er langsam nervös geworden. „Jetzt, wo das Studium losgeht, drücken manche bestimmt den Preis in die Höhe“, mutmaßt der Münchner und berichtet aus seiner Heimat. „In München ist es absoluter Krieg, um die Jahreszeit eine Wohnung zu finden.“ Der Staat könne sich laut dem 24 Jahre alten Swoboda „bemühen, mehr Wohnungen zu haben und anzubieten“.

Die Folge der hohen Mietpreise kennt auch Michael Breitner, Vorsitzender der Studierendenvertretung Asta der PH Ludwigsburg. „Fast alle Studenten, die ich kenne, haben einen Nebenjob“, sagt er. Das belegt die Statistik. 78 Prozent aller Studenten in Ludwigsburg arbeiten neben dem Studium. Damit liegt die Barockstadt bundesweit auf Rang vier – hinter Köln, Frankfurt und Siegen. „Das sollte aber auch nicht Sinn der Sache sein“, sagt Novotny dazu, dass viele Studenten arbeiten müssen.

Darauf ist Carlotta Koch wohl nicht angewiesen. Gerade einmal 250 Euro zahlt sie im Monat für ihr WG-Zimmer. „Ein totales Schnäppchen“, freut sie sich über die Dachgeschosswohnung, die zwar „sehr alt und marode ist, aber ich kann nicht meckern“. Und auch mit den Mitbewohnern scheint die Chemie zu stimmen. „Ich glaube, dass das gut funktioniert.“

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